Am Dienstagabend gab es in East Rutherford, New Jersey, noch einmal Anschauungsunterricht, wo im Fußball das Zentrum liegt und wo die Peripherie. Welche Region abhängig ist von der anderen; wer Geld fließen lassen kann und wer nicht. Fluminense, die letzte verbliebene brasilianische Mannschaft, spielte gegen den FC Chelsea. Und es siegte – natürlich – die Mannschaft aus London. Sie befindet sich seit einiger Zeit in den Händen des milliardenschweren US-Investors Todd Boehly. Und sie siegte nun dank eines jungen Mannes, den Chelsea mitten im Turnier für knapp 64 Millionen Euro eingekauft hatte – und dem „Flu“ im wahrsten Sinne des Wortes ermöglicht hatte, groß zu werden. Sein Name: João Pedro, 23.
Der Stürmer erzielte zwei Traumtore, die erklärten, warum er in den Nachwuchsmannschaften des brasilianischen Verbandes schon länger als Sensation galt. Erst zirkelte Pedro aus 20 Metern einen Ball in den rechten oberen Winkel. Dann schloss er – kaum dass er den Strafraum betreten hatte –, einen Konter mit einem spektakulären, unwiderstehlichen Rechtsschuss unter die Querlatte ab. Bei beiden Toren war ihm nicht danach zumute, ostentativ zu jubeln. Stattdessen reckte er die Hände in die Höhe, um die Anhänger „Flus“ um Vergebung zu bitten. Weil Fluminense ihm zu viel bedeutet und er auch sehr genau weiß, was der Klub für sein persönliches Fortkommen bedeutete.

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„Als ich jung war, hatte ich nichts. Sie gaben mir alles“, sagte er in der Pressekonferenz. „Sie haben mir die Welt geöffnet. Ich bin hier, weil sie an mich geglaubt haben, und ich bin sehr dankbar. Aber dies hier ist Fußball. Es tut mir leid, aber ich musste meine Arbeit machen.“ Und wer ihn auf dem Podium sprechen sah, wusste: Es war nicht bloß dahingesagt.
Sein Vater wurde einst zu 16 Jahren Haft verurteilt, die Hälfte davon saß er im Gefängnis ab
Im Gegenteil. João Pedro wurde in Ribeirão Preto geboren, im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo. Als Sohn von Flávia Junqueira und José João de Jesús, besser bekannt als „Chicão“. Er hatte es bis in die erste Mannschaft von Botafogo-SP geschafft, einer regional bedeutenden Mannschaft. Doch Chicãos Karriere fand dann ein filmreifes Ende: Er wurde als „Komplize“ in einem Mordfall zu 16 Jahren Haft verurteilt, von denen er die Hälfte absaß. Wobei: Komplize? Die Bezeichnung Anstifter traf es wohl eher: Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er einen Mord in Auftrag gegeben hatte; ein 17-Jähriger war ihm dumm gekommen und bezahlte dafür mit dem Leben. João Pedro war damals noch ein Baby – und seine Mutter bereits von Chicão getrennt.

Knapp zehn Jahre später war dann nicht mehr zu übersehen, was João Pedro geerbt hatte: fußballerisches Talent. Er erhielt eine Einladung von „Flu“; Mutter Flávia versuchte, ihrem Sohn den Fußballtraum zu ermöglichen – und zog nach Rio de Janeiro. Sie ließ sich aus São Paulo an den Zuckerhut versetzen, doch dann wurde sie entlassen und fiel ins Bodenlose. „Ich hatte eine Sporthose, ein Paar Sportschuhe. Und meine Mutter aß immer nur Eier – und überließ das Stück Fleisch mir. Sie sagte immer, dass es wichtig sei, dass ich esse“, erzählte er einmal in einem Interview.
Als sie kurz davor war, in Rio das Handtuch zu werfen und zurück in ihre Heimat zu gehen, sorgte Fluminenses Nachwuchschef dafür, dass sie vom Klub den Mindestlohn bezahlt bekam. Flávia vergaß nicht: Aus Dankbarkeit gegenüber „Flu“ lehnte sie ab, Angeboten anderer brasilianischer Vereine für ihren Sohn nachzugeben. Erst als der Klub sich in solchen Schwierigkeiten befand, dass João Pedro dem Verein durch einen Wechsel helfen konnte, willigte sie ein: 2019 linderte João Pedro die finanziellen Schwierigkeiten seines Klubs – und ging nach England zum FC Watford, für eine Ablöse von etwas mehr als elf Millionen Euro.
2023 folgte der nächste Wechsel – nach Brighton; zuletzt spielte er dort unter dem jungen deutschen Trainer Fabian Hürzeler, der ihn neulich noch zur Ordnung rief. „Er ist ein unglaublicher Fußballspieler, ein Matchwinner“, sagte Hürzeler, aber: „Es gibt Prinzipien, die nicht verhandelbar sind.“ Hürzeler hatte João Pedro wegen eines Zwischenfalls in einem Geheimtraining bestraft.„Er ist noch jung“, sagte der auch erst 32-jährige Hürzeler. „Ich bin sicher, dass er daraus lernen wird – und in der nächsten Saison stärker zurückkommen wird.“ Möglich ist das. Nur wird João Pedro dann im Jersey des FC Chelsea auftreten.
Der FC Chelsea rekrutierte ihn per 1. Juli und ließ ihn bei der Klub-WM debütieren. Der Transfer hatte sich angebahnt, etwas überraschend kam er doch. João Pedro befand sich gerade am Strand von Rio, als er den Einberufungsbefehl von Boehlys Untergebenen erhielt.

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Von der 64-Millionen-Euro-Ablöse an Brighton gehen 1,5 Millionen weiter an Fluminense
Die Vertreter von Fluminense schmerzte die Ad-hoc-Verpflichtung. Ein Transfer dieser Größenordnung sei „von keinem brasilianischen Klub zu stemmen“, sagte Flu-Trainer Renato Gaúcho. „Die brasilianischen Klubs bilden Spieler aus, um zu überleben. Das war schon zu meiner aktiven Zeit so, dem kann man nicht entgehen.“ An der 64-Millionen-Euro-Ablöse Chelseas an Brighton partizipierte „Flu“ mit rund 1,5 Millionen Euro, als Ausbildungsentschädigung. In der aktuellen Fußballwelt: Peanuts.
Andererseits: Das Lamento über das finanzielle Ungleichgewicht zwischen europäischen und südamerikanischen Klubs war am Dienstag in East Rutherford nicht so groß wie die Klagen über den möglichen Handelfmeter, der Fluminense beim Stand von 0:1 erst zuerkannt und dann per Videoschiedsrichter wieder aberkannt worden war. Der Ball war an die Hand von Trevoh Chalobah geflogen. „Das Spiel hätte anders laufen können“, sagte Trainer Renato Gaúcho – ein Satz, der auch schon für eine Szene zuvor hätte gelten können: Da hatte Marc Cucurella auf der Torlinie geklärt, nachdem der kolumbianische Stürmer Jhon Arias Chelsea-Torwart Robert Sánchez düpiert hatte. „Das Spiel wäre vielleicht ein anderes geworden“, so Gaúcho.
Ganz gewiss wäre es anders geworden, Arias dachte das übrigens auch. Und: Er war betrübt, er mag „Flu“. Nur: Er stellte sich in den USA als wundervoller, hingebungsvoller, trickreicher Stürmer vor, und das sind Attribute, die Scheckbücher lockern. „Mein Vertrag läuft noch drei Jahre“, sagte Arias, 27. Dass er ihn erfüllt, glaubt niemand. „Ich bin da transparent, alle wissen es: Mein Traum ist es, in Europa zu spielen“, erklärte der Kolumbianer. Doch er weinte wie ein Schlosshund und bat die Fans um Vergebung, wegen all der Träume, die durch die Macht der Devisen platzen wie Seifenblasen. Nicht nur ihm ist bewusst: Fluminense wird ihn nicht halten können. Denn es ist wie im richtigen Leben: Die einen haben’s und die anderen nicht.

