Leichtathletik-WM:Klosterhalfen behält die Nerven

World Athletics Championships - Doha 2019

Konstanze Klosterhalfen feiert ihre Medaille über 5000 Meter.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)
  • Konstanze Klosterhalfen gewinnt über 5000 Meter Bronze bei der Leichtathletik-WM in Doha.
  • Die deutsche 4x100-Meter Staffel läuft auf einen guten fünften Platz.
  • Die Speerwerfer müssen in der Qualifikation zwei Enttäuschungen verkraften.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen des Tages.

Von Saskia Aleythe, Doha

Die Nerven spielten jetzt nicht mehr verrückt. Konstanze Klosterhalfen legte nochmal 400 Meter zurück, nachdem sie ins Ziel gekommen war, eine Stadionrunde war das allerdings nicht: Auf der einen Seite hüpfte sie für die Kameras in die deutsche Fahne gehüllt, sie drehte sich und posierte, dann rannte sie die 100-Meter-Bahn zurück zur Kurve, wo deutsche Anhänger sie feierten. Hin, her, hin, her, die Kräfte der 22-Jährigen waren schnell zurückgekehrt nach ihrem dritten Platz über 5000 Meter.

"Das Schwierigste war, ruhig zu bleiben", sagte Klosterhalfen später der ARD; angespannt hatte sie ja vor dem Startschuss auf der Tartanbahn gestanden. "Koko Klosterhalfen" stellte sie der Stadionsprecher vor, kein Lächeln, kein Winken. Doch dann rannte sie immer vorne mit, fünf Runden vor Schluss war sie in einer Führungsgruppe aus sechs Athletinnen dabei. Es ging hart zur Sache, Klosterhalfen kassierte Schubser, am Ende hatte sie auch blutige Kratzer am Bein. An zweiter Position ging sie in die letzte Runde. Vorne stürmte die Kenianerin Helen Obiri (14:26,72 Minuten) zu Gold, auf den letzten 80 Metern ging Landsfrau Margaret Kipkemboi (14:27,49) noch an Klosterhalfen vorbei, doch Platz drei konnte sie noch behaupten. "Meine Beine sind am Ende dann doch ganz schön schwer geworden", sagte sie. Ihre WM-Medaille, die sie in 14:28,43 Minuten erobert hatte, war die erste, die eine deutsche Athletin jemals über diese Disziplin gewann.

Diese WM in Doha war für die 22-Jährige eine andere als jene vor zwei Jahren in London, ihre erste. Einen Tag vor ihrem Vorlauf machte die Nachricht die Runde, dass Alberto Salazar, Kopf des Nike Oregon Projects (NOP), bei dem Klosterhalfen seit Ende 2018 trainiert, wegen Dopingpraktiken zwischen 2010 und 2014 von einem Schiedsgericht in den USA für vier Jahre gesperrt worden war. Erste Vorwürfe waren 2015 in die Medien gespült worden, bald darauf ermittelte die amerikanische Anti-Doping-Behörde - lange bevor Klosterhalfen in die USA ging. Klosterhalfen zeigte sich unberührt von der Aufregung, absolvierte ihren Vorlauf schließlich souverän. "Schockierend" fand sie die Nachrichten, über die sie informiert worden war, sie versuche, sich "ein bisschen rauszuhalten" aus den Medien. "Andere beschäftigen sich mehr damit als wir Athleten, weil wir wissen, dass es uns alle nicht betrifft." Das Thema hätte sie nun in Doha nicht tangiert, sagte Kloststerhalfen nach ihrem Lauf zur Medaille, "ich bin so dankbar, dass ich da trainieren darf."

Eine halbe Stunde vor ihrem Rennen hatte sich Sifan Hassan, ihre Teamkollegin vom NOP, zur Doppelweltmeisterin gekürt nach ihrer Gold-Medaille über 10 000 Meter. Und kam über 1500 Meter mit einem Vorsprung von fast drei Sekunden ins Ziel (3:51.95 Minuten). Mit 15 Jahren war sie aus Äthiopien in die Niederlande geflohen und ließ sich später einbürgern, worauf die äthiopischen Unterstützer im Stadion nicht gerade wohlwollend reagierten. Jenny Simpson, WM-Zweite von 2017 kam auf Rang acht, sie hatte in den Tagen von Doha deutliche Kritik an den neun NOP-Athleten geäußert. "Ich weiß nicht, wie man sich dieser Gruppe anschließen kann", sagte Simpson, "jeder, der jetzt schockiert ist, hat keine Ahnung von unserem Sport."

Und sonst so? Die deutsche Frauen-Sprintstaffel kam ohne die verletzte Tatjana Pinto auf Rang fünf, im Kugelstoßen bot sich ein unterhaltsamer Abend. Es war so hochklassig, dass am Ende Joe Kovacs aus den USA mit 22,91 Metern einen Zentimeter vor Silbergewinner Ryan Crouser und dem Neuseeländer Tomas Walsh lag. Beide stießen 22,90 Meter, aber weil Crouser den weiteren zweitbesten Versuch hatte, ging Silber an ihn.

Die Deutschen hatten hingegen beim Speerwurf Enttäuschungen zu verkraften, ausgerechnet in ihrer Paradedisziplin. Olympiasieger Thomas Röhler und der EM-Zweite Andreas Hoffmann waren überraschend in der Qualifikation gescheitert. Röhler übertraf mit 79,23 Metern zwar die Weite von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul um 18 Zentimeter, als Spezialist kam er damit aber nur auf Rang 23. Die Erschütterung merkte man dem 28-Jährigen an, als er später erklärte, technische Fehler seien für sein Ausscheiden verantwortlich. "Der Fehler ist einfach bei mir selbst zu suchen", sagte er. "Du hast drei Versuche da draußen, wenn du die nicht nutzt, ist es vorbei. So einfach ist der Sport und so traurig ist er manchmal." Kollege Hoffmann (80,06 Meter) ging gleich wortlos weiter.

Und da zeigte es, dass es sich lohnen kann, gleich vier deutsche Speerwerfer am Start zu haben: Weltmeister Johannes Vetter kam mit seinem ersten Versuch gleich auf 89,35 Meter, der weiteste Wurf des Tages. Julian Weber, der für den formschwachen Bernhard Seifert auf den letzten Drücker nachgerückt war, konnte ebenfalls nach seinem ersten Wurf (84,29) die Sachen packen und sich auf das Finale am Sonntag freuen.

Das tat auch Weitspringerin Malaika Mihambo, die in diesem Jahr so gut ist wie keine andere. Ohne das Brett zu treffen sprang sie auf 6,98 Meter. "Es war optimal. Der Anlauf war so ausgelegt, mit ein bisschen Puffer", sagte sie später. "In so einer Verfassung bei der WM zu stehen, das ist einfach super", fand sie. Und wollte vor dem Finale ihrer täglichen Routine nachgehen, dem Meditieren. Alles für die Nerven.

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