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Bundesliga:Klinsmann dreht seinen eigenen Film

Der neue Trainer Jürgen Klinsmann sorgt mit einem Handy-Video für Irritation.

(Foto: Odd Andersen/AFP)
  • Beim 1:2 gegen zehn Dortmunder bleibt die Hertha überraschend nah am schlimmen eigenen Bild der vergangenen Wochen.
  • Der neue Trainer Jürgen Klinsmann sorgt mit einem Handy-Video für Irritation.
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Die Liturgie bei Hertha BSC hat sich geändert - doch die Tendenz der letzten Wochen, sie blieb am Ende gleich. Und das bedeutete am Ende, dass das Trainerdebüt des früheren Bundestrainers Jürgen Klinsmann beim Berliner Bundesligisten in Dissonanzen endete. Denn als (oder: obwohl) sie hinter den bisherigen Tabellen-16. Fortuna Düsseldorf gerutscht waren, hatten sich die Hertha-Profis wie stets vor die Ostkurve gewagt, den Hort der treuesten ihrer Fans.

Dort wurden sie, anders als sonst üblich, mit Schmähungen und dem ein oder anderen Getränk beworfen. "Absteiger!", war noch das druckreifste Wort, das ihnen nach der fünften Niederlage in Serie entgegengeschleudert wurde. "Auf uns kommen sehr arbeitsreiche Wochen zu", lautete das Fazit des neuen Trainers. Sein Dortmunder Kollege Lucien Favre wiederum durfte an alter Wirkungsstätte feststellen, dass sich seine zuletzt als prekär eingeschätzte Situation zumindest für ein paar Tage, womöglich Wochen stabilisierte. Nach der Partie wurde er nicht einmal mehr danach gefragt, was der 2:1-Sieg von Berlin für seine berufliche Perspektive bedeuten könne.

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So knapp, so fassungslos

Das lag auch daran, dass auf Klinsmann alle Scheinwerfer ruhten, von Beginn an. Vor Spielbeginn umzingelten ihn, wie nicht anders zu erwarten war, die Fotografen und Kameramänner; überraschenderweise filmte Klinsmann mit dem Handy zurück, was kurioserweise einem Sportausrüster, der mit dem neuen Sponsor der Hertha konkurriert, sehr viel Gratiswerbung einbrachte, weil das Logo auf der Handyhülle prangte. Er habe dieses "nur nach Hause geh'n wir nie" (das ja eigentlich "nur nach Hause geh'n wir nicht" heißt) auf einem Filmchen festhalten wollen, sagte Klinsmann später, die Hertha-Hymne bewege ihn wirklich.

Und vermutlich hatte er auch den höflichen Applaus mitbekommen, der ihn empfing - kurz nachdem die Hertha-Fans seinem Vorgänger Ante Covic Dankbarkeit und Respekt gezeigt hatten, mit Sprechchören und einem Transparent; "Covic bleibt Herthaner!", war darauf zu lesen. Überhaupt, die Transparente: Da wurde einmal Manager Michael Preetz attackiert ("10 Jahre - 12 Trainer - ein Verantwortlicher"), auf einem anderen Banner wurde der Einfluss des neuen Großinverstors Lars Windhorst hinterfragt, mit melodramatischen Anklängen. "Die Entscheidungsgewalt des Vereins - im Windhorst verweht", war darauf zu lesen. Der Investor war auch im Stadion, zwei Hemdknöpfe unter dem Mantel geöffnet.

Es war dann doch verblüffend, wie nah die Hertha am eigenen Bild der vergangenen Wochen war

Ebendieser Windhorst, der für 224 Millionen Euro die Hälfte der Anteile der Profiabteilung Herthas übernommen hat, hatte Klinsmann zunächst als Aufsichtsrat installiert, wegen der sportlichen Talfahrt aber wurde der Schwabe als Coach in die Pflicht genommen. Seit Mittwoch kommandiert er ein Funktionsteam, das die Fußball-Lehrer Alexander Nouri und Markus Feldhoff, Konditionstrainer Werner Leuthard, Bundestorwarttrainer Andreas Köpke und "Performance-Manager" Arne Friedrich umfasst. Mit ihnen konnte er vor der Partie gegen die Dortmunder gerade einmal drei Trainingseinheiten leiten. Man musste, anders gesprochen, nicht damit rechnen, dass die Hertha so aufspielt wie die Máquina von River Plate der 40er Jahre, die Mönchengladbacher Borussia der 70er oder auch nur die deutsche Nationalmannschaft der Klinsmann-Ära. Aber es war dann doch verblüffend, wie nah die Hertha am eigenen Bild der vergangenen Wochen war. Wie sehr sie also, wiederum anders gesprochen, ein vollbesetztes Haus enttäuschte.

Nach der Partie weichen die Spieler von der bisherigen Liturgie ab

Das einzige, was sich zumindest mit Blick auf das 0:4 der Vorwoche in Augsburg änderte, war die Resolutheit des Auftritts. Am Vorabend der Partie hatte Klinsmann die Sekundärtugenden eingefordert; Leidenschaft, Elan, Aggressivität, solche Dinge also. Und siehe da: Hertha zeigte sich als ein Team, das kratzte und biss. Keine sechs Minuten waren vergangen, da hatten die Dortmunder Raphael Guerreiro und Thorgan Hazard bereits die Ellbogen von Marko Grujic beziehungsweise Dedryck Boyata im Gesicht. Dumm war nur: Dortmund antwortete. Mit Fußball. Und mit zwei Toren binnen zwei Minuten, die Favre regelrecht verzückten, weil sie wahrlich schön herausgespielt waren. Erst traf das Sorgenkind Jadon Sancho, dann wiederum Hazard. Anders gesprochen: Nach 17 Minuten schien das Klinsmann-Debüt auf dem Gleis gen Desaster.

Ganz so schlimm kam es dann nicht. Andererseits: Dass die Hertha durch Vladimir Darida nach einer guten halben Stunde zum Anschlusstreffer kam, war mit viel Fortune verbunden. Stürmer Dodi Lukébakio, der schon kurz zuvor mit einer guten Einzelaktion hatte aufhorchen lassen, zog aus der zweiten Reihe ab; Darida lenkte den Ball ins Netz. Rund um die Halbzeitpause kam es dann zu Geschehnissen, die eine Wende hätten heraufbeschwören können. Dortmund ging zu zehnt in die Kabine, weil Verteidiger Mats Hummels den sprintenden Davie Selke nur durch ein Foul stoppen konnte und dafür die gelb-rote Karte sah. Kurz nach der Pause feierten die Herthaner den vermeintlichen Ausgleich, als Selke den Ball im Netz unterbrachte. Die Videobilder aber zeigten, dass der Stürmer knapp, aber eben doch im Abseits gestanden hatte.

Nach der Partie traten die Hertha-Profis erst vor die Journalisten, nachdem sie - abweichend von der bisherigen Liturgie - eine erste Analyse des Trainerteams gehört hatten, und sie sagten unisono, dass sie besser gewesen waren, den Sieg verdient gehabt hätten (und vom Videoschiedsrichter benachteiligt würden). Das sah man nicht nur im Dortmunder Lager anders. Trainer Favre konnte behaupten, dass es nur selten ein Spiel gegeben habe, das eine Mannschaft zu zehnt so kontrolliert habe wie sein Team die Partie in Berlin. Was auch daran lag, dass Rechtsverteidiger Achraf Hakimi eine formidable läuferische Leistung bot, auf dem rechten Flügel immer wieder für Entlastung sorgte, während der Hertha kaum ein spielerisches Mittel einfiel.

Einstweilen gab sich Klinsmann damit zufrieden, dass die Hertha-Profis die grundlegenden Anforderungen an Berufsfußballer erfüllt hatten. "Die Umsetzung der Punkte, die wir uns vorgenommen haben, die war da", sagte Klinsmann. Nun wolle man bis Weihnachten "noch so viele Punkte wie möglich holen." Das ist auch bitter nötig. Denn Hertha hat bislang nur elf Punkte beisammen.

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