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Kitesurfen:Klassenfahrt auf die Kapverden

Susanne Schwarztrauber überrascht als Quereinsteigerin die Elite - doch die Sponsorensuche erschwert ihre Karriereplanung.

Susanne Schwarztrauber Kitesurf

Gleich aufs Treppchen: Schon beim zweiten Weltcup-Stopp auf Sylt wurde Susanne Schwarztrauber Dritte – und ist derzeit im Gesamtranking Vierte von 18 Teilnehmerinnen.

(Foto: Gabriele Rumbolo/oh)

Kräftige Böen am Strand haben schon so manchem Urlauber den letzten Nerv geraubt. Für Kitesurfer beginnt der Spaß allerdings erst, wenn Windgott Äolus es gut meint und reichlich Wind wehen lässt. Beim Kitesurf-Weltcup im spanischen Tarifa aber blieb der aus. "Bei so wenig Wind hatte ich leider keine Chance, meine besten Tricks zu zeigen. Ich bin mit meinem 12-Quadratmeter-Kite gar nicht richtig aus dem Wasser gekommen", sagt Susanne Schwarztrauber. Die 30-Jährige aus Bad Abbach ist in diesem Jahr die einzige deutsche Kitesurferin, die plant, bei allen Weltcups der sogenannten GKA Kite World Tour anzutreten.

In Tarifa konnte letztlich nur ein Durchgang stattfinden, Schwarztrauber verpasste den Sprung ins Halbfinale knapp und musste sich am Ende mit Rang fünf zufriedengeben. Frustration kam deshalb aber nicht auf bei ihr. "Das ist okay, es ist halt ein Natursport. Da muss man immer damit rechnen, dass es so laufen kann."

Abgesehen vom stark wetterbeeinträchtigten Weltcup in Spanien läuft es für Schwarztrauber in diesem Jahr aber ausgesprochen gut. Mit 30 Jahren ist sie Quereinsteigerin, der Weltcup im Februar auf den Kapverden war ihr erster professioneller Wettbewerb im Kitesurfen überhaupt - und das, obwohl sie seit 13 Jahren so oft es geht auf dem Brett steht: "Am Gardasee habe ich damals zum ersten Mal Kites im Wasser gesehen und war von Beginn an fasziniert. Nach meinem Abitur bin ich direkt an die Nordsee gezogen und bin dort erst mal meiner Leidenschaft nachgegangen."

Als "Bayerisches Kindl" war die Sehnsucht nach der Heimat aber bald zu groß, so dass sich Schwarztrauber dazu entschloss, wieder in den Süden zu ziehen und in Österreich Pharmazie zu studieren. "Ich habe versucht, ein bisschen vom Wasser wegzukommen und die Lust auf Wasser in Lust auf Schnee umzuwandeln", sagt sie. "Das hat aber überhaupt nichts gebracht. Ich habe schon manchmal darunter gelitten, nicht am Meer zu sein." Deshalb ging es für die Diplomarbeit auch weiter in die Niederlande, genauer gesagt nach Amsterdam. Dort wollte sie nach Mitteln gegen den Pärchenegel, einem vor allem in Afrika verbreiteten Parasiten, forschen. Aber irgendwann war der Drang nach Kiten einfach zu groß: "Seit der Einführung der Serie vor vier Jahren war es mein Traum, Teil der World Tour zu sein. Nach meinem Abschluss habe ich mich dann überwunden und den Traum Realität werden lassen."

Susanne Schwarztrauber Kitesurf

Für ihre Diplomarbeit wollte Susanne Schwarztrauber, 30, nach Mitteln gegen Parasiten forschen - bis der Drang nach dem Kiten doch zu groß war.

(Foto: romantsovaphoto, GKA Kite World Tour/oh)

Wie viel Talent sie hat, bewies Schwarztrauber dann auch direkt beim zweiten Stopp im Juni auf Sylt: Als Newcomer gelang ihr der Sprung aufs Treppchen, durch den dritten Platz schob sie sich in der Gesamtwertung sogar auf Rang vier. "Das hat mich komplett umgehauen. Ich hatte Freudentränen in den Augen, als ich am Strand ankam und mir mitgeteilt wurde, dass ich Dritte bin", sagt sie. Druck verspürt Schwarztrauber keinen, der Spaß stehe im Vordergrund: "Das liegt auch daran, dass ich - im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern hier - einen relativ vernünftigen Plan B habe." Der Großteil des Feldes verdient mit dem Kiten auch außerhalb der World Tour sein Geld, sei es als Besitzer einer eigenen Kitesurfschule oder einfach nur als Surflehrer. Aber egal wie, alle, die dabei sind, sagt Schwarztrauber, verstehen sich großartig. "Klar: Wenn es darum geht, wer am Ende auf dem Podest ganz oben steht, geht es im Wasser schon rund. Aber sobald der Wettkampf vorbei ist, schlägt man ein, umarmt sich und trinkt am Abend ein Bier zusammen."

Auch das ist ein Grund dafür, dass Schwarztrauber sich nach den Erfolgen den letzten Wochen dazu entschieden hat, noch die anderen Stationen in diesem Jahr mitzunehmen. "Es fühlt sich an wie eine Klassenfahrt. Nur, dass die Klasse nicht aus Bad Abbach, sondern aus der ganzen Welt kommt", sagt die Niederbayerin. Wie bei einer Klassenfahrt müssen freilich auch die Reisen zu den Standorten aus eigener Tasche finanziert werden, der Ausrichter übernimmt keinerlei Kosten. Ohne Sponsoren kann das schwierig werden. Schwarztrauber lebt momentan von ihren Ersparnissen, hat während des Weltcups in Tarifa in einem Campingwagen auf einem Feld übernachtet. "Das ist teilweise schon frustrierend. Bisher hat sich kaum ein Sponsor gemeldet", sagt sie. "Vielen ist das Risiko zu groß, in eine Trendsportart zu investieren. Obwohl unser Sport schon sehr spektakulär aussieht."

Nur die besten drei Kiter könnten vom Sport leben, und ironischerweise sind das momentan die Männer aus den Kapverden, die diese Disziplin, das "Strapless Freestyle", erfunden haben. Im Vergleich zum normalen Kitesurfen stehen die Surfer hierbei ohne Halterung auf einer Art Surfbrett. Bei entsprechendem Wind und Wellengang werden die Athleten dann teils über sechs Meter in die Luft katapultiert und versuchen, mit virtuosen Tricks die Wertungsrichter zu beeindrucken.

2024 in Paris wird Kitesurfen erstmals Teil des olympischen Programms sein - allerdings nur in einer Disziplin, in der es auf Schnelligkeit auf flachem Gewässer ankommt. "Ich bezweifle, dass ich innerhalb von fünf Jahren umschulen und olympisches Niveau erreichen kann", sagt Schwarztrauber. Dass "Strapless Freestyle" bald aufgenommen wird, glaubt sie nicht. Dafür sei ihr Sport von zu vielen Naturfaktoren abhängig: "Im Gegensatz zu anderen Wassersportarten sind wir nicht nur auf den richtigen Wind, sondern auch auf den richtigen Wellengang angewiesen. Das bereitet jetzt schon vielen Organisatoren Kopfzerbrechen."

Dieses Jahr finden noch vier Weltcups statt: Im September reisen die Kitesurfer nach Mauritius, dann nach Marokko und zum Abschluss zu zwei Stationen nach Brasilien. Ob Susanne Schwarztrauber bis zum Schluss mit dabei ist, hängt in erster Linie von ihrer finanziellen Situation ab. Sie würde gerne, aber: "Wenn ich merke, dass ich für die Tour jeden Cent umdrehen muss, dann geht der Spaß schnell verloren", sagt sie. Und Spaß ist beim Kitesurfen bekanntlich das Wichtigste.

© SZ vom 17.07.2019
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