Leichtathletik-WM:Medaillen in allen Geschmacksrichtungen

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Leichtathletik-WM

Konstanze Klosterhalfen jubelt über ihre Bronzemedaille in Doha.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Gold für Weitspringerin Malaika Mihambo, Bronze für Speerwerfer Johannes Vetter und Konstanze Klosterhalfen über 5000 Meter - die deutschen Leichtathleten erleben ein bewegtes WM-Schlusswochenende.

Von Johannes Knuth, Doha

Wann hatte man das schon mal erlebt: eine Weltmeisterin im Weitsprung, die nach dem dritten von sechs Versuchen bereits die zeremoniellen Glückwünsche entgegennimmt - als würde eine Fußballmannschaft dem Gegner schon zur Halbzeit zum Sieg gratulieren? Malaika Mihambos Konkurrentinnen zweifelten jedenfalls nicht mehr daran, dass die Deutsche das Finale bei den Weltmeisterschaften in Doha gewonnen hatte. Sie umarmten sie, sie lachten, sie schüttelten ungläubig den Kopf. Was sollten sie jetzt noch ausrichten gegen die 25-Jährige, die gerade mit einem Satz alle Spannung aus dem Wettkampf gepresst hatte?

Mit 7,30 Metern, Weltjahresbestwert, persönliche Bestmarke. Als sei das so selbstverständlich wie der Betonstau während Dohas Berufsverkehr. Das letzte Wochenende dieser Weltmeisterschaften war eines gewesen, das am Ende ein bisschen von allem bot für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV): Ärger, verhaltene Freude, die WM-Medaillen vier bis sechs, die nicht nur in mehreren Farben, sondern auch in diversen Geschmacksrichtungen daherkamen. Christopher Linke hatte das Wochenende mit einem starken vierten Platz über die 20 Kilometer Gehen in der Mitternachtshitze eingeleitet, die Sprintstaffel der Frauen war ohne Tatjana Pinto mit Platz fünf zufrieden. Konstanze Klosterhalfen gewann über 5000 Meter in 14:28,43 Bronze hinter den Kenianerinnen Hellen Obiri (14:26,72 Minuten) und Margaret Chelimo Kipkemboi (14:27,49) - es war ihre erste Medaille bei den Erwachsenen, mehr noch, die erste für den DLV in dieser Disziplin überhaupt. Und am Sonntag verschafften Mihambo und Speerwerfer Johannes Vetter, der Dritter wurde, dem DLV den erhofften Jubeltag. Auch wenn die Prämierten sich kaum gegensätzlicher hätten freuen können.

Mihambo war sich auch in Doha treu geblieben: Sie war souverän durch die Qualifikation gesurft, mit 6,98 Metern, die ersten beiden Sprünge im Wettkampf misslangen ihr aber erst einmal. Beim ersten sprang sie fast einen halben Meter vor dem Brett ab - 6,52. Den zweiten übertrat sie klar. Sie lief noch nicht Gefahr, den Endkampf der besten Acht zu verpassen, wie im Vorjahr in Berlin, als sie sich im dritten Versuch dann den EM-Titel gesichert hatte. Aber sicher sein konnte sie sich auch nicht. Der dritte Sprung musste sitzen.

Und wie er saß: Mihambo rauschte ans Brett, hob den Kopf beim Absprung leicht dorthin, wohin es sie jetzt tragen würde: nach oben. Schon bei der Landung war klar, dass sie ihre persönliche Bestweite von Anfang August zertrümmert hatte (7,16 Meter). Aber 7,30 Meter? Andererseits hatte Mihambo in diesem Jahr erstmals die sieben Meter übertroffen, sie hatte auf dem Weg nach Doha keinen Wettkampf verloren, auch nicht die Gesamtwertung der Diamond League, es wirkte so erstaunlich wie selbstverständlich: dass sie sich ihren besten Sprung für den Jahreshöhepunkt aufheben würde; einen Sprung, "den ich noch nie im Training geschafft habe und vielleicht auch nie mehr in meinem Leben springen werde", wie sie später sagte. Der Weltmeistertitel war auch ihre erste Medaille im interkontinentalen Vergleich, am Sonntag kamen ihr nur die Ukrainerin Marina Romantschuk (6,92) und Nigerias Esa Brume (6,91) halbwegs nahe. Selbst ihre nächstbesten Sprünge hätten für den Sieg gereicht: 7,16 Meter und 7,09. "Ich bin überglücklich", sagte Mihambo, "ich kann es noch gar nicht fassen."

Johannes Vetter ging es da durchaus ähnlich, wenn auch auf andere Weise: Als er sich die Nationalflagge über die prallen Schultern warf, was er sich mit seinem Bronze-Wurf auf 85,37 Meter verdient hatte, schaute er eher so drein, als hätte man ihm für eine Woche das Dessert beim Abendessen gestrichen. Aber klar: Der 26-Jährige war das ganze Jahr "durch einen Sumpf" gegangen, mal hatte der Rücken geschmerzt, mal waren es die Adduktoren, zuletzt raubte ihm ein abgesplittertes Knorpelstück im linken Stemmbein fast den WM-Start. Aber zuletzt war der Titelverteidiger doch in Schwung gekommen, er hatte am Samstag sogar mit 89,35 Metern die Qualifikation gewonnen. Die 86,89 Meter von Sieger Anderson Peters aus Grenada hätte er damit locker übertroffen, auch die 86,21 des Esten Markus Kirt. Julian Weber wurde Sechster (81,26), Olympiasieger Thomas Röhler und der deutsche Meister Andreas Hofmann waren schon in der Qualifikation gestrandet. Röhler machte ein technisches Defizit geltend, Hofmann rauschte wortlos davon.

Und dann war da noch der Auftritt von Konstanze Klosterhalfen.

Klosterhalfen kam am Samstag mit blutbefleckter Nationalflagge in die Pressekonferenz, sie hatte auf der Ehrenrunde nicht gemerkt, dass sie sich bei einer Kollision mit Obiri das linke Schienbein aufgeschrammt hatte. Aber sie hatte sich durchgeboxt, war nicht zu früh losgeprescht in diesem Weltklassefeld, wie noch vor zwei Jahren in London. Man sah, dass sie sich bei ihren internationalen Auftritten in diesem Jahr mehr Robustheit und taktische Cleverness antrainiert hatte. Und die Debatte um Alberto Salazar, den langjährigen Cheftrainer des Nike Oregon Projects, bei dem Klosterhalfen seit knapp einem Jahr trainiert und der unter der Woche eine vierjährige Dopingsperre aufgebrummt bekommen hatte - das habe sie auch gar nicht beeindruckt, behauptete sie. Sie sagte, was sie in den Tagen zuvor immer gesagt hatte, dass sie nie bei Salazar trainiert habe und immer hart und sauber arbeite: "Für mich war heute wichtig, die Performance zu zeigen", sagte sie, das würde ja zeigen, "wie gut wir trainiert haben."

Es klang frappierend nach der Melodie, die Sifan Hassan zuvor angestimmt hatte. Die Niederländerin trainiert seit zwei Jahren unter Salazar, hatte in Doha schon über 10 000 Meter gewonnen und war am Samstag auch über 1500 Meter allen davongestürmt, in 3:51,95 Minuten, Europarekord. "Ich wollte der Welt zeigen", sagte sie, "dass ich eine saubere Athletin bin." Als wirke man umso glaubwürdiger, je forscher man der Konkurrenz davonstürmt. Idriss Gonschinska, der Generaldirektor im DLV, sagte am Sonntag jedenfalls, man habe sich mit Klosterhalfens Management zuletzt eng ausgetauscht und werde das auch weiter tun. Aber die Verantwortung für ihre Mitgliedschaft in Oregon trage schon die Athletin selbst. Und wenn man als Verband die "Athleten in den Mittelpunkt stellt" und Mündigkeit verlange, sagte Gonschinska, "dann muss man auch diese Entscheidungen akzeptieren".

Auch wenn ihm diese, so hatte es zumindest den Anschein, nicht unbedingt schmeckte.

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MeinungKonstanze Klosterhalfen
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