bedeckt München 24°

Klopp nach dem 4:0:Die Insel ist hingerissen

  • Nach dem 4:0 gegen den FC Barcelona feiert England Jürgen Klopp.
  • Seine Rede vor dem Halbfinale wird schon mit solchen von Winston Churchill verglichen, auch in Westminster ist er Thema.
  • Auch seine Meinung zum Brexit - er lehnt ihn ab - wird gehört.

Ein Land, das sich endlich mal wieder gute Nachrichten wünscht, bekam in dieser Woche gleich zwei: erst ein Baby-Wunder und dann das Liverpool-Wunder - klar, dass die Briten das zu einer wunderbaren Idee zusammenführten: Das Baby von Meghan und Harry, solle doch bitte, wie sonst, Jürgen Klopp Sussex heißen.

Es wurde dann schlussendlich "Archie Harrison Mountbatten-Windsor", aber an einem Tag wie diesem hätte die Bekanntgabe des deutsch-royalen Namensmixes kaum einen Fan des FC Liverpool erstaunt, denn nach der Fußballsensation des 4:0 gegen Barça waren alle Briten im Herzen Liverpudlians, und Klopp ihr König.

In den Morgennachrichten wurde wieder und wieder der O-Ton des Sportkommentators eingespielt, der sich vor lauter Freude gar nicht mehr fassen konnte und so hysterisch brüllte, dass das "Tor, Toor, Toor, Tooor" von Herbert Zimmermann 1954 wie ein Nachtgebet klang. Die ewig dröge Financial Times war wohl die einzige Zeitung, die den Wahnsinn nicht auf ihrer Titelseite hatte, ansonsten überschlugen sich die Blattmacher mit Hammer-Überschriften: das größte Comeback, das es je gab, Wunder von Merseyside, Comeback-Könige. Die Sun war etwas origineller und schrieb "Kop a load of that", was ungefähr so viel heißt wie "schau sich einer das an", mit der subtilen Anspielung auf die Fankurve The Kop. Und der Daily Star dichtete "Wijn-Credible", weil sich die erste Silbe von Georginio Wijnaldums Nachnamen zu sehr für ein schönes Wortspiel aus "gewinnen" und "unglaublich" anbot.

Natürlich ist die Bewunderung für die Mannschaft riesig, die das Undenkbare schaffte, aber noch größer ist die Begeisterung für Jürgen Klopp, der mittlerweile emotional von den Briten eingemeindet worden und längst zum Nationalhelden erklärt worden ist. Sein Pep-Talk in der Kabine, in dem er dem Team klar machte, dass es zwar keine Chance habe - aber wenn einer sie trotzdem nutzen könne, dann diese Elf, gilt schon einen Tag nach dem Sieg in der Rückrunde neben Winstons Churchills Motivationsreden beim Kriegseintritt als Meisterleistung in der Geschichte der britischen Motivationsreden. Das, was Klopp da gesagt habe, schreiben die Zeitungen, habe alles gedreht.

Klopp, der immer noch Englisch mit deutschem Akzent, das aber ungeheuer flüssig spricht, redet ja ohnehin gern; sein Auftritt in der Kabine wird aber wohl in die Geschichte des FC Liverpool eingehen. Erstaunlicherweise wird dem Coach aber auch zugehört, wenn er über anderes als Fußball spricht. Klopps Einlassungen zum Sinn - oder besser Unsinn - des Brexit haben in den sozialen Medien großen Widerhall gefunden. Er argumentiert eher wie ein Fußballer, nicht wie ein Politiker, und das nehmen ihm die Briten ab, die sich sonst ungern von Deutschen die Welt erklären lassen: Allein sei man schwächer als in der Gruppe, so Klopp, und in der EU mit all ihren Schwächen seien die Briten besser aufgehoben als allein auf hoher See. Niemand könne allein gewinnen. Und dann appelliert er noch gern an den britischen Nationalstolz: Er habe nie einen Krieg erlebt und die lange Friedenszeit als Geschenk empfunden. Und dieser Frieden, den die Briten mit erkämpft hätten, müsse vor rechten Zerstörern bewahrt werden.

Klopp schaffte es sogar, wenngleich unfreiwillig, am Mittwoch ins britische Parlament. Als leuchtendes Vorbild. Oppositionschef Jeremy Corbyn hatte die glücklose Premierministerin damit aufgezogen, dass sie sich ja nach dem "erstaunlichen Sieg von Liverpool" ein paar Tipps vom Trainer holen könne, wie man in Europa gute Ergebnisse hole. Corbyn zielte logischerweise darauf ab, dass May in den Brexit-Verhandlungen mit Brüssel nicht gut ausgesehen habe. May konterte mit einem Gag, der so klang, als habe sie ihn in ihrem Büro noch schnell vorgeschrieben - in der sicheren Erwartung, dass genau so etwas in Westminster auf den Tisch kommen würde. May konterte also selbstsicher: Genau, sie wolle sich Liverpool als Vorbild nehmen. Wer nämlich glaube, es sei alles vorbei, das Königreich habe gegenüber der EU den Kürzeren gezogen, die Uhr ticke, und sie solle jetzt endlich ihre Niederlage einräumen, der täusche sich: "Tatsächlich können wir immer noch gewinnen - wenn wir zusammenhalten."

Den Liverpudlians war die große Politik egal. Sie feierten bis zum Morgengrauen, und viele weinten vor Rührung. Über den Sieg, und weil sie es mal wieder allen gezeigt hatten.

Champions League Sie glauben an ihn

Jürgen Klopp

Sie glauben an ihn

Jürgen Klopp hat mehr als jeder andere Trainer die Gabe, Emotionen zu entfesseln und Gefühle in Tore zu verwandeln. Das Wunder gegen Barcelona ist sein bisher größtes Werk.   Kommentar von Martin Schneider