Süddeutsche Zeitung

Klettern:Locker bis zum letzten Griff

Yannick Flohé und Alexander Megos kommen mit ihren Medaillen bei den Weltmeisterschaften in Japan ihrem olympischen Traum ein Stückchen näher.

Das Boulderfinale bei der Weltmeisterschaft in Hachioji hat Yannick Flohé viel Haut gekostet. Noch während des Wettbewerbs wiesen die Richter ihn an, seine blutenden Fingerkuppen mit weißem Tapeverband abzukleben. Das hinderte den 20-jährigen Athleten aber nicht daran, in seinem ersten Finale bei einem internationalen Wettkampf der Senioren gleich auf den dritten Platz zu klettern. Nur der Japaner Tomoa Narasaki und der Österreicher Jakob Schubert waren besser.

Der Erfolg war umso erstaunlicher, weil lange gar nicht feststand, ob Flohé zum WM-Kader gehören würde. So schob er sein gutes Abschneiden auch auf die Leichtigkeit, mit der er in Japan an den Start gegangen sei: "Ich habe erst sehr spontan entschieden, überhaupt mitzufahren", erzählte er. Denn bei den Wettbewerben in Hachioji steht vor allem die Qualifikation für Olympia 2020 im Vordergrund; und da hatte er sich ursprünglich bessere Chancen beim zweiten Quotenplatzwettkampf in Toulouse im November ausgerechnet.

Zu den Favoriten beim Bouldern, der Sportkletterdisziplin ohne Seilsicherung in Absprunghöhe, gehörte Flohé jedenfalls nicht. Umso begeisterter war Urs Stöcker, einer der Bundestrainer, über den Elan und das Selbstbewusstsein des jungen Essener Sportsoldaten, der für den DAV Aachen antritt. Flohé hatte schon im Alter von vier Jahren mit dem Klettern begonnen, seine Eltern nahmen ihn damals in die Halle mit. Heute gilt er als Allroundtalent. Flohé sei in allen Runden "physisch aber auch technisch stark geklettert", sagte Stöcker. Und er habe einen kühlen Kopf bewahrt - trotz der anspruchsvollen und, wie der Bundestrainer fand, "zu schwierig geschraubten Boulder". Bis auf den Japaner Tomoa Narasaki gelangte im Finale kein Athlet an das sogenannte Top, also an den letzten Griff der Route.

Die Wettkämpfe an der Wand sind für Flohé jedoch noch lange nicht vorüber. Genauso wenig wie für seinen Teamkollegen Alexander Megos, 26, aus Erlangen, der am Donnerstag in der Disziplin Lead, dem klassischen Seilklettern, ins Finale ging und WM-Silber gewann. Megos musste sich auf der harten Route nur dem tschechischen Ausnahmekletterer Adam Ondra geschlagen geben. Weil er es zuvor beim Bouldern nicht unter die besten 20 Athleten geschafft hatte, stand er in seiner Spezialdisziplin besonders unter Zugzwang.

Beide, Yannick Flohé und Alexander Megos, haben sich mit ihren Medaillen nun in eine hervorragende Ausgangsposition für den abschließenden Kombinationswettkampf aus Bouldern, Seilklettern und Speedklettern bei dieser WM gebracht: für jenes Olympic Combined, das im kommenden Jahr in Tokio seine Olympiapremiere erlebt. Sieben Startplätze für die Sommerspiele werden in Hachioji verteilt. Dazu müssen sich die Aktiven allerdings erst in allen drei Einzelwettbewerben beweisen und es dann ins Kombinationsfinale schaffen, in dem es ebenfalls Medaillen gibt. Für die Athleten bedeutet das Dauerkletterei - sie treten fast täglich in Wettkämpfen an.

Yannick Flohé fand nach seiner Bronzemedaillen im Bouldern nur drei Stunden Schlaf. Und mit den kaputten Fingerkuppen schaffte er es tags darauf nicht ins Halbfinale im Leadklettern. Trotzdem stehen seine Chancen für das Combined-Finale gut. Entscheidend ist nun, wie er beim Speedwettbewerb am Samstag abschneidet, bei dem die Kletterer eine 15 Meter hohe, genormte Wand im Schnelltempo hinaufklettern müssen. Das könnte ihm gut gelingen, weil er Dritter bei den deutschen Speedmeisterschaften war und gut im Training steht. Bis Samstag, sagt Flohé zuversichtlich, bleibe ihm auch noch genug Zeit, um die Finger zu pflegen.

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SZ vom 16.08.2019
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