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Trainer des 1. FC Nürnberg:"Mit einem Spiel kann sich hier alles drehen"

05.10.2020 - Fussball - Saison 2020 2021 - 2. Fussball - Bundesliga - 03. Spieltag: 1. FC Nürnberg FCN ( Club ) - SV Dar

Da geht's lang: Nürnbergs Trainer Robert Klauß, 35, möchte seiner Mannschaft einen "Mix aus Ballbesitz und Tempoangriffen" beibringen, sagt aber selbst: "Diese Mischung bekommen wir noch nicht hin.

(Foto: Daniel Marr/imago)

Vor dem Frankenderby gegen Fürth spricht Club-Trainer Robert Klauß darüber, wie er wie er sein Fußballideal vermitteln will - und was an Dieter Hecking "old school" ist.

Interview von Sebastian Fischer und Thomas Gröbner

Nach dem Beinahe-Absturz in die dritte Liga soll Robert Klauß, 35, beim 1. FC Nürnberg die Wende zum Guten bringen; mit frischen Ideen, unbelastet von der jüngeren Club-Vergangenheit, hat er Anfang August nach zehn Jahren bei RB Leipzig seinen ersten Profi-Cheftrainer-Posten angetreten. Die anfängliche Euphorie ist inzwischen aber schon wieder etwas verflogen am Valznerweiher, vor dem 267. Frankenderby am Sonntag (13.30 Uhr) ist der FCN Zehnter, Fürth liegt auf einem Aufstiegsrang. Viel Lob hat Klauß deshalb in der Pressekonferenz am Freitag für den Rivalen übrig, aber: "Wir haben auch Waffen." Und auch im SZ-Interview per Videoanruf ist ihm die Vorfreude aufs Spiel anzumerken. Er weiß: Für die Wende zum Guten beim Club ist es eine wichtige Partie.

SZ: Herr Klauß, Ihr erstes großes Derby als Cheftrainer steht an. Können Sie mit so einer Rivalität etwas anfangen?

Robert Klauß: Ja, natürlich, auch wenn ich es zum ersten Mal erlebe. Ich komme aus Leipzig, RB hat nicht so eine große Tradition, dass es da solche Spiele geben könnte. Im Nachwuchs hatte ich Derbys gegen Dresden, und mit der U21 habe ich mal gegen Lok Leipzig gespielt, das war schon ein brisantes Duell. Aber in dieser Größenordnung? Noch nie. Deshalb bin ich sehr gespannt auf Sonntag.

Die Geschichte des ältesten deutschen Fußballderbys hat viele Legenden hervorgebracht. Hat man Ihnen schon erklärt, womit Sie es da zu tun haben?

Wenn man in Nürnberg ankommt, dann merkt man, dass es da noch einen anderen Verein gibt, der immer wieder in Erzählungen auftaucht. Konkrete Geschichten kenne ich noch nicht. Das wird sich aber bestimmt ändern.

Das sogenannte Umfeld in Nürnberg ist berüchtigt. Haben Sie davon trotz Corona schon etwas zu spüren bekommen?

Man merkt, dass sich diese Stadt extrem mit dem Verein identifiziert. Um es einfach auszudrücken: Bei einer Niederlage ist fast alles schlecht, bei einem Sieg alles gut. Ein rationales Mittendrin gibt es sehr selten. Mit einem Spiel kann sich in Nürnberg alles drehen. Aus der Leidenschaft kann aber auch etwas entstehen. Wenn wir Erfolg haben, können wir dieses Feuer nutzen.

Wie bekommen Sie dieses Feuer überhaupt mit, ohne Fans im Stadion?

Am Morgen nach dem Spiel gegen Osnabrück (4:1, Anm.) habe ich auf dem Weg zum Trainingsgelände Altglas zum Container gebracht. Da kam ein Mann vorbei, der rief von weitem: "Super Spiel gestern, toll." Vor drei Wochen wurde ich noch mit den Worten auf der Straße angesprochen: "Sie müssen schon mal wieder gewinnen ..."

Das Urteil fiel da wohl so hart aus, weil der Club vor dem Sieg in Osnabrück sechsmal eine Führung verspielt hatte. Nun haben Sie zehn Punkte nach acht Spielen. Wie bewerten Sie Ihre Bilanz?

Ich halte wenig davon, pauschal alles gut oder alles schlecht zu sehen. Das sage ich auch immer nach den Spielen. Es geht immer darum, konstruktiv zu argumentieren: Was haben wir gut gemacht, was weniger gut? Uns fehlen zwei, drei Punkte. Wir sind nicht ganz zufrieden. Aber die Entwicklung, die die Mannschaft macht, ist genau richtig.

Trotz des holprigen Starts?

Ein neuer Trainer, neue Spieler, eine neue Spielidee - es war uns klar, dass nicht alles von Anfang an super laufen wird. Die Mannschaft ist letztes Jahr fast abgestiegen. Da kann man nicht davon ausgehen, dass vom ersten Tag an alles funktioniert.

Sportvorstand Dieter Hecking sprach neulich vom "Rucksack", den die Mannschaft, die sich im Kern im Sommer nicht großartig verändert hat, noch mit sich herumtrage - weil die Gedanken an den Fast-Abstieg in die dritte Liga noch so präsent sind. Ist dieser Rucksack noch da?

Unsere Aufgabe ist es, Stein für Stein aus dem Rucksack rauszunehmen. In Osnabrück war es der nächste Stein, weil wir gezeigt haben: Wir können auch eine solche Leistung abliefern, obwohl wir vorher nicht genügend Punkte geholt haben. Es ist immer mal wieder so, dass nach einer Niederlage im Umfeld die Gedanken aufkommen, dass es wieder in die gleiche Richtung wie letzte Saison gehen könnte. Das kann ich auch verstehen. Aber innerhalb der Mannschaft merkt man, dass die Spieler aus den Fehlern gelernt haben, dass sie sich anders verhalten wollen, wenn es mal kritisch wird.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu den Spielern beschreiben, von denen manche nur ein paar Jahre jünger sind? Wenn Stürmer Manuel Schäffler im Bus auf der Heimreise nach Auswärtsspielen eine Kniffelrunde ausruft - sind Sie da dabei?

Gerade bei solchen Sachen möchte ich, dass die Spieler das für sich machen. Dann können sie auch Dinge besprechen, die wir Trainer nicht hören sollen, sich auch mal auskotzen übers Trainerteam. Aber die Spieler hätten, glaube ich, nichts dagegen, wenn ich mitkniffeln würde.

Also sind Sie schon näher am Team, als es ein älterer Trainer wäre?

"Cheffe" (Manuel Schäffler, Anm.) ist beispielsweise auch Vater von kleinen Kindern, ähnlich wie ich. Wir haben gemeinsame Themen. Ähnlich ist es mit anderen Spielern. Aber wenn es um taktische Dinge geht, gebe ich schon die Richtung und den Rahmen vor.

Zuletzt sagten Sie, die Mannschaft sei "mit Ball" noch relativ weit weg von Ihrer Idealvorstellung. Wie sieht die aus?

Ein guter Mix aus Ballbesitz und Tempoangriffen. Sodass wir immer das Gefühl haben: Wenn wir wollen, können wir sofort Richtung Tor spielen. Diese Mischung bekommen wir noch nicht hin.

Warum?

Torgefährlicher Ballbesitz ist die Königsdisziplin im Fußball, das ist das Schwerste. Das Spiel gegen den Ball zu trainieren, ist nicht so schwer. Umschaltmomente zu trainieren, das ist auch okay. Aber Ballbesitz - das erfordert Mut, Selbstvertrauen, individuelle Qualität. Da müssen wir noch weiter dran arbeiten.

RB Leipzig, wo Sie zehn Jahre arbeiteten, galt lange als ein Pionier des sogenannten Umschaltfußballs - und der ist inzwischen auch in der zweiten Liga der meist gewählte, pragmatische Ansatz.

Ich glaube schon, dass man mit schnellem Umschalten und gutem Spiel gegen den Ball Erfolg haben kann. Ich möchte aber, dass meine Mannschaft variabler ist. Es ist auch unsere Aufgabe, die Spieler zu entwickeln. Das geht am besten, indem man sie ganzheitlich ausbildet. Außerdem gibt es auch andere Wege zum Erfolg. Der VfB Stuttgart spielt als Aufsteiger aus der zweiten Liga zum Beispiel gerade sogar in der Bundesliga stabilen Ballbesitzfußball. Fürth spielt sehr gut mit Ball, auch Darmstadt. Das sind Mannschaften, die haben alle keine riesigen Etats, sondern eine Idee entwickelt. Ich glaube, dass man am meisten Spaß hat, wenn man versucht, alle Phasen des Spiels zu betrachten.

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