Irgendwo in den Archiven der Tiroler Ski Clubs verbirgt sich vermutlich die wahre Bilanz dieses Duells zweier Skifahrer, die so viel mehr verbindet als ihr Jahrgang. Linus Straßer und Manuel Feller sind beide 1992 geboren. Und weil der eine (aus München kommend) und der andere (aus Fieberbrunn kommend) in ihrer Jugend zu den besten Skifahrern in der Region Kitzbühel zählten, muss es Rennberichte von Bezirkspokalen und Skiclub-Rennen geben, aus denen hervorgeht, wer von beiden häufiger auf dem Podium stand. Zweieinhalb Jahrzehnte später, am Sonntag, war die Sache immerhin klar: Straßer wurde Dritter, Feller gewann – und so erhielt die Geschichte vom dämonischen Ganslernhang ihr nächstes Kapitel.
Wie ein Damoklesschwert hatte Kitzbühels Slalompiste die Karrieren der beiden Rennfahrer bestimmt, von der Jugend bis zu diesem Sonntag. Feller und Straßer, das waren, trotz unterschiedlicher Landesflaggen, immer schon die Lokalmatadoren, die jahrelang scheiterten. Es dauerte bis ins Jahr 2024, ehe Straßer sein Trauma abstreifte, den von ihm „Schweinshang“ getauften Ganslern besiegte und den größten Erfolg seiner Karriere feierte. Nun, zwei Jahre später, gelang dieses Kunststück auch Feller. Und Straßer stand auf dem Podest direkt daneben.
Für den Deutschen hatte die zweite Gams vielleicht keine so übergroße Bedeutung wie die erste, die der Österreicher neben ihm in Empfang nahm. Allerdings: Was die kurzfristige Karrierebilanz anbelangt, war dieser dritte Platz von herausragender Bedeutung für Straßer.
„Den ersten Podestplatz der Saison in Kitzbühel einzufahren, ist was ganz Besonderes“, sagte der 33-Jährige, der nach einem Materialwechsel vor dem Winter mit Schwierigkeiten gestartet war: „Es war eine schwierige Saison bisher, aber der Weg hat immer gestimmt“, sagte Straßer, im Training habe er zuletzt schon deutliche Verbesserungen gespürt: „Den Schritt, den es gebraucht hat, habe ich nur im Rennen gehen können.“ Das gelang ihm, insbesondere dank eines hervorragenden zweiten Durchgangs, in dem er die drittbeste Laufzeit fuhr.
Straßer lieferte damit auch den krönenden Abschluss eines erfolgreichen Wochenendes für die deutschen Ski-Athletinnen und Athleten. Emma Aicher fuhr beim Slalom der Frauen in Spindlermühle (beim 108. Sieg von Mikaela Shiffrin) ebenfalls auf Rang drei – zum dritten Mal in dieser Saison nach den Rennen von Levi und Courchevel. Und in Kitzbühel gelang dem Abfahrtsteam der Männer schon am Samstag ein erster Fingerzeig in die richtige Richtung: Der achte Platz des jungen Luis Vogt war die zweite deutsche Top-10-Platzierung der Saison in den schnellen Disziplinen der Männer, brachte allerdings auch eine Debatte mit sich.
Offiziell nämlich war die vom DOSB gesetzte Nominierungsfrist für die Olympischen Spiele bereits abgelaufen, was bedeutet, dass Vogt laut Reglement nicht an den Wettkämpfen in Bormio teilnehmen kann. Am Sonntag allerdings versicherte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier, man habe „alle Hebel“ in Bewegung gesetzt, um das noch zu korrigieren: „Die entsprechenden Anträge sind bereits abgeschickt“, eine Entscheidung ist in den kommenden Tagen zu erwarten. Die Sache sei „sehr komplex“.
Wie genau das deutsche Ski-Team der Männer bei den Spielen aussehen wird, die in zwei Wochen in Bormio beginnen, steht also auch nach Kitzbühel nicht ganz fest. Dass sich mit Straßer ein ernstzunehmender Medaillenkandidat im Weltcup zurückgemeldet hat, ist allerdings eine gesicherte Erkenntnis.


