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Klettern:Abgerutscht an den Bananen

Nicht zufrieden mit seiner DM-Leistung in Bochum: Titelverteidiger Philipp Martin.

(Foto: Marco Kost/oh)

Titelverteidiger Philipp Martin findet bei der Boulder-DM in Bochum keinen richtigen Halt, verpasst das Finale und wird nur 18. Doppelt bitter für den Kemptener - denn die Titelkämpfe wurden erstmals live im Fernsehen übertragen.

Von Nadine Regel

An den Bananen kam niemand vorbei. Der dynamische Sprung zu den gelben Zangengriffen war so schwierig geschraubt, dass keiner der Halbfinalisten bei der deutschen Meisterschaft im Bouldern ihn klettern konnte. Deswegen flog der Boulder aus der Wertung heraus. Dass die Routenschrauber sich vertun, "das ist ziemlich selten", sagt Philipp Martin am Telefon, der als letzter deutscher Bouldermeister als Favorit in den Wettbewerb gestartet war. Mit dem Wegfall der Bananen blieben auch für ihn nur noch drei Routen.

Für den 26-jährigen Kemptener hat es schließlich nicht fürs Finale gereicht, obwohl er aus der Qualifikation mit einem starken dritten Platz startete. Er verpasste seine Chance auf eine Medaille beim ersten großen Auftritt der Kletterdisziplinen Bouldern und Speed im deutschen Fernsehen. Sieger bei den Männern wurde der Aachener Yannick Flohé, 22, bei den Frauen gewann die Landshuterin Afra Hönig, 25.

Als eine von 18 Disziplinen war Klettern am vergangenen Wochenende bei den Finals dabei, den orchestrierten Meisterschaften der Sommersportarten. "Genial", so fand Urs Stöcker, der Bundestrainer der Kletterer, die Veranstaltung. Ihn nerve nur mittlerweile, dass es keine Zuschauer gebe. Am Samstag wurde bereits das Finale im Speed-Klettern, also dem schnellstmöglichen Emporsprinten an einer 15 Meter hohen genormten Wand, aus dem Bochumer Ruhrstadion live im ZDF ausgetragen. Franziska Ritter, 18, vom DAV Wuppertal konnte ihren Titel zum zweiten Mal verteidigen und mit 8,162 Sekunden einen neuen deutschen Rekord aufstellen. Der gleichaltrige Linus Bader (DAV Augsburg) gewann bei den Männern.

So viel Aufmerksamkeit ist ein Novum für den Klettersport, der bisher unter dem Radar lief. Am Samstag übertrug die ARD 20 Minuten des Boulder-Halbfinales live im Fernsehen. 1,44 Millionen Zuschauer schalteten ein. Das Finale wurde am Sonntag im Livestream gezeigt - der allerdings ein paar Minuten zu früh abbrach. Für Martin war das alles doppelt bitter. "Zufrieden" sei er mit seinem 18. Platz nicht, aber "man sollte das nicht überbewerten", sagte er. Zumal Martin auch eine Ringband-Verletzung am rechten Zeigefinger hatte, was ihn an der Wand behinderte.

Linus Bader (DAV Augsburg) jubelt ueber die Deutsche Meisterschaft, GER, Ruhr Games / Die Finals 2021, Deutsche Meisters

Für Linus Bader vom DAV Augsburg lief es besser. Der 18-Jährige wurde deutscher Meister im Speedklettern.

(Foto: Michael Memmler/Eibner/imago images)

Das Bouldern sei aufgrund des Routenbaus so vielseitig und wenig vorhersehbar, da könne sogar das Wetter am Tag des Wettbewerbs Einfluss auf die Leistungen nehmen. Auch fand er die Stimmung hektischer als sonst, viele Meisterschaften wurden parallel ausgetragen, Kommentatoren-Stimmen und Musik überschnitten sich. Ein kleiner Vorgeschmack auf Olympia, bei dem Klettern nicht nur in diesem Jahr in Tokio dabei sein wird, sondern auch 2024 in Paris. Eine Teilnahme in Frankreich ist Martins erklärtes Ziel. Für Tokio haben sich bereits der Erlanger Alexander Megos sowie Jan Hojer qualifiziert und die möglichen Startplätze besetzt.

Olympia ist ein großes Ziel für jemanden, der als Kind schon wieder mit dem Klettern aufhören wollte. Sein Vater Erwin Marz, zehn Jahre lang Bundestrainer der Lead-Kletterer, sozialisierte ihn mit dem Sport. "Ich trug damals einen Kletterschuhprototypen, weil es so kleine Kletterschuhe noch gar nicht gab", sagt Philipp Martin. Dann hatte er erst einmal genug und probierte andere Sportarten aus, bis er mit 14 Jahren zum Klettern zurückfand. Doch es sollte noch einmal neun Jahre dauern bis zu seinem ersten Wettkampf. Heute sagt Martin: "Klettern ist mein Leben." Die Sportförderung der Bayerischen Bereitschaftspolizei unterstützt ihn dabei.

"Es geht nur um mich, und ob ich es mental und körperlich schaffe, einen Weg zu finden, die Wand hochzukommen", sagt Martin. Bei der DM fand er ihn nicht

"Das Klettern ist für mich eine Challenge gegen mich selbst" sagt Philipp Martin auf die Frage nach der Faszination des Kletterns. "Es geht nur um mich, und ob ich es mental und körperlich schaffe, einen Weg zu finden, die Wand hochzukommen." Ihn reize zudem die extreme Vielfalt des Klettersports, die vielen Disziplinen, ob draußen oder drinnen. Obwohl für ihn das Klettern am Fels nur Urlaub sei. Sein Alltag spielt sich in der Halle ab.

Martin liegt vor allem das Lead, also das Klettern am Seil. Der erste Lead-Weltcup steht bereits Ende Juni an, sein Training ist bereits darauf ausgerichtet. Martins Lieblingsdisziplin ist aber das Bouldern. Beim Boulder-Weltcup in Salt Lake City Ende Mai hatte er das Halbfinale erreicht. Auf nationaler Ebene zählt er in beiden Disziplinen zu den Besten.

Deswegen sieht Bundestrainer Stöcker in Philipp Martin neben Yannick Flohé einen starken Kandidaten für die Spiele in Paris. Denn 2024 werden nicht mehr alle drei Disziplinen in der Olympischen Kombination gemeinsam gewertet, sondern Bouldern und Lead als Duo und Speed dann für sich. Für das olympische Finale im Juli in Tokio hofft Urs Stöcker indes, dass es keine zu schwierigen oder zu einfach geschraubten Boulder geben wird. Denn auch Routen, die jeder bis zum Top schafft, werden faktisch aus der Wertung genommen, weil sie keine Aussagekraft haben.

Zu diesem Zweck gibt es seit etwa eineinhalb Jahren eine Arbeitsgruppe, "wo wir versuchen, Qualitätskriterien im Routenbau zu definieren", sagt Stöcker. Ein Kriterium ist neben der Attraktivität der Route, dass sie den Sicherheitsstandards genügt. "Dass sich die Athleten nicht verletzen", erklärt Bundestrainer Stöcker. Dann darf es auch mal unüberwindbare Bananen geben.

© SZ/sewi/toe
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