Das Underground in Hermosa Beach ist rappelvoll beim Gold-Cup-Finale zwischen den USA und Mexiko. Der legendäre Fußballer und Trinker George Best hatte die Kneipe in Laufweite zum Pazifik in den 1970ern eröffnet, aus zwei Gründen. Zum einen hatten ihm Freunde angesichts seines gewaltigen Alkoholkonsums geraten, lieber einen eigenen Laden aufzumachen. Zweitens: Es war den Leuten in dieser Strand- und Partystadt südlich von Los Angeles völlig egal, dass Best in Europa als Fußballgott verehrt wurde; die Sportart war ihnen so fremd wie Europäern damals American Football. Best genoss hier seine Ruhe; er mochte, dass keine Fußballbegeisterung herrschte an diesem Ort; dass Bestie’s Bar, so hieß es damals, gerade keine Fußballkneipe war.
Lange her, die 1970er. Mitte Juli 2025 ist die Bar die Heimstätte der American Outlaws, offizieller Fanklub der US-Nationalelf mit 25 000 Mitgliedern in 200 Ablegern. Etwa 100 sind da, und das bedeutet: Die US-Fans sind klar in der Unterzahl. Das Verhältnis ist ähnlich wie im ebenso rappelvollen Stadion von Houston: Drei Viertel der 70 925 Besucher feiern den 2:1-Sieg von Mexiko. Schon das Halbfinale gegen Guatemala hatte sich laut US-Trainer Mauricio Pochettino „wie ein Auswärtsspiel angefühlt“, weil gut zwei Drittel der 22 423 Zuschauer in St. Louis den Gegner angefeuert hatten. Es gibt kein deutlicheres Symbol für die Haltung der Amerikaner zu ihrer Männer-Nationalelf, vielleicht zu Fußball allgemein: Sie sind nur Gast, in ihrer Kneipe, in ihren Stadien.

Bilanz zur Klub-WM:Infantino fand es „fantastic“ und „amazing“
Die Fifa tat alles, um die Klub-WM zu bewerben. Es gelang ihr nur mäßig. Das Desinteresse ließ sich kaum kaschieren, Finanzfragen bleiben offen, der sportliche Wert ist überschaubar. Trotzdem wird es eine Neuauflage geben.
Es gibt außerdem keine treffendere Aussage als diesen wunderbar philosophischen Satz des Argentiniers Pochettino: „Die Fans haben ein Jahr Zeit, zu begreifen, wie wichtig Fans beim Fußball sind.“
Knapp ein Jahr ist es noch bis zur WM, die Amerika gemeinsam mit Kanada und Mexiko ausrichten wird. Und wenn die vergangenen vier Wochen eines gezeigt haben, ob bei Gold Cup oder Klub-WM, die am Sonntag zu Ende ging: Ohne die Südamerikaner wäre nicht viel los gewesen. Müsste man die Vorfreude der Nicht-Latino-Amerikaner auf die WM beschreiben, George Best würde sich noch immer pudelwohl fühlen in den USA.
US-Präsident Donald Trump gilt als Schönwetterfan – er macht sich nicht viel aus Soccer
„Amerikaner können Schönwetterfans sein“, sagt Dan Wiersema, der mal im Vorstand der American Outlaws war und mehr als 80 Länderspiele im Stadion gesehen hat – in den vergangenen fünf Jahren jedoch nur eines. „Bei Erfolg kommt auch der Durchschnittsfan ins Stadion, das ist so amerikanisch wie Apfelkuchen.“ Bei der Copa América 2024 scheiterten die Amerikaner nach Niederlagen gegen Panama und Uruguay in der Vorrunde; vor dem Gold Cup setzte es Pleiten gegen Panama, die Schweiz, die Türkei und den WM-Mitgastgeber Kanada – vier Niederlagen nacheinander, das hatte es zuletzt vor 18 Jahren gegeben. Im Gold-Cup-Finale dann das 1:2 gegen den ewigen Rivalen im Süden, das intern Debatten auslöste. Kapitän Tyler Adams sagte: „War mein Körper in der Lage, beim Gold Cup Bestleistungen zu bringen? Nein – aber ich wollte da sein und den Jungs helfen.“
Das ist natürlich eine Spitze gegen Starspieler Christian Pulisic, der sich eine Ruhepause erbeten hatte – und Adams spricht damit vielen Fans aus der Seele: Warum sollten sie ins Stadion kommen, wenn es die besten Fußballer auch nicht tun? Und warum sollten sie angesichts der Resultate den Schlachtruf des US-Fußballs („I believe that we will win!“) anstimmen, wenn derzeit kaum jemand bei Trost daran glaubt, dass die Amerikaner tatsächlich Weltmeister werden können?
Es soll wenigstens zur Party am 4. Juli kommen. Was nämlich jetzt schon feststeht: Bei günstiger Konstellation könnten die Amerikaner (sicher in WM-Gruppe D) ihr Achtelfinale am Independence Day bestreiten, in Philadelphia, 250 Jahre, nachdem dort die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet worden ist. Das könnte US-Präsident Donald Trump überzeugen, an diesem Tag vielleicht doch keinen Kampfabend im Weißen Haus zu veranstalten, sondern nach Philly zum Fußball zu kommen. Trump ist Schönwetterfan, zu sehen kürzlich beim Eishockey: Nachdem die Amerikaner die Kanadier (deren Fans beim Abspielen der US-Hymne gebuht hatten) erst vermöbelt und dann besiegt hatten, war Trump Feuer und Flamme. Nach der Niederlage bei der Revanche im Endspiel war er: unsichtbar. Er hatte das Team, wie man das heute nennt: geghostet.
Es war auch deshalb die persönliche Mission von Fifa-Chef Gianni Infantino, bei Trump für die WM zu werben – was interessant war, weil man Infantino noch nie so demütig gesehen hat wie im Oval Office. Er brachte erst den WM-Pokal vorbei und dann die Klub-WM-Trophäe – die er vor dem Finale fünf Tage lang im Trump Tower in New York ausstellen ließ, wo er gleich das Fifa-Büro eröffnete. Er ließ sich von Trump ohne Widerspruch dauernd „Johnny“ nennen, und er versicherte dem US-Präsidenten zwei Dinge: Diese WM werde ein Mega-Spektakel („als würde man einen Monat lang jeden Tag drei Superbowls veranstalten“), und: „Die USA können sicher gewinnen.“ Infantino musste das sagen, weil Ich-muss-immer-gewinnen-Trump die WM sonst sofort geghostet hätte.
Im Raum steht auch die Frage: Was wird bei der WM mit Russland sein?
Was deshalb noch glasklar zu sehen war: Infantino hat bei Trump für die WM geworben und nicht bei den Amerikanern. Die Fifa braucht die USA nicht als begeisterte Fußballnation, sondern als Ausrichter einer reibungslosen Veranstaltung – und dafür braucht sie Trump. Ein wenig frech gefragt: Wird die Einwanderungsbehörde ICE bis dahin wenigstens so viele Latinos im Land lassen, dass bei der WM genügend Südamerikaner Stimmung und spektakuläre Bilder erzeugen werden? Nicht frech, sondern ernst gefragt: Was ist mit Iran, dessen Nationalelf qualifiziert ist? Was ist mit Russland? Dessen Nationalelf ist von der Qualifikation ausgeschlossen wegen des Krieges in der Ukraine. Trump jedoch hatte im Mai – im Beisein von Infantino – eine Hintertür geöffnet. Nach Kriegsende könnte man Russlands Nationalelf zulassen: „Hey, das wäre doch ein guter Anreiz, oder?“
Das sind ebenfalls Gründe für mangelnde Begeisterung derzeit. Die Spiele der Nationalteams – Männer und Frauen gleichermaßen, das haben die USA anderen Ländern voraus – waren Gelegenheiten für Amerika-Partys; ansonsten geht es im US-Sport fast ausschließlich um Einzelsportler oder Franchises. Nur: Wegen der gesellschaftspolitischen Spaltung in diesem Land hat etwa die Hälfte der Leute gerade nicht die geringste Lust, „U-S-A, U-S-A“ zu skandieren. Diese Hälfte hat auch wenig Lust, Ausrichter der laut einer Studie des New Weather Institutes umweltschädlichsten WM der Geschichte zu sein. Wegen der Flüge zwischen über den ganzen Kontinent verteilten Spielstätten – weshalb übrigens auch Superfan Wiersema glaubt, die WM werde für viele Fans einfach zu teuer. Und es gibt die wohl berechtigte Furcht angesichts der Versuche von Trump, die Demokratie in den USA auszuhöhlen, dass das Turnier 2026 nach Russland und Katar der letzte Ton des Dreiklangs „WM in autoritären Staaten“ werde. Was die Amerikaner gemerkt haben dürften, und dementsprechend verhalten sie sich gerade.
Da kann sich Kapitän Adams noch so sehr „Stadien in Rot-Weiß-Blau“ wünschen und Trainer Pochettino noch so sehr appellieren: „Wir brauchen die Fans!“ Es gab diese Klub-WM nicht für sie (wie denn auch, bei Anstoßzeiten in der Mittagshitze für optimierte Sendezeiten in Europa und Südamerika?), und auch das Länderturnier 2026 dürfte nicht für sie als Fans ausgelegt sein. Sie sollen Gastgeber sein, sich dann aber nicht dahoam fühlen, sondern wie Gäste, in ihren Kneipen und Stadien. Das ist freilich, und es kann kein vernichtenderes Urteil geben, so amerikanisch wie: Fußball.

