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Kitesurfen:"Mit Angst bist du hier fehl am Platz"

Susanne Schwarztrauber

"Da habe dann auch ich gedacht: Recht viel höher darf es jetzt nicht mehr sein, sonst wird es unangenehm." - Susanne Schwarztrauber beim Training in den Wellen auf Mauritius.

(Foto: Harry Winnington)

Susanne Schwarztrauber startet als Amateurin auf Mauritius beim Weltcup. Vor dem Wettkampf auf dem Inselstaat liegt sie in der Gesamtwertung auf Rang vier.

SZ: Mauritius wird von vielen Kite-Surfern auch aufgrund des berühmten Spots "One Eye" als Surf-Mekka angesehen. Schlägt sich das auch auf das Interesse des Publikums am Weltcup nieder?

Susanne Schwarztrauber: Es ist definitiv viel los. In diesem Jahr ist ein Luxus-Hotel der Hauptsponsor der Veranstaltung, dementsprechend kommen auf dieser riesigen Anlage auch viele Touristen und Locals von der ganzen Insel an den Strand.

Durch den Sponsor findet der Weltcup nicht am "One Eye", sondern im 10 Kilometer entfernten Bel Ombre statt. Ist das für Sie als Amateurin ein Vorteil?

Definitiv. Wir waren zuerst alle ein bisschen enttäuscht, weil wir "One Eye" lieben, ich selbst war auch vier Mal dort. Allerdings finden wir es inzwischen auch ganz gut hier in Bel Ombre, weil niemand die Wellen vorher kannte und deshalb jeder die gleichen Chancen hat. Die Profi-Surfer auf der Tour trainieren ständig am "One Eye", und gerade bei Wellen über einem Riff, wie es hier der Fall ist, braucht man eine Weile, bis man sich reingefuchst hat. Hier hat jeder die gleichen Karten.

Mauritius wird auch aufgrund des Wellengangs von den Kitesurfern so geliebt, teilweise erreichen die Wellen eine Höhe von sechs Metern. Als Europäerin sind Sie solche Monsterwellen nicht unbedingt gewöhnt. Wie lange braucht man, um sich auf die Bedingungen einzustellen?

Es ist tatsächlich so, dass selbst ich in der Vorbereitung schon Zweifel bekommen habe. An einem Tag letzte Woche hat derjenige, der die Welle genommen hat, ausgesehen wie eine Ameise. Da habe dann auch ich gedacht: Recht viel höher darf es jetzt nicht mehr sein, sonst wird es unangenehm. Als wir dann am Strand ankamen, wurde der Australier James Carew von einem Einheimischen gefragt, wie es da draußen war. Seine Antwort: "Die Wellen waren ein bisschen klein, aber es war ganz cool." Da blieb mir erst einmal die Spucke weg. Aber er hat das wirklich mit Überzeugung gesagt. Für ihn war das Alltag, er hätte noch ein paar Meter mehr haben können. Mein Homespot liegt in Holland - wenn man dort mal eine Drei-Meter-Welle reiten kann, hat man den goldenen Tag erwischt. Ich habe mich aber hier reingebissen und bin inzwischen auch so weit, dass ich mit den Wellen hier klarkomme.

Mit wie viel Respekt vor solchen Wellen sollte man denn dann ins Wasser gehen?

Das ist eine gute Frage. Wir haben es so ausgedrückt: Mit Angst bist du hier fehl am Platz, denn wer Angst hat, macht Fehler. Respekt ist eigentlich das richtige Wort, weil du trotzdem fokussiert bist. Das Wichtigste ist eigentlich, konsequent zu sein. Wenn man sich dazu entscheidet, die Welle zu nehmen, sollte man das auch durchziehen. Ab dem Zeitpunkt, an dem man anfängt zu zweifeln, hat man verloren. Wenn ich merke, dass mir die Welle zu steil wird, ziehe ich lieber zurück.

Sie haben vorhin schon erwähnt, dass der Austragungsort in diesem Jahr über einem Riff liegt. Wie groß ist denn das Verletzungsrisiko?

Schon relativ groß. Die Veranstalter haben natürlich alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um so schnell wie möglich eingreifen zu können, wenn etwas schiefläuft. Ich würde aber niemandem, der noch neu in der Szene ist, empfehlen, diese Welle zu reiten. Man muss so viele Sachen berücksichtigen, beispielsweise die Gezeiten. Wenn viel Wasser auf dem Riff liegt, ist es weniger gefährlich, weil man noch Puffer zwischen Riff und Mensch hat. Bei Niedrigwasser fällt man direkt auf das Riff. Dann sind die Veranstalter bei den Mädels ein bisschen gnädiger und lassen den Jungs den Vortritt.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen in dieser Woche ein? Immerhin reisen Sie als Vierte der Gesamtwertung an.

Es ist schon so, dass Surfer, die mit solchen Monsterwellen aufgewachsen sind - sei es auf Hawaii oder in Australien -, hier einen klaren Vorteil haben. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Momentan kann ich mir nicht vorstellen, einen Podestplatz zu ergattern, weil die Mädels hier extrem gut sind. Aber es ist ein Wettbewerb, und man kann nie vorhersagen, was da passieren wird. Es gehört natürlich auch Glück bei der Auslosung dazu. Wir surfen im K.o.-System gegeneinander, du kannst auf einen Neuling oder direkt auf die Weltmeisterin treffen. Das ist aber auch das, was es spannend macht. Ich bin hier, um Spaß zu haben und etwas zu lernen, alles andere ist die Kirsche auf der Sahne. Auf Sylt als Quereinsteigerin Dritte zu werden war schon so toll, dass ich alles, was jetzt kommt, mit einem Lächeln nehmen werde.

Sie müssen die kompletten Reisekosten aus eigener Tasche zahlen, als einzige Deutsche, die an allen Weltcup-Stationen teilnimmt. Nach Mauritius stehen noch Marokko und Brasilien an. Wie sieht Ihre Planung aus?

Ich trainiere nach dem Wettkampf noch bis zum 25. September auf Mauritius, danach geht es direkt nach Marokko zum nächsten Weltcup. Allerdings muss ich über Amsterdam wieder nach Afrika zurück fliegen, weil es günstiger ist. Mein ökologischer Fußabdruck wird immer größer. Wirklich klimaschonend ist das nicht.

Ein Natursport, der die Umwelt belastet.

Ja, das ist für uns alle ein enormer Zwiespalt. Die Leute, die hier mitfahren, sind alle echt naturorientiert. Allerdings bin ich auch unheimlich dankbar, durch meinen Sport so viele Kulturen kennenzulernen. Je mehr ich reise, desto mehr lerne ich, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein. Ich bin seit Monaten unterwegs, habe eine Boardbag und fünf T-Shirts dabei und bin der glücklichste Mensch der Welt. Ich muss mir um nichts Gedanken machen und das weiß ich sehr zu schätzen. Klar ist dieser Sport teuer, aber er ermöglicht mir auch, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Und das ist unbezahlbar.