Klettern:Generalisten am Seil

Lesezeit: 3 min

Linus Bader (DAV Augsburg), GER, Ruhr Games 2021, Speed Klettern European Youth Championship, 04.06.2021. GER, Ruhr Gam; linus bader

Vom Boulder- zum Speedexperten: Linus Bader vom DAV Augsburg.

(Foto: Michael Memmler/Eibner/Imago)

Speedklettern lief in Deutschland bislang unter dem Radar. Nachdem das IOC beschloss, für die Olympischen Spiele in Tokio diese Kletterdisziplin mit ins Programm zu nehmen, mussten sich viele Sportler umstellen. Dem Augsburger Linus Bader ist das gelungen.

Von Nadine Regel

Linus Bader legt ein blaues Handtuch am Wandfuß ab, richtet seinen Startplatz ein, streift die Kletterschuhe am Handtuch ab und dreht sich zum Publikum um. Dann wird der 18-Jährige ins Seil eingehängt. Magnesia an die Hände, Maske ab, ran an die Wand. Neben dem jungen, wuschelhaarigen Kletterer läuft das Gleiche bei seinem Duellpartner Thorben Perry Bloem ab. Beide halten sich am ersten Griff der genormten, 15 Meter langen Route fest, stellen ihren rechten Fuß an die Wand. Der Countdown läuft. Beide starten perfekt, doch schon im unteren Drittel der Wand rutschen sie kurz ab, fangen sich, und der vertikale Sprint geht weiter.

Am Ende berührt Bader als erster das schwarze Feld am Ende der Route, die Zeit stoppt bei 7,422 Sekunden. Bader gewinnt vor einem großen Fernsehpublikum, weil die deutsche Meisterschaft im Speed neben dem Bouldern das erste Mal live bei den Finals in Bochum ausgestrahlt wurde. Im Juni war das, und ganz schön viel Ruhm für diese Kletterdisziplin, die bisher in Deutschland eher unter dem Radar lief.

2016 war die Kritik in der Szene noch groß: Alle, die sich ernsthaft für Olympia qualifizieren wollten, mussten fortan auch das Speedklettern trainieren. Denn das Internationale Olympische Komitee verlangte eine Kombination aus allen drei Disziplinen: Lead, Bouldern und Speed. Aus Spezialisten wurden also Generalisten, wie der Kölner Jan Hojer und der Erlanger Alexander Megos, die Deutschland bei den Sommerspielen in Tokio vertreten.

Und das bisher in Westeuropa eher stiefmütterlich behandelte Speedklettern erlebte einen großen Aufschwung. Bis dahin waren vor allem osteuropäische Länder wie die Ukraine, Polen und Russland stark in dem Sport. "Wir haben jetzt den Anschluss an die Weltspitze gekriegt, insbesondere bei der Jugend", sagt Nachwuchsbundestrainer Johannes Lau. Das zeigte sich besonders eindrücklich beim Jugend-Europacup in Belgien Anfang Juli. Da holten die Deutschen sieben Medaillen, davon zweimal Gold.

Erst kürzlich wurde der Männer-Speedweltrekord von 5,48 Sekunden beim Weltcup in Salt Lake City das erste Mal seit vier Jahren gebrochen. Mit der neuen Bestzeit von 5,208 Sekunden gewann der Indonesier Veddriq Leonardo Gold. Der deutsche Rekord liegt bei 5,976 Sekunden. Potenzial gibt es noch, indem der Griff- und Trittverlauf weiter optimiert wird. Denn nicht jeder wählt den gleichen Weg nach oben. Wichtig ist es, die Kletterlinie möglichst gerade zu halten und absolut präzise zu klettern. Es wird aber auch schon über eine neue Route nachgedacht. "Kurzfristig wird sich da aber eher nichts ergeben", sagt Lau. Er rechnet frühestens nach Olympia 2024 damit.

"Er gehört zu den deutschen Hoffnungsträgern in Richtung Paris", sagt der Jugendbundestrainer

Lau, 36, war früher selbst Speedkletterer, er gewann 2001 den Weltmeistertitel in der A-Jugend, bis er sich verletzungsbedingt international zurückzog und begann, den Sport in Deutschland aufzubauen. Damals sah alles noch anders aus. Die Wettbewerbe fanden an zwei sich ähnelnden Routen am Fels statt. Es gab mehrere Durchgänge, am Ende gewann der Athlet mit der besten Zeit. Inzwischen benötigt man je Duell nur einen Durchgang, um die Platzierung zu ermitteln, die Wand ist seit 2007 genormt.

Für Linus Bader kristallisierte sich Speed im Jahr 2019 als seine Paradedisziplin heraus, eher aus Zufall, obwohl er eigentlich Boulderspezialist werden wollte. "Bis jetzt macht es mir auch Spaß", sagt Bader, der für den DAV Augsburg startet. Und trotz aller Normen gibt es auch dort noch Überraschungen. Neulich setzte bei einem Wettbewerb der Sicherungsautomat auf der rechten Bahn aus. Die Kletterer werden mechanisch an einem Seil gesichert, das von oben eingehängt ist. Die Schiedsrichter brachen den Wettbewerb ab, die Qualifikationszeiten zählten dann als Endergebnis.

Um sich noch mehr auf den Sport konzentrieren und sein Training professionalisieren zu können, zog Bader 2020 an den Kaderstützpunkt nach Hilden. In seinem "Testjahr" bei den Herren will er erste Erfahrungen sammeln. In Salt Lake City erreichte er bereits die Finalrunde der besten 16. Nächstes Jahr, sagt Trainer Lau, müsse Bader dann komplett ins "harte Männergeschäft" einsteigen. "Er gehört zu den deutschen Hoffnungsträgern in Richtung Paris", findet Lau. Die Olympischen Spiele 2024 sind Baders ganz großes Ziel. Es zu erreichen, würde sich lohnen. Denn Speed erhält dort nach der Testphase in Tokio mit der Dreier-Kombination das erste Mal eine olympische Einzelmedaille.

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