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Marathon-Dopingfall:Es war der Regen und ein umgefallener Lkw

Germany 44th BMW Berlin Marathon press conference PK Pressekonferenz Wilson Kipsang is pictured at

Um keine Ausrede verlegen: Zwar wurde Wilson Kipsang, hier bei der Pressekonferenz des Berlin Marathon 2017, nicht des Dopings überführt, aber er hat mehrere Kontrollen unter fadenscheinigen Angaben verpasst.

(Foto: Michael Debets/imago)

Ex-Weltrekordhalter Wilson Kipsang verpasst vier Dopingkontrollen und wird für vier Jahre gesperrt. Um seine Abwesenheit zu erklären, soll er laut Gericht Ausreden erfunden und Beweise manipuliert haben.

Von Saskia Aleythe

Einen abwechslungsreichen Job haben die Mitarbeiter der unabhängigen Integritätskommission (Aiu) des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics auf jeden Fall. So begab es sich, dass sich die Aiu in den vergangenen Monaten vermehrt mit Wetterdaten in Kenia beschäftigte, angestachelt durch den Marathon-Läufer Wilson Kipsang. Der 38-jährige Kenianer, der 2013 beim Berlin-Marathon in 2:03:23 Stunden Weltrekord gelaufen war und im folgenden Jahr von Dennis Kimetto in 2:02:57 entthront wurde, hatte mehrere Dopingtests verpasst und dafür mitunter interessante Erklärungen abgegeben.

Beispiel 27. April 2018: Zwischen 22 und 23 Uhr wollte Kipsang in seinem Wohnort Iten für die Kontrolleure auffindbar sein, war dies aber nicht: Er hatte seine Schwester zu deren Hochzeitsvorbereitungen in Muskut besucht und sich für die - normalerweise - eine Stunde dauernde Heimfahrt nach Iten nach eigener Angabe rechtzeitig wieder verabschiedet. Aber dann sei Regen übers Land gekommen, so heftig, dass er Umwege fahren musste und sein Telefon gar im Funkloch verschwand. Zu Hause war Kipsang erst um ein Uhr nachts, die Kontrolleure da schon wieder verschwunden. Die Aiu forschte nach, auch beim kenianischen Umweltministerium. Die Wetterdaten für den besagten Termin ergaben nun aber: "Klare" bis "teilweise bewölkte" Verhältnisse, 22 Grad, trocken. Donnerwetter!

Das alles hat die Aiu in einem 79 Seiten langen Bericht auf ihrer Webseite veröffentlicht, am Freitag gab der Verband sein Urteil bekannt: Kipsang wird für vier Jahre gesperrt, wegen vier Verstößen gegen die Anti-Doping-Regeln zwischen April 2018 und Mai 2019, rückdatiert wird die Sperre auf den 10. Januar 2020, seitdem war der ehemalige Weltrekordler bereits vorläufig suspendiert. Es folgten Monate der Aufarbeitung, an deren Ende die Prüfer auch zu dem Urteil kamen: Kipsang hatte nicht nur gegen die Meldeauflagen verstoßen, sondern auch falsche Zeugenaussagen und Beweise vorgelegt, um seine vermeintliche Unschuld zu beweisen. Laut Strafenkatalog handelt es sich also um Manipulation.

Kipsang soll bewusst falsche Beweise aufgeführt haben, um sich zu verteidigen

Regenfälle, die nie stattgefunden hatten, gehören dabei noch zu den harmloseren Erklärungen; manche Geschichte würde als rührend naiv durchgehen, käme sie nicht von einem hochdekorierten Profi-Athleten: Als die Kontrolleure Kipsang am 18. Januar 2019 erneut nicht antrafen, war der Läufer nach eigener Aussage in Narok County. Der Olympiadritte von London 2012 ist nebenbei noch Inhaber einer Baufirma und musste ein langes Meeting abhalten, sodass er leider weder pünktlich loskam noch in der Melde-App seinen Aufenthaltsort ändern konnte, er saß ja im Meeting.

Irritationen kamen zudem auf, dass laut Kipsang 2,5 Stunden Autofahrt nach Hause ausgereicht hätten, die Aiu und das Schiedsgericht aber bei jeder möglichen verfügbaren Route auf Google Maps statt auf 175 Kilometer auf mindestens 300 Kilometer Distanz kamen - und mindestens 5,5 Stunden Autofahrt. Die Begründung des Athleten, warum er seine Angaben nicht rechtzeitig habe ändern können, bezeichnete das Gericht als schlechte Ausrede.

Schwerer als das wiegen zwei Fälle, bei denen er nach Ansicht des Gerichts sogar bewusst falsche Beweise ins Feld geführt hatte: Über den 12. April 2019 machten seine Frau, sein Fahrer sowie ein Bodyguard sprachlich auffällig ähnliche Angaben: Doch, doch, Kipsang sei daheim gewesen; die Kontrolleure bekamen ihn allerdings nicht zu Gesicht. Und dann ist da noch die Sache mit dem Verkehrsunfall.

17. Mai 2019, die Dopingkontrolleure kommen - kein Kipsang da. Aufgrund eines Verkehrsunfalls mit einem umgekippten Lkw habe er es nicht rechtzeitig von Nairobi nach Iten geschafft, führte der Athlet dieses Mal an. Dafür legte Kipsang auf Nachfrage sogar ein Beweisfoto vor - dumm nur, dass die Aiu ein verdächtig ähnliches Video bei Youtube fand, gepostet von der Daily Nation, Kenias führender Tageszeitung - in Verbindung mit einem Unfall am 19. August 2019, also fast vier Monate später als der Testversuch stattgefunden hatte. Nicht seine Schuld, meinte Kipsang, sein Fahrer hatte ihm das Foto geschickt, ohne zu wissen, dass es sich um einen anderen Fall gehandelt habe. Nachforschungen bei der Polizei in Nakuru, wo sich der angebliche Unfall zugetragen haben sollte, ergaben zudem: Kein Unfall mit großen Fahrzeugen am 17. Mai 2019.

Der Lüge überführt fühlt sich Kipsang dennoch nicht. "Ich habe seit 17 Jahren nicht mehr gelogen", sagte der 38-Jährige am Samstag vor Journalisten und laufenden TV-Kameras des Senders KTN News in Iten, "ich wurde 125 Mal getestet ohne positives Ergebnis." Bestraft zu werden wie jemand, der jahrelang gedopt habe, sei nicht fair. "Ich werde sehr bald zurück sein." Dann verschwand er, sichtlich aufgebracht.

Dopingfälle sind in der Läufernation Kenia keine Seltenheit, der Welt-Leichtathletik-Verband hatte das Land Ende 2018 als Hochrisikoland eingestuft. Schon am Freitag hatte Kipsangs Management ein Statement veröffentlicht, dass der Athlet doch bitteschön nicht mit positivem Test aufgefallen sei, man stehe absolut für sauberen Sport und behalte sich vor, vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) zu ziehen. Dort würden dann mit Sicherheit ein paar spannende Recherchen anfallen.

© SZ vom 05.07.2020/schm
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