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Köln - Mainz:Werbung für den Geisterfußball

Bundesliga - FC Cologne v 1. FSV Mainz 05

Keine Unterstützung von den Rängen, aber trotzdem waren die Kölner oft in Überzahl. Hier umzingeln Noah Katterbach (links) und Ellyes Skhiri den Mainzer Karim Onisiwo.

(Foto: Lars Baron/Reuters)

Dem 1.FC Köln gelingt es in einem spektakulären Match gegen Mainz nicht, eine 2:0-Führung zu halten.

Von Philipp Selldorf, Köln

Es mussten weder Ordner oder Polizisten noch das sogenannte Hygienepersonal einschreiten, als in den Schlussminuten die Leute in den Fanblöcken in Stimmung gerieten und dabei auch den Schiedsrichter Guido Winkmann nicht verschonten. Wer nicht zuschaute, sondern bloß zuhörte, mochte sich bei einem Fußballspiel auf dem Dorf wähnen, bei dem ein paar leidenschaftliche Besucher genügen, um ein fast volles Stadion zu simulieren. Zum Ende der Partie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 waren es die Ersatz- und Auswechselspieler, die Betreuer und Bediensteten, die sich heftig engagierten und damit den Part der abwesenden Fans in den stillgelegten Kurven übernahmen. Auf dem Platz gaben ihnen die Akteure allen Anlass dazu, beide Teams veranstalteten auf den letzten Metern "ein kleines Offensiv-Spektakel", wie der Kölner Angreifer Mark Uth später feststellte: "Wenig Verteidigung, wenig Mittelfeld, es ging hin und her."

An Chancen mangelte es nicht, an Treffsicherheit schon, aber Tore waren auch so bereits in hinreichender Menge gefallen, und schließlich waren auch alle Beteiligten damit einverstanden, beim Stand von 2:2 auseinanderzugehen. Der Mainzer Trainer Achim Beierlorzer teilte in seiner emphatischen Art mit, die Partie habe "einen absolut gerechten Ausgang" genommen, sein Kölner Kollege wollte ihm da nicht widersprechen: "Es war ein ansehnliches Spiel, immer spannend."

In alten Zeiten hätte man diese Partie aus dem Zwischenreich der Tabelle als "Werbung für den Fußball" gewürdigt, diesmal ließ sich von Werbung für den Geisterfußball sprechen. Beide Teams waren offensiv eingestellt und behielten bis zum Schluss die Intensität bei.

Die Kölner starteten besonders zügig: Uth verwandelte schon nach sechs Minuten einen Elfmeter, nachdem ihn Moussa Niakathé umgerissen hatte. Das 1:0 erwies sich jedoch als zwiespältiges Glück, "die frühe Führung hat uns, auch wenn's sich blöd anhört, gar nicht so gut getan", berichtete Gisdol. Tatsächlich waren die Mainzer anschließend die bessere Elf, die Kölner gerieten unter Dauerdruck. Mit gewohnt robustem Einsatz legten die 05er die Grundlage für ihr Kombinationsspiel, nur die Treffer fehlten. Boëtius schaffte es, aus zehn Metern vorbeizuschießen (12.), Onisiwo scheiterte an Torwart Timo Horn (29.). Erst gegen Ende der ersten Hälfte bekamen die Kölner wieder mehr Luft für ein eigenes Offensivspiel.

Dieser Trend setzte sich in gesteigertem Maß beim Start in die zweite Hälfte fort. Nachdem der eingewechselte Drexler mit einer schönen Flanke Kainz zum 2:0 eingeladen hatte, schienen die Mainzer geschlagen und für den Untergang bereit zu sein, die Kölner drückten schon auf das 3:0. Doch mit dem 1:2 durch Awoniyi änderte sich das Bild wieder, es ging nun wieder im munteren Schlagabtausch voran.

Bis der Moment kam, an dem sich Malong Kunde entschied, ein traumhaftes Tor zu schießen. Knapp hinter dem Mittelkreis lief er mehr oder weniger drauflos, vorbei an den Kölnern Skhiri und Schmitz und hinein in den Strafraum, in dem Leistner und Bornaauw die Lücke nicht mehr schließen konnten. Als Gisdol monierte, ihm habe zwar die Haltung der Mannschaft gefallen, nicht aber "die Abstimmung und die Abstände", da hat er zweifellos an jene Szene gedacht, die zum 2:2 führte.

Aber man hat schon wesentlich strengere Reden von Trainern gehört, deren Team ein 2:0 weggegeben hatte. Gisdol war wie Beierlorzer viel zu überrascht vom relativ hohen Leistungsniveau, als dass er dezidiert kritisch sein mochte. Eine "Premiere" sei es gewesen, sagte der Kölner Manager Horst Heldt. Das Publikum, wäre eines da gewesen, hätte Beifall gespendet.

© SZ vom 18.05.2020

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