Kolumne "Dackel drauf":Einmal narrisch werden, bitte

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(Foto: Luis Murschetz)

So schlecht gelaunt und knauserig die Deutschen im Alltag gern rüberkommen - sie sind geschaffen dafür, Sportpublikum zu sein. Und das nicht nur in München.

Von Holger Gertz

"München ist olympia-narrisch" behaupten soeben die Kollegen und Kolleginnen von der Abendzeitung auf der allerersten Seite, und im zugehörigen Artikel wird der Conférencier beim Bouldern am Königsplatz zitiert: "Das Wetter ist genial, die Stimmung auch und die Kulisse der Wahnsinn!" Das ist natürlich das Schlüsselwort: Wahnsinn. Alles ist immer gleich Wahnsinn in der Übertreibungsgesellschaft. Wahnsinnig schlecht oder eben wahnsinnig gut: die Berge, die Championships, der Himmel, der Gfreidi, das Licht.

Hierzu sei nun unangemessen leise angemerkt, dass bei großen Sportevents in Deutschland die Stimmung nicht nur in München Wahnsinn ist, so eng und beschränkt sollte man die Dinge wieder mal nicht sehen. Anderswo ist auch Wahnsinn. Schon mal beim Beachvolleyball am Timmendorfer Strand gewesen? Beim Biathlon in Oberhof? Die Deutschen, so schlecht gelaunt und knauserig sie im Alltag gern rüberkommen - sie sind geschaffen dafür, Sportpublikum zu sein. Da öffnen sie weit ihre Herzen, da malen sie sich fremde Flaggen auf die Wange. Slogan der WM 2006? "Die Welt zu Gast bei Freunden." Stimmt ja, jedenfalls solange der Gast dann irgendwann auch wieder verschwindet. Der Reiz einer Begegnung liegt schließlich auch in ihrer Flüchtigkeit.

Deutschland, ein Sommermärchen, übrigens nicht nur 2006. Auch 1988 schon bei der Fußball-Europameisterschaft, vielzitiert 1972 bei Olympia in München. Selbst 1936 in Berlin, als bei Hitlers Propagandaspielen die Herrenmenschen eben nicht dominierten, jubelten die Leute einem schwarzen Wunderläufer aus Oakville, Alabama zu. "Zum unangefochtenen Publikumsliebling avanciert Jesse Owens", schreibt Oliver Hilmes in seinem aufwändig recherchierten Berlin 1936-Montageroman.

1993 zeichnete die Unesco das Stuttgarter Publikum der Leichtathletik-WM aus

Dass Deutsche sich fragen, ob sie gute Gastgeber sind, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun. Sie geben ihre Antwort darauf bei jedem Großereignis, auch in München, aber nicht nur in München. 1993 fand die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart statt - das Publikum dort, fachkundig und total unchauvinistisch, wurde mit dem Fairplay-Preis der Unesco ausgezeichnet.

Und bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974, auch das natürlich eine Form gelebter Gastfreundschaft, waren die niederländischen Ballschmuser um Johan Cruyff im Waldhotel Krautkrämer in Hiltrup untergebracht, wo sie sich den Pool des Hotels mit Hiltruperinnen geteilt haben sollen, in einer Art, die Cruyffs Frau dazu veranlasst haben soll, mit ihrem Mann danach am Telefon eingehend und stundenlang zu debattieren. Weshalb Cruyff im Finale dann nicht die gewohnte Leistung abrufen konnte. Sagt jedenfalls die Legende.

Keine Legende, sondern nachprüfbare Wahrheit ist das, was deutsche Journalisten erlebten, die bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 dabei waren. Als sie zur Eröffnungsfeier ins Nationalstadion gingen, standen die Einwohner Tokios am Straßenrand. Sie durften wegen Corona nicht zur Eröffnungsfeier in ihrer Stadt, aber sie winkten den fremden Reportern lächelnd hinterher. Wie gastfreundlich andere Länder sein können. Wahnsinn.

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