Kolumne "Tokio Hotel":Im Zitronenbus

Kolumne "Tokio Hotel": Kein bisschen eintönig, mal verspielt, mal knallig: im Bus der Spiele.

Kein bisschen eintönig, mal verspielt, mal knallig: im Bus der Spiele.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Tokio ist das Weltzentrum der Busse: ein Traumort mit geheimen Zeichen, Ziffern und der rätselhaften Botschaft "FKK".

Von Holger Gertz

Auch bei diesen sentimentalen Olympischen Spielen der Stille und der Distanz müssen Athleten und Offizielle und Journalisten hierhin und dorthin gebracht werden, für diese Transporte sind offenbar sämtliche Reisebusse aus der Stadt und der Umgebung zusammengezogen worden. Wenn Busse sich ballen könnten, dann ballten sie sich hier. Tokio ist das Weltzentrum der Reisebusse. Und tatsächlich ist das Design dieser Busse anders, als man es kennt oder erwartet: kein bisschen eintönig, stattdessen mal verspielt, mal brachial. Die Busse in Japan sind auch außen ein Ereignis. Innen sowieso, weil da das Wlan so fabelhaft funktioniert.

Zum Beispiel der "Zentan Bus", Grundton Cheesecake, Schrift weinrot. Interessante Kombination, die Trikots der Fort Lauderdale Strikers sahen so ähnlich aus, in den Siebzigern, als Gerd Müller noch dort spielte. Der "Blue Bus 210" bringt designtechnisch Meerblau mit der Aufschrift in Rosa in Einklang, wobei die Ziffer 210 den Bus zum Mysterium werden lässt. Hausnummer? Höchstgeschwindigkeit? Und warum steht auf dem "Mitsuwa Mitsuwa" der Zusatz "Pop-Story"? Man weiß es nicht, am Busparkplatz macht der "Blue Bus 210" jedenfalls immer eine blendende Figur neben dem knallroten "Redliner 62", dem alarmroten "Galaxy Express", dem knallgelben "Grand Marine" und dem Bus mit der Aufschrift "Open up Japan", dazu eine aufgemalte Sonne. Stimmt schon, in den alten Büchern, die man als kleines Kind gelesen hat, war dieses Japan das Land der aufgehenden Sonne. So verbinden bunte Busse nicht nur Menschen und Orte miteinander, sondern auch Lebensetappen. Und auch für alte Kinder ist das natürlich hier ein Traumort, so ein Platz mit Bussen, lauter Bussen. Denn manchmal hört man, wartend, sein fünfjähriges Ich ganz leise flüstern: "Heut nehmen wir den Zitronenbus!" Der ist mit einer Art Limonenscheibe bemalt, fährt aber nur selten.

Seit neulich trübt ein blau-weißer, recht gewöhnlich aussehender Kandidat mit der aufdringlichen Botschaft FKK ein wenig das Bild, aber das wird ein Kürzel sein, das unsereiner nicht versteht. Der Lieblingsbus allerdings trägt die Aufschrift "Happiest passenger", mit dem wird der Olympiareporter dann hoffentlich mal von hierhin nach dorthin fahren dürfen, in der zweiten Woche dieser sogenannten Spiele. Und wenn's nur zum Gewichtheben geht.

© SZ/bkl
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