Kolumne "Dackel drauf":Knopfauge, sei wachsam

Lesezeit: 2 min

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(Foto: Luis Murschetz)

Waldi, das Olympia-Maskottchen von 1972, gibt es jetzt in einer aktualisierten, geschmeidigeren Version, ganz in Plüsch. Eine subtile Botschaft an alle, die Kopie mit Original verwechseln.

Von Holger Gertz

Die European Championships sind natürlich auch eine Erinnerung an Olympia 1972, die dort registrierte "Heiterkeit" wird auch jetzt erspürt, man kann's überall lesen und hören. Heiterkeit, Heiterkeit. Aber diesmal bitte ohne Schatten. Dazu passt, dass zum 50. Jubiläum der Olympia-Dackel Waldi noch mal aufgelegt worden ist. Waldi ist präsent in der ganzen schönen Stadt, im Großformat auf dem Marienplatz, als Plakat am Stadtmuseum, als Plüschfigur im Fanshop unten im Olympiaturm, die Liebe der Münchner zum alten Herzenshund flackert frisch. Nun wird der neue Waldi hergestellt von einem renommierten Kuscheltier-Produzenten, der Original-Waldi sollte dagegen gerade kein Kuscheltier sein.

Erinnerung an einen Besuch bei der Künstlerin Elena Schwaiger, die Waldi damals im Auftrag des Großdesigners Otl Aicher gestaltet hatte, sie sagte: "Ich habe versucht, der Firma Steiff klarzumachen, dass sie kein Plüschtier produzieren sollen. Das widerstrebte dem Aicher ja ganz besonders. Bloß kein Plüschtier!" Waldi sollte Symbol sein, Statement, kein Konsumartikel. Steiff brachte damals tatsächlich einen Sonderwaldi aus Holz raus, zum Zusammenstecken, die Preise dafür gehen bei Ebay gerade durch die sogenannte Decke, weil ein Statement irgendwann zum Luxusartikel wird, nicht mal Aicher konnte das verhindern.

Kolumne "Dackel drauf": Familienähnlichkeit: Olympia-Waldi von 1972 (vorne) und sein jüngerer Brüder, Jahrgang 2022.

Familienähnlichkeit: Olympia-Waldi von 1972 (vorne) und sein jüngerer Brüder, Jahrgang 2022.

(Foto: Gertz / oh/SZ)

Der klassische Waldi von '72 in Grün/Türkis/Blau/Gelb/Orange war aus stabilem, angerautem Stoff, mehr widerstandsfähig als lieblich, Augen und Nase aus blauem Filz, "Kopf und Schwanz in Himmelblau", an diese Vorgabe musste sich jeder Produzent halten. Der neue Waldi von '22 ist geschmeidiger, die Augen stehen wie kleine schwarze Halbkugeln aus dem Dackelhaupt hervor, schon diese Knopfäugigkeit lässt ihn lieblicher wirken als das Original.

Der neue Waldi ist ein Hund, der zur ausgestellten Innerlichkeit der Gegenwart besser passt, der neue Waldi ist innen weich und außen weich, mehr "in Plüschgewittern" (Herrndorf) geboren als bei kargem Frost oder sengender Sonne, und man kann durchaus bezweifeln, ob ein Blick aus Kulleraugen den alten Aicher beeindruckt hätte, wahrscheinlich nicht. Dass ein Olympiamaskottchen wiederauflebt, ist dennoch bemerkenswert: Würde man den Adler "Sam" von '84 nochmal sehen wollen? Den katalanischen Schäferhund "Cobi" von '92? Den Schneemann "Schneemann" von '76? Eben.

So ist dem neuen Waldi ein langes Leben zu wünschen, und dass er dem alten Waldi nur ähnelt, ohne ihn zu kopieren, ist am Ende eine subtile Botschaft an alle Olympiabesoffenen in der ganzen schönen Stadt: Was war, ist vorbei. Und das ist eigentlich ja auch ganz gut so.

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