Leichtathletik:"Ich dachte, dass ich da länger mithalten kann"

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Leichtathletik: Konstanze Klosterhalfen blieb in 31:05 Minuten über die 10 000 Meter nur knapp über ihrer persönlichen Bestzeit.

Konstanze Klosterhalfen blieb in 31:05 Minuten über die 10 000 Meter nur knapp über ihrer persönlichen Bestzeit.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Konstanze Klosterhalfen wird über die 10 000 Meter Vierte und verpasst eine Medaille. Obwohl sie fast persönliche Bestzeit läuft, zeigt sie sich nach dem Rennen enttäuscht - und hofft auf eine andere Distanz.

Von Karoline Kipper

Wenige Minuten vor dem Startschuss am Montagabend kamen die 10 000-Meter-Läuferinnen aus den Katakomben getrabt. Nicht so Konstanze Klosterhalfen, die sprintete zu Beginn des Aufwärmens erstmal an allen vorbei. Und es ging dann auch im Rennen fix los, bei der ersten Tempoverschärfung zog die 25-Jährige mit. Doch bei knapp 7500 Metern setzte die spätere Siegerin, die Türkin Yasemin Can, zu einem ganz langen Spurt an. Klosterhalfen musste abreißen lassen, sah auch noch die Britin Eilish McColgan und die Israelin Lonah Chemtai Salpeter entschwinden. Das war nicht ihr Plan. "Vor Heimpublikum malt man sich das ein bisschen anders aus", sagte sie.

Anders ausgemalt hat sie sich wahrscheinlich das ganze Jahr 2022. Die Hallensaison musste Konstanze Klosterhalfen im Januar wegen eines Sturzes in einem Parkhaus beim Aufwärmen für die Milrose Games in New York abbrechen. Als sie im Mai den Europarekord über zwei Meilen brach, deutete alles auf eine erfolgreiche Saison mit zwei Höhepunkten hin. Erst die Weltmeisterschaften in Eugene, USA, dann die Europameisterschaften in München. Doch Ende Juni infizierte sich Klosterhalfen im Höhentrainingslager in der Schweiz mit Corona und war 15 Tage positiv. Ende Juli trat sie trotzdem auf dem Hayward Field bei den Weltmeisterschaften über 5000 Meter an und schied im Vorlauf aus.

Mit ungewollten Pausen wie nach ihrer Covid-Erkrankung kennt sich Klosterhalfen leider aus: "Eigentlich kann ich mich gut schnell regenerieren", sagte sie nach den 10 000 Metern in München. Denn schon im Jahr 2020 musste sie wegen einer Überlastungsreaktion im Becken und Rückenproblemen lange auf Wettkämpfe verzichten, auch 2018 hatte sie länger mit einer Knieverletzung zu kämpfen. Dann wurde 2019 Oliver Mintzlaff, der Geschäftsführer des Fußballklubs RB Leipzig, ihr Berater und lotste die bis dato in Leverkusen trainierende Klosterhalfen ins Nike Oregon Project zu ihrem jetzigen Trainer Pete Julian.

Und im Jahr 2019 passte die Form. Klosterhalfen lief ein fantastisches 5000-Meter-Rennen in Doha und wurde Dritte bei den Weltmeisterschaften im Emirat. Aber kaum ein Bericht über diesen Erfolg kam damals ohne ein "Aber" aus. Alberto Salazar, Cheftrainer des Nike Oregon Projects, wurde kurz vor der WM wegen Dopingexperimenten gesperrt, mittlerweile lebenslang wegen sexualisierten und emotionalen Fehlverhaltens. Was so ein System, in dem Leistung und nicht der Mensch zählt, mit der Gesundheit machen kann, hat 2019 die Läuferin Mary Cain der New York Times erzählt.

Das Ziel war ambitioniert: den eigenen Rekord zu unterbieten

Das Nike Oregon Project ist formal aufgelöst, bei Pete Julian trainiert Klosterhalfen aber immer noch. Mittlerweile ergänzt die irische Langstreckenläuferin und Olympiazweite von 2000, Sonia O'Sullivan, das Trainerteam von Klosterhalfen: "Sie ist seit einem Jahr bei uns, und es ist toll, so eine Legende mit im Team zu haben", findet sie. "Sie hat noch mal andere Erfahrungen und kann einen anderen Input geben, vor allem wenn Pete nicht dabei ist. Sie ist aber die Co-Trainerin, das wird erst mal so bleiben." Das Training von Klosterhalfen nach ihrer Corona-Infektion war intensiv: "Wir haben jeden zweiten Tag eine härtere Belastung gemacht und das hat eigentlich ganz gut geklappt mit der Regeneration." Sie fühle sich gut.

Nach der Chancenlosigkeit in Eugene hatte Klosterhalfen sich für München einiges vorgenommen. Auf den 10 000 Metern hätte sie eine Zeit von 30:30 Minuten für möglich gehalten, erklärte Klosterhalfen nach dem Rennen. Das wäre eine halbe Minute schneller als ihr deutscher Rekord aus dem vergangenen Jahr gewesen. Und weit weg von dieser Vorgabe war die Zeit vom Montag auch nicht, 31:05,21 Minuten zeigte die Uhr im Olympiastadion, nur vier Sekunden über ihrer persönlichen Bestzeit. Trotzdem sagte sie: "Ich dachte, dass ich da länger mithalten kann und es dann nicht so schwer wird."

Am Donnerstag will sie dann erstmals nach den 10 000 Metern auch die 5000 laufen: "Da ist jetzt nicht so viel Zeit dazwischen, aber ich habe bei vielen gesehen, dass es dann auch noch möglich ist, eine gute Fünf zu laufen, vielleicht liegt mir die Fünf auch noch besser als die Zehn."

Egal ob auf 5000 oder 10 000 Metern - nicht nur Klosterhalfen selbst hatte hohe Erwartungen an sich. Sie ist jetzt 25 Jahre alt und kein Nachwuchstalent mehr. Sie will Leistung für sich sprechen lassen. Darauf hofft auch der Deutsche Leichtathletik-Verband, dem neben Malaika Mihambo so langsam die Toptalente in der Weltspitze ausgehen. Der Berater Mintzlaff betitelte Klosterhalfen einst als "Jahrtausendtalent", das den Weltrekord über 5000 Meter laufen kann. Die deutschen Rekorde zwischen einer Meile und 10 000 Meter hat sie ja schon alle. Und Klosterhalfen besitzt mit Sicherheit das Vermögen, noch schneller zu laufen. Wenngleich nicht unbedingt den von Mintzlaff beschworenen Weltrekord. Um sich dauerhaft in der Weltspitzte festzusetzen, braucht Konstanze aber vor allem eins: Konstanz.

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