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Fußball:Alles auf Anfang im Gerangel um die Klub-WM

Andrea Agnelli

Andrea Agnelli (hier bei einer Pressekonferenz im Jahr 2017), Vorstand der European Club Association und Boss von Juventus Turin, lehnt eine reformierte Klub-WM in der derzeitigen Fassung ab.

(Foto: dpa)
  • Andrea Agnelli stellt klar, dass die von ihm geführte Europäische Klubvereinigung ECA weiterhin eine neue Klub-WM ab dem Sommer 2021 ablehnt.
  • Die Fifa müsse aufschlüsseln, wie der von ihr gewünschte Wettbewerb genau zu organisieren sei.
  • Auch zu einer Reform der Champions League ab der Saison 2024/25 äußert sich Agnelli. Allerdings sagt er, dass es noch "nichts Definitives" gebe.

Europa steht zusammen, und das Geläuf in der großen Fußballpolitik bleibt weiter doppelbödig. Andrea Agnelli hat am Dienstagmittag vor der Presse im Amsterdamer Tagungshotel Okura noch mal klargestellt, dass die von ihm geführte Europäische Klubvereinigung ECA eine neue Klub-WM ab dem Sommer 2021 unverändert ablehnt: "Wir tragen das nicht mit, wir wollen derzeit nicht daran teilnehmen!" Kaum war er fertig, da lief schon eine gegenteilige Behauptung über die Ticker. Doch, er sei "sicher, alle wollen und werden dabei sein", erzählte Zvonimir Boban, der Vize-Generalsekretär des Weltverbandes Fifa, den Reportern am Rande der ECA-Vollversammlung.

Substantiellere Beiträge als ein wenig Stimmungsmache fürs eigene Projekt hatte der Getreue von Fifa-Boss Gianni Infantino nicht im Gepäck. Erst am Wochenende hatte Boban die Europäer in kroatischen Medien massiv für deren Boykott-Haltung gegenüber den Fifa-Plänen gerügt - wobei er zwei Abweichler im Lager der Klubs lobend ausnahm: den FC Bayern und Real Madrid. Doch die waren nicht die Wortführer am Dienstag in Amsterdam, wo Karl-Heinz Rummenigge, der Münchner Vorstandschef und ECA-Ehrenvorsitzende, erkrankt fehlte. Vielmehr offenbarte das Treffen der 232 Mitgliederklubs die Solidität der europäischen Front, die auch mit Abweichlern in den eigenen Reihen souverän umzugehen versteht; zumindest nach außen. Die große Verärgerung über den jähen Kuschelkurs von Real und Bayern mit Infantinos Geheimprojekt, vor kurzem in den Spitzengremien der ECA und der Europa-Union Uefa noch heiß diskutiert, wurde jetzt nur elegant umschrieben.

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Die Fifa, machte Agnelli klar, sei am Zuge. Und zwar immer noch am selben: Sie müsse aufschlüsseln, wie der von ihr forcierte Wettbewerb genau zu organisieren sei. Das bringt das Dauergerangel um Infantinos Traumprojekt ganz zurück auf Anfang. Denn zu den Informationen, die die Europäer vor ihrem Okay zu einer reformierten Klub-WM einfordern, zählen ja vor allem die Wirtschaftsdaten rund um das Format: Wer erhält auf welchem Wege die Rechte? Wie wird mit bestehenden Rechtehaltern verfahren? Was ist mit den Rechtehaltern am Confed-Cup-Turnier 2021, das nach Infantinos Plänen der Klub-WM Mitte 2021 zu weichen hätte? Und: Welche Rechte werden wirklich verkauft im Zuge dieses Klub-WM-Geschäftes?

Ein neues Achter-Gruppen-Modell für die Champions League? "Das kenne ich nicht"

Infantino betreibt seit einem Jahr die Expansion des Formats auf 24 Teams. Zunächst wollte er dafür, im Paket mit einer neuen globalen Nations League, 25 Milliarden Dollar von mysteriösen Investoren kassieren. Der Coup scheiterte, weil Infantino sogar den eigenen Ratsherren die Kerndetails über Investoren und Geschäftshintergründe vorenthielt. Dann flog im vergangenen Herbst eine geheime Absichtserklärung auf, die er mit den Geldgebern getroffen hatte. Diesem Term sheet zufolge sollten die Milliarden nicht nur für zwei mäßig attraktive Turnierformate fließen, sondern auch für den Verkauf fast sämtlicher Fifa-Rechte; letztere sollten in eine gemeinsame Firma gepackt werden. Seither boykottiert Europa das Projekt.

Daran kann auch der Beschluss des Fifa-Rats in Miami vor zwölf Tagen nichts ändern, das wurde Infantino in Amsterdam demonstriert. Genüsslich zerpflückte Ag- nelli, Spross des italienischen Fiat-Konzerns, die Planungen der Fifa für ihre Klub-WM: Bisher sei das Ganze "wie die Lotterie einer örtlichen Erntedankfeier gemanagt" worden. Derzeit wisse man "noch gar nichts" über die Abläufe - "nur, dass die Fifa schon ein Zeitfenster blockiert hat".

Berichte aus Spanien und Deutschland erregten über die vergangenen Tage auch an anderer Stelle die Aufmerksamkeit der ECA. Die Klub-Vereinigung hatte bei einer gemeinsamen Vorstandssitzung mit der Uefa am Dienstag der Vorwoche in Nyon gerade erst ihre Planungen für eine Reform der Champions League ab der Saison 2024/25 aufgenommen, schon wurden am Wochenende plötzlich unterschiedliche, angeblich aber weit gediehene Wettkampfmodelle publiziert. In Deutschland wurde das Modell eines dreigleisigen Ligen-Betriebs diskutiert, wobei auf der Top-Ebene, in der Champions League, künftig vier Achter-Staffeln in jeweils 14 Gruppenspielen die besten Vier ermitteln sollen, aus denen dann im K.o.-Verfahren der europäische Champion hervorgehen soll. Befragt, ob so ein neues Achter-Gruppen-Modell existiere, sagte Agnelli: "Das kenne ich nicht, ehrlich gesagt. Ich habe einige Vorschläge gesehen, aber nicht diesen."

Überhaupt: "Es gibt nichts Definitives, wir haben noch keinerlei Lösung." Und es sei auch viel zu früh für derlei Spekulationen. "Das Ganze geht gerade los, und wir wollen einen offenen Prozess führen", betonte Agnelli immer wieder. Zunächst werde eine Vielzahl von Wettkampfmodellen analysiert, dabei müssten alle betroffenen Parteien an den Tisch, neben ECA und Uefa auch die Ligen, die Nationalverbände sowie die Spielergewerkschaft Fifpro. Schon eingedenk der vielschichtigen Interessenslagen werde dies mindestens "zwölf bis 18 Monate" beanspruchen, schätzte der ECA-Chef - bis etwas vorliegt, das den Vorstellungen aller Betreiber entspricht: "Ein gut ausbalanciertes, harmonisches Modell, von dem das ganze Fußballsystem in Europa profitiert." Auch sei die Vermarktung zu einem späteren Zeitpunkt zu prüfen: "Bis 2025", so Agnelli, "hat sich die Medienlandschaft ja schon wieder deutlich verändert."

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