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Klettern:Olympia muss warten

Klettern - Alma Bestvater

Knapp gescheitert: Alma Bestvater belegte in der Qualifikation den undankbaren neunten Platz.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Münchner Kletterinnen verpassen bei der EM in Moskau das Combined-Finale - und damit die Qualifikation für Tokio.

Von Nadine Regel

Mit vier Athletinnen reiste Bundestrainer Urs Stöcker, 44, zur Europameisterschaft im Klettern nach Moskau. Ihr erklärtes Ziel bestimmte das ganze Wettkampfgeschehen: Eine der Athletinnen wollte das letzte verbliebene Ticket bei den Frauen für Olympia ergattern. Obwohl das nicht gelang und sich die Russin Viktoriia Meshkova für 2021 in Tokio qualifizierte, zeigt sich der Wahl-Münchner Stöcker grundsätzlich zufrieden: "Alle haben gezeigt, dass sie auf europäischem Niveau mitspielen können, und wir waren in jedem Finale vertreten." Potenzial nach oben bleibe natürlich offen, denn nicht nur das Olympia-Ticket, sondern auch ein Medaillenerfolg blieben aus.

Vom 21. bis 28. November standen Alma Bestvater, Lucia Dörffel und Afra Hönig, die in München trainieren, sowie Hannah Meul aus Nordrhein-Westfalen unter Dauerstrom. Zunächst starteten sie in den Einzeldisziplinen Speed, Bouldern und Lead um die EM-Titel. Dabei belegte Lucia Dörffel, 20, den vierten Platz im Bouldern und Hannah Meul, 19, den vierten Platz beim Leadklettern. Schon hier ging es um die Qualifikation für den Finalwettkampf am Freitag und Samstag - das Olympic Combined. Diese vierte Disziplin entstand eigens für das Olympia-Debüt der Sportart in Tokio und kombiniert die drei Grunddisziplinen zu einer Art Super-Wettkampf. Die Ergebnisse der Platzierungen in den Wettkämpfen der Einzeldisziplinen werden multipliziert. Die Starterin mit der niedrigsten Punktezahl gewinnt den EM-Titel und in diesem Fall auch das Olympia-Ticket. Somit zahlte quasi jeder einzelne Wettkampf auf das Olympiakonto ein.

Bei der Combined-Qualifikation am Freitag für das große Finale am Samstag waren insgesamt 20 Athletinnen dabei - darunter die vier deutschen Frauen. Doch ins Combined-Finale am Samstag schaffte es aus dem Quartett nur Hannah Meul. Schlussendlich belegte sie nach einem aufreibenden Finale den siebten von acht Plätzen. Die Chance auf Bronze im Combined verschenkte sie beim Bouldern, weil ihr eine Zone, also die erste schwierige Stelle in der Boulderroute, zu einer besseren Platzierung fehlte. Die 24-jährige Alma Bestvater, die eigentliche deutsche Olympiahoffnung, musste sich schon am Freitag mit einem undankbaren neunten Platz in der Olympischen Kombination zufriedengeben. Durch eine Verletzung im Frühjahr 2020 musste sie mehrere Wochen mit dem Training aussetzen. Die Enttäuschung bei den jungen Frauen sei "sehr groß" gewesen, sagt Stöcker: "Sie hatten sich sehr intensiv auf die Wettkämpfe vorbereitet."

Auf eine Teilnahme der Männer hatten die Deutschen pandemiebedingt verzichtet, zumal sich in Jan Hojer und Alexander Megos bereits zwei Deutsche die möglichen Start-Tickets bei den Männern gesichert hatten. Den Frauen war die Teilnahme freigestellt. Die EM sei "top organisiert und inszeniert" gewesen, sagt Stöcker. Vor allem die professionelle Sportübertragung habe ihm gefallen. In der Tat kam über den Livestream eine gute Wettkampf-Stimmung auf. Eine kleine Gruppe junger Fans schwenkte Fahnen und jubelte ihren Idolen an der Wand zu. Was Stöcker aber störte, sei der laxe Umgang der Ausrichter mit Corona gewesen. "Die Russen nehmen die Pandemie nicht so ernst", sagt er. Das Bundestrainerteam sah sich dazu genötigt, auch andere Nationen für die Hygienemaßnahmen zu sensibilisieren. Das Team selbst hielt sich strikt an die Vorgaben.

Die Olympische Kombination ist für Stöcker immer noch "ein gelungenes Format". Der Wettkampf am Samstag sei extrem spannend gewesen. Trotz blank liegender Nerven habe Meul "super geklettert", sagt Stöcker. Die beiden jungen Athletinnen Meul und Dörffel hätten gezeigt, dass mit ihnen bei Olympia 2024 zu rechnen sei. Dafür muss aber noch viel strategisch geplant werden, auch weil noch nicht feststeht, in welchem Format Klettern 2024 in Frankreich an den Start geht. Olympic Combined ist nämlich keineswegs gesetzt. Der Internationale Kletterverband und das Internationale Olympische Komitee beraten aktuell darüber, ob nach Tokio sogar die Einzeldisziplinen gewertet werden. Das ist Zukunftsmusik, jetzt gehen die deutschen Frauen erst einmal in eine längere Pause, bis im Januar wieder das Training für die Weltcup-Saison 2021 beginnt. Olympia muss warten.

© SZ vom 01.12.2020
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