IOC-Präsidentin Kirsty CoventryDie neue Bach

Lesezeit: 5 Min.

Kirsty Coventry und Thomas Bach (re.): Die neue Chefin des IOC und ihr Vorgänger im Amt.
Kirsty Coventry und Thomas Bach (re.): Die neue Chefin des IOC und ihr Vorgänger im Amt. Andreas Rentz/Getty Images
  • Kirsty Coventry führt seit einem Jahr das IOC und erlebt in Mailand ihre ersten Spiele als Präsidentin.
  • Sie vertagt schwierige Themen wie das Vergabesystem und die Rückkehr Russlands auf eine außerordentliche Session im Juni.
  • Coventry kämpft mit internem Widerstand im IOC, ihr Rivale Samaranch junior wurde als Vizepräsident bestätigt.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Seit einem halben Jahr führt Kirsty Coventry das Internationale Olympische Komitee. Rund um ihre ersten Spiele wird klar: Die schwierigen Themen vertagt sie – und sie muss weiter gegen internen Widerstand ankämpfen.

Von Johannes Aumüller, Mailand

SZ bei Google bevorzugen

Am Schluss der Session mimt Kirsty Coventry die strenge Sitzungsleiterin. Es folge jetzt eine Mittagspause bis 1.15 Uhr, teilt sie mit und schaut dann etwas auffordernd in die olympische Gemeinschaft, die sich im Mailänder Kongresszentrum versammelt hat. Sie habe gerade ein „what?“ gehört, na, jetzt sei 12.15 Uhr, dann könne man doch um 1.15 Uhr wieder hier sein, um mit der gemeinsamen Arbeit in einem Workshop fortzufahren. Und damit dann guten Appetit, liebe Mitglieder der olympischen Familie.

Zwölf Jahre lang hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) als Conférencier seiner Sessionen den deutschen Wirtschaftsadvokaten Thomas Bach erlebt. Der hat auf seine sehr spezielle Art durch die Versammlungen geführt, mit seinen vielen Ähs, olympischen Floskeln und schlechten Scherzen, aber in wichtigen Momenten auch mit fein gesetzten Stichen und raffiniert gesteuerten Abläufen. Und irgendwann war er so angetan von sich selbst, dass das wie in einer Sekte wirkte – und er selbst davon berichtete, wie ihm beim Spaziergang durch den Garten der olympische Gründervater Pierre de Coubertin zugelächelt habe.

Olympische Spiele
:Eine Drohung der neuen Präsidentin

Kirsty Coventry sendet bei ihrer ersten Session als IOC-Präsidentin zwei Botschaften: Russlands Rückkehr ist nicht mehr fern – und es soll sich bloß keine Sportart sicher sein, auch künftig zum olympischen Programm zu gehören.

Von Johannes Aumüller

Thomas Bach ist noch immer gut sichtbar in der olympischen Familie. Die Olympische Charta sichert ihm als Ehrenpräsidenten nicht nur „das Recht, seinen Rat zu geben“, sondern auch einen Platz neben der IOC-Präsidentin bei Vorstandssitzungen und Sessionen zu. Und so sitzt er nun wie ein Aufpasser auf der Bühne, wobei er großzügigerweise zumindest öffentlich darauf verzichtet, sein verbrieftes Recht auf einen Ratschlag in Anspruch zu nehmen.

Seit Ende Juni ist Kirsty Coventry die neue Bach: 42 Jahre alt, einst Gold-dekorierte Schwimmerin, seit 2013 im IOC und parallel für sieben Jahre Sportministerin in Simbabwe – und Bachs Wunschnachfolgerin. In Mailand erlebt sie nun ihre ersten Spiele und ihre erste Session als IOC-Präsidentin, an diesem Freitag wird sie erstmals öffentlich größer in Erscheinung treten, wenn sie die Spiele eröffnet.

Was sich unter Kirsty Coventry geändert habe, werden in Mailand viele Mitglieder des IOC gefragt. Es sei „weiblicher“ und „jünger“ geworden, lautet eine Standardantwort, und wer könnte das bestreiten? Und außerdem habe Coventry einen eigenen Führungsstil.

Das schwindende Interesse junger Menschen, das intransparente Vergabesystem – es gibt viele Probleme

Ein bisschen anders wirkt es bei der Session tatsächlich. Das Sektenhafte, das Bachs Auftritte umgab, ist verschwunden. Und bisher deutet nichts darauf hin, dass Coventry demnächst davon berichtet, wie ihr Coubertin im Garten zugezwinkert habe. Dafür lässt sie in Bach’scher Manier die Athletenversteherin heraushängen, die so angetan ist vom olympischen Spirit und der Flamme und all dem. Und zu ihrem Stil gehört es auch, zu kritischen Themen quasi keine Stellung zu beziehen. Teil des vorolympischen Programms ist traditionell eine Pressekonferenz nach der IOC-Session, und bei nahezu jeder schwierigen Frage sucht Coventry einen Notausgang oder beantwortet sie gar nicht.

Coventry muss in ihrer Amtszeit einige gewichtige Probleme angehen. Da ist etwa die große Frage, wie künftig das Programm der Olympischen Spiele aussehen soll, um wieder das Interesse der jungen Menschen zu gewinnen; das intransparente Vergabesystem der Olympische Spiele; die Rückkehr der russischen Sportler und des russischen Olympia-Komitees; der Schutz des Frauensports nach dem Skandal um das olympische Boxturnier in Paris; und auch die Finanzlage, die unter anderem wegen des Ausstiegs mehrerer japanischer Großfirmen nicht so gut aussieht, wie es sich die IOC-Oberen wünschen. Und da ist ja noch ihre eigene Biografie und die Diskussion, wie sie in Simbabwe an politische Macht und in Landbesitz kam.

In Mailand kommen von Coventry zwei inhaltliche Botschaften. Eine eher verklausulierte in Richtung Russland, die sich in die Entwicklung einbettet, dass Russlands Rückkehr nicht mehr fern sei. Und eine recht klare in Richtung der Weltverbandspräsidenten, dass sich keiner mehr sicher sein kann, auch künftig zum olympischen Programm zu gehören. Ansonsten macht Coventry quasi eine große Schleife um alles und vertagt es in den Juni, auf eine außerordentliche Session.

Beim Thema Abschottung geht beim IOC immer noch mehr, als man ohnehin schon kennt

Es gibt eine recht naheliegende Parallele zwischen Coventrys Amtsantritt und dem von Thomas Bach 2013. Bach gab damals vor, die olympische Welt einmal neu gestalten zu wollen, Agenda 2020 nannte er das und inszenierte die erste Session unter seiner Leitung als große Austauschrunde. 166 Wortmeldungen verzeichnete das Protokoll, ein olympischer Rekord. Nun musste man sich natürlich keine Illusionen darüber machen, dass da viel Geplänkel und Show dabei war und das Maßgebliche andernorts entschieden wurde. Aber immerhin gab es so etwas wie eine Diskussion, in der IOC-Mitglieder ihre Gedanken öffentlich darlegen konnten.

Bei Coventry heißt das olympische Erneuerungsprogramm „Fit for the Future“, und angesichts der einschneidenden Themen wäre das doch wie geschaffen für eine schöne offene Debatte im IOC-Plenum. Stattdessen läuft das bei Coventry so ab: Die Session dauert nur anderthalb statt der üblichen zwei Tage, und dann treffen sich die IOC-Mitglieder am zweiten Nachmittag zu einem internen „Workshop“. Die Öffentlichkeit muss bitte draußen bleiben. Beim Thema Abschottung geht beim IOC immer noch mehr, als man ohnehin schon kennt.

Dabei muss Coventry nicht nur viele inhaltliche Themen angehen, sie kämpft auch mit einem gewaltigen internen Widerstand in der aktuell 107 Mitglieder zählenden IOC-Familie. Zwar ist sie vor knapp einem Jahr im ersten Wahlgang mit der absoluten Stimmenmehrheit gewählt worden, aber insgesamt war es enger, als es dieser Fakt vermuten lässt. Sie lag nur genau eine Stimme über der notwendigen Hürde, und sehr wahrscheinlich wären in weiteren Runden viele Voten der aussichtslosen Kandidaten zu ihrem schärfsten Rivalen gewandert, zum Spanier Juan Antonio Samaranch junior.

Entsprechend geht es für Coventry jetzt auch darum, das IOC nach eigenem Geschmack umzubauen. Einen neuen Chief of Staff hat sie schon eingestellt und sich auch eigene Leute in die Kommunikationsabteilung geholt. Aber wichtig ist ja nicht nur das Hauptamt, sondern auch die Mitgliederschaft. Bach hat auch diese damals nach seinem Sieg ganz auf sich zugeschnitten: Besonders deutlich wurde das, als sein großer Gegenspieler Richard Carrion ins Aus bugsiert wurde, indem er kurz nach der Wahl das einflussreiche Amt als Chef der Finanzkommission verlor.

Ausgerechnet ihr Rivale Samaranch junior wird als einer von vier Vizepräsidenten bestätigt

Bei Coventry ist das nun anders: In Mailand bestätigten die IOC-Mitglieder als einen von vier Vizepräsidenten just ihren Rivalen Samaranch junior, und das bei gerade mal sechs Gegenstimmen. Das ist in der IOC-Welt schon ein spezielles Zeichen. Zwar gibt es die IOC-Satzung grundsätzlich her, dass jemand zwei Legislaturperioden nacheinander als Vize firmiert, aber es kam im vergangenen Vierteljahrhundert nur sehr selten vor (unter anderen bei einem gewissen Thomas Bach). Und bei Samaranch schüttelt es sich sogar so, dass er im Zeitraum von 2016 bis 2030 in zwölf von 14 Jahren Vizepräsident gewesen sein wird.

Dabei dokumentierte sich in Mailand die Gespaltenheit des IOC noch bei einer weiteren Personalie. Der Italiener Giovanni Malago wollte sich ins Exekutivkomitee wählen lassen. Der 67-Jährige, einst unter kräftiger Dehnung der Statuten ins IOC gerückt, ist zuletzt eines der bekannteren Gesichter des IOC gewesen: Immerhin ist er der Cheforganisator der Spiele von Mailand und Cortina und damit quasi der Gastgeber des Festes, das die olympische Familie jetzt zweieinhalb Wochen lang feiern will. Doch dann trat gegen ihn der Chilene Neven Ilic an, der im IOC bisher nicht sonderlich aufgefallen ist. In Runde eins gab es ein 48:48-Patt, und im Stechen verlor der sichtlich erzürnte Gastgeber Malago dann.

Und das war dann ein Moment, in dem die strenge Zeremonienmeisterin Kirsty Coventry doch etwas irritiert wirkte. Nach dem Patt musste sie sich erst mal mit ihrem Generaldirektor beraten, und nach der zweiten Runde teilte sie nicht einmal mit, wie denn das genaue Ergebnis war.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Leon Draisaitl bei Olympia
:Der Fahnenträger, der verteidigt werden muss

Ein NHL-Profi als Fahnenträger? DOSB-Präsident Thomas Weikert erklärt, weshalb das Votum für Eishockeyspieler Leon Draisaitl gerechtfertigt ist. Die Wahl von Skispringerin Katharina Schmid ist dagegen unstrittig.

Von Felix Haselsteiner

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: