Klassenerhalt des TSV 1860 Das zweite Spiel beginnt nach der 70. Minute

Kai Bülow (re.) und Christopher Schindler jubeln über das 2:1 für die Löwen. Danach mussten die 57 000 Fans noch vier Minuten zittern.

(Foto: dpa)
  • In der 70. Minute beginnt für die Löwen im Relegationsduell gegen Holstein Kiel ein neues Spiel.
  • 1860-Trainer Fröhling bringt Vollmann für Okotie und schiebt sein Team weiter nach vorne.
  • Wenig später fällt durch Adlung das 1:1, Bülow erzielt schließlich den Siegtreffer zum Klassenerhalt. Nach dem Spiel ringen Sieger und Verlierer um Fassung.
Aus dem Stadion von Martin Schneider

Als Kai Bülow all das erklären soll, den Pfostentreffer, seinen schnellen Schritt zum Ball, das Tor, die Explosion, die Rettung, da spricht er sehr leise. Seine Hose ist schmutzig und sein Blick starr, seine Stimme hebt und senkt sich kaum. Kai Bülow ist müde, leer. "Jetzt ist es so gelaufen, wie es gelaufen ist", sagt er schließlich, und man muss ihm lassen, dass das wahrscheinlich die beste Art und Weise war, ein Fußballspiel zusammenzufassen, dem man mit Worten kaum beikommt. Kurz darauf steht Daniel Adlung an seiner Stelle, der andere Torschütze. Sehr ruhig, keine Euphorie. "Wir haben die Hoffnung nie verloren", sagt er. "Und immer an uns geglaubt."

Sehr leise Worte an einem sehr lauten Abend. An einem Abend, an dem es noch eine Stunde zuvor wahrscheinlicher schien, dass der TSV 1860 München in der nächsten Saison mit roten Trikots aufläuft, als dass zwei Helden unglaublich müde aber vermutlich unendlich glücklich die Ereignisse schildern durften.

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Um zu begreifen, wie knapp dieser 2:1-Sieg in der Relegation gegen Holstein Kiel zustande gekommen ist, wie knapp diese Mannschaft eine missratene Saison mit dem Klassenverbleib in der zweiten Bundesliga gerettet hat, muss man zurückgehen auf den Platz und das Spiel ein wenig rekapitulieren. Nein, nicht das Spiel, das stimmt nicht. Es waren zwei Spiele. Ein Spiel vor der 70. Minute. Und eines danach.

Teil eins wird später einmal in Vergessenheit geraten, aber er soll hier erzählt werden. Er gehörte Holstein Kiel, der Mannschaft, die angekündigt hatte, sich von der Kulisse nicht einschüchtern zu lassen und das auch konsequent umsetzte. Die Tugenden auf den Platz brachte, die manche als alt, andere als essentiell bezeichnen. Kampfkraft, Wille, Laufbereitschaft. Ein Team, aus dem vermutlich keiner mehr Weltfußballer wird, aber das auf beeindruckende Art und Weise seine Möglichkeiten ausschöpfte.

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Ein Tor nach einer Standardsituation (Rafael Kazior, 13. Minute) und danach ein gewonnenes Kopfball-Duell nach dem anderen. In der 54. Minute düpierten Manuel Schäffler und Maik Kegel drei Sechziger, indem sie in bester Bezirksliga-Manier einfach den Hintern rausstreckten, um den Ball abzuschirmen. Das reichte zu diesem Zeitpunkt völlig aus, um die Löwen zu kontrollieren. Man kann diskutieren, ob die Löwen zu diesem Zeitpunkt eine oder gar keine Torchance hatten. Wohlgemerkt: In einem Spiel vor 57 000 Fans, in dem es um alles ging.

Dann kam die 70. Minute. Rubin Okotie wurde unter Pfiffen ausgewechselt, Korbinian Vollmann kam rein, und Torsten Fröhling entschied, etwas Neues auszuprobieren. Er zog Daniel Adlung in den Sturm, Julian Weigl und Vollmann bildeten die Zentrale und 1860 schob weiter nach vorne. Kapitän Christopher Schindler hatte ein Gespräch mit Schiedsrichter Knut Kircher, der seiner Meinung nach zu sehr für den Gegner pfiff. Kircher boxte Schindler dabei leicht die Faust gegen den Bauch. "Ich habe ihm gesagt, er soll genauer hinschauen. Er sagte zu mir, ich soll Abstand halten. Aber ich wollte nicht Abstand halten", sagte Schindler später.

Adlung, Schuss, Tor

Was auch immer dafür verantwortlich war, in der 78. Minute fiel der Ball auf einmal senkrecht in den Kieler Strafraum, als sei er direkt aus dem Himmel gekommen. Schindler verlor (wie fast jeder Löwe) sein Kopfballduell gegen die massive Kieler Verteidigung, aber der Ball landete diesmal auf dem Fuß von Adlung. Schuss. Tor.

Und auf einmal war das Stadion wieder wach. Wie der berühmte Frosch im Topf, dessen Wasser langsam erhitzt wird, war die anfangs sensationelle Anfeuerung immer weiter eingeschlafen. Mit jeder erfolgreichen Grätsche von Kiel wurde sie weniger. Dann aber konnte man sehen, was Heimvorteil im Fußball bedeuten kann. Das Spiel nach dem Tor hatte nichts mehr mit den 78 Minuten davor zu tun. 120 Sekunden später hätte Julian Weigl schon das 2:1 machen können, Schindler köpfte vier Minuten später den Ball ins Tor. Der Treffer wurde aberkannt. Foul am Torwart. In der 88. Minute der erste Konter gegen die komplett aufgerückten Löwen. Maik Kegel kam an den Ball und Vitus Eicher fuhr blitzschnell die Hand aus.

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Wenig später ging es erneut um Zentimeter - Valdet Ramas Schuss knallte vor der Südkurve vom linken Torpfosten ab, genau vor Bülows Füße. Grotesk, wie sich für 1860 und Kiel die Entscheidung über Erfolg und Misserfolg in diesen wenigen Sekunden konzentrierte.

Der Rest war Euphorie. Jeder Befreiungsschlag wurde von den Löwenfans intensiver bejubelt als manches Tor in der regulären Saison. Dann der Schlusspfiff. Wie Kegel fielen die blauen Spieler um, Christopher Schindler weinte. Sehr viele Menschen weinten. Trainer Torsten Fröhling saß erst mal zwei Minuten auf der Trainerbank. "Das war sehr privat", sagte er später. "Ich habe meiner Mutter gedankt." Die Mannschaft stand Arm in Arm vor der Nordkurve. "Die Wucht, die wir zum Schluss hingelegt haben, darauf kann man nur stolz sein", sagte Fröhling, und Daniel Adlung meinte noch: "Wir haben das Spiel gewonnen, und deswegen brauche ich jetzt keine Erklärung mehr für die ersten 75 Minuten." Brauchte er auch nicht. In die umfangreichen Geschichtsbücher des Vereins werden die letzten 15 Minuten wandern.

Kurz vor Mitternacht, als das Bier in Giesings Kneipen wahrscheinlich schon knapp wurde, stand Kiels Trainer Karsten Neitzel in der hintersten Ecke des Presseraums und drückte einen Pappbecher. Der Becher war leer, und er sah so aus, als hätte der Trainer von Holstein Kiel gar nicht aus ihm getrunken. Wahrscheinlich war er trotzdem froh, ihn zu haben, er musste sich ja an irgendwas festhalten. Kurz vor der 900 Kilometer langen Heimfahrt im Bus sollte er noch mal dieses Spiel erklären. Wie konnte das kippen? "Wir machen das super, 1860 hat keine Torchance. Aber dann fällt aus dem Nichts das Tor." Aber das hätte doch noch für Kiel gereicht? "Ja, wir haben uns zu weit reindrängen lassen. Ich und mein Co-Trainer haben dann von außen versucht, Anweisungen zu geben. 'Weiter vorschieben, weiter vorschieben'." Aber? "Wir sind nicht zu den Spielern durchgekommen." Es war zu diesem Zeitpunkt sehr laut in der Arena.

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