Formel-1-Pilot Kimi RäikkönenTrocken im Abgang

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Dem einen oder anderen Tropfen nicht nur auf dem Podium selten abgeneigt: Ein noch sehr junger Kimi Räikkönen (r.) verpasst Michael Schumacher eine Champagnerdusche.
Dem einen oder anderen Tropfen nicht nur auf dem Podium selten abgeneigt: Ein noch sehr junger Kimi Räikkönen (r.) verpasst Michael Schumacher eine Champagnerdusche. (Foto: HochZwei/imago)

Für Kimi Räikkönen ist nach der Saison endgültig Schluss. Der einstige Weltmeister und Pilot mit den meisten Formel-1-Rennen gab Journalisten oft legendäre Antworten - seine Abschiedsrede enthält drei prägnante Sätze.

Von Philipp Schneider, Zandvoort

Jetzt wäre der passende Moment für eine kleine Rede. Gut, die erwartet ja keiner. Aber vielleicht ein klitzekleiner Gefühlsausbruch? Zumindest eine zuckende Augenbraue?

Zu seiner Entschuldigung muss gesagt werden, dass ja noch immer ein Virus umgeht auf dem Planeten. Seine FFP2-Maske schluckt alle Regungen. Aber selbst wenn keine Pandemie wäre: Es ist Kimi Räikkönen, der da nun sitzt und antworten muss. Woran er nicht unschuldig ist. Er hat am Vorabend seinen Rücktritt selbst verkündet. In den sozialen Netzwerken, die er Ewigkeiten als neumodischen Kram boykottierte, hat er geschrieben: "Das war's". Mit dem Rennfahren sei Ende der Saison Schluss, tatsächlich. Nach mehr als 20 Jahren hinter dem Steuer. Es gebe "noch viel mehr im Leben, das ich erleben und genießen will." Und nun versinkt er tags darauf, bei der Pressekonferenz in Zandvoort, fast in seinem Stuhl. Weil ihm all die Nachfragen, die auf ihn einprasseln, mal wieder beneidenswert egal sind.

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Er habe die Entscheidung nicht gestern getroffen, so viel Informationen gibt er frei. Außerdem: Er habe ja schon "Erfahrung" mit Rücktritten. Eine herrliche Anspielung darauf ist das, dass er die Formel 1 nach der Saison 2009 schon einmal verlassen hat. Vor zwölf Jahre warf ihn Ferrari aus dem Team, um Platz zu schaffen für Fernando Alonso. Obwohl die Scuderia zwei Jahre vorher mit Räikkönen Weltmeister geworden war - und seither nie wieder wurde. Der konnte damals nicht wissen, dass er nach einem Ausflug in den Rallyesport wieder zurückkehren würde in die Formel 1, wo ihn Ferrari neun Jahre nach der ersten Trennung abermals vor die Tür setzen würde. So wurde Räikkönen zum Comebacker, den die Fans schätzen. Zum Fahrer aber, den die Fans lieben, wurde er wegen seiner Art, auf Fragen zu antworten: mit Lakonie.

Anstatt zu reden, ist er immer nur gefahren. Und wenn er besser nur gefahren wäre, dann hat er geredet

Kimi Räikkönen, geboren vor knapp 42 Jahren im Süden Finnlands in einem einfachen Haus in den Wäldern mit einem Plumpsklo im Hof, will einfach nur Ruhe. Er ist wie eine Kunstfigur, die im Rennsport keinerlei Entsprechung hat. Sie existiert nur im Genre Italowestern. In Sergio Leones Epos "Spiel mir das Lied vom Tod" sagt der herrlich verschmitzte Bandit Cheyenne über den verschwiegenen Fremden mit der Mundharmonika: "Er ist jemand, an den du dich erinnerst. Anstatt zu reden, macht er Musik. Und wenn er besser Musik machen sollte, dann redet er." Räikkönen ist 19 Saisons lang der Charles Bronson der Formel 1 gewesen. Anstatt zu reden, ist er immer nur gefahren. Und wenn er besser nur gefahren wäre, dann hat er geredet. Schon der Fremde mit der Harmonika hat die anbetungswürdige Claudio Cardinale spüren lassen: Lass ihn besser in Ruhe, es bringt halt nichts! Genau so war es mit den Journalisten bei Räikkönen.

Einmal wollte einer von Räikkönen wissen, ob er ein Hobby habe. "Ich sammle Nüsse", hat er als Antwort erhalten. Ob er auch, wie viele seiner Fahrerkollegen, vor den Rennen ein bestimmtes Ritual habe, in das er auch seinen Helm einbeziehe? "Ich wische ihn ab, damit ich besser sehen kann." Und was kann man in Finnland sonst so machen? "Also, im Sommer kann man angeln und bumsen, aber im Winter ist es schwierig mit dem Angeln." Als Räikkönen einst im Lotus dem Sieg entgegenstrebte und sein Renningenieur aufgeregt immer neue Infos ins Cockpit funkte, grummelte Räikkönen genervt zurück: "Lass mich in Ruhe! Ich weiß schon, was ich mache!" Die Fans druckten sich den Spruch auf ihre Shirts.

Am Donnerstag wird er gefragt, ob er schon wisse, was er nun vorhabe. "Ich bin nicht in Eile. Es gibt immer Möglichkeiten, aber ich bin gerade nicht daran interessiert, darüber nachzudenken." Das wollte man ihm glauben. Räikkönen war immer nebenbei Rennfahrer. Er ist die Antithese zu den fleißig-nerdigen Jungfahrern, die in die Simulatoren steigen, um sich ein Gefühl für das Rennfahren anzutrainieren, das Räikkönen schon immer in sich hatte. Inzwischen ist er 41. Aus dem einstigen Wunderkind, das mit so wenig Erfahrung in der Formel 1 anlandete, dass eine Ausnahmegenehmigung des Automobilweltverbandes nötig war, um starten zu dürfen, ist längst der älteste Fahrer im Feld geworden. Als Räikkönen im März 2001 in Melbourne seinen ersten Formel-1-Grand-Prix erlebte, war der Alpha-Tauri-Fahrer Yuki Tsunoda zehn Monate alt.

Räikkönen hat nach seinem zweiten Abschied von Ferrari, den mehr als 80 000 seiner Fans mittels einer Online-Petition verhindern wollten, noch einmal drei Jahre drangehängt. Aus Verbundenheit zum Rennstall Sauber womöglich, der sein erster war in der Formel 1 und der nun auch sein letztes Auto konstruiert hat: den Alfa Romeo. Seither geht es sportlich abwärts: WM-Zwölfter 2019, Platz 16 2020, gegenwärtig WM-17., mit zwei dünnen Punkten. Wäre es nicht Räikkönen, der da zurücktritt, man könnte meinen, da hat einer die Lust verloren.

Hat er Stoff für eine zweite Autobiografie gesammelt? Kimi Räikkönen, bald ein Ex-Formel-1-Pilot, hat dann wieder mehr Zeit zu schreiben.
Hat er Stoff für eine zweite Autobiografie gesammelt? Kimi Räikkönen, bald ein Ex-Formel-1-Pilot, hat dann wieder mehr Zeit zu schreiben. (Foto: HochZwei/Imago)

Möglicherweise wird Landsmann Valtteri Bottas sein Cockpit erben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Bottas seinen Silberpfeil am Ende der Saison räumen muss, um Platz zu schaffen für den talentierten George Russell, 23. Toto Wolff, der Teamchef von Mercedes, hat versprochen, sich um Bottas' sportliche Zukunft zu kümmern. Auch ein Sitz bei Williams wäre denkbar. "Er ist ein großer Star in Finnland. Eine Legende", säuselte Bottas nun über Räikkönen.

Der hat es bald geschafft. Neun Rennen noch, pandemiebedingt vielleicht auch weniger. Nach 21 Grand-Prix-Siegen und mehr als 350 Rennen für Lotus, McLaren, Ferrari und Sauber; niemand ist häufiger gekreist in der Formel 1. Und es ist der wohl beste Scherz des Schweigers aus Espoo, dass er all jene spannenden Geschichten, die er niemals erzählen wollte, vor ein paar Jahren niederschreiben ließ in einer Biografie mit dem Titel: "Der Unbekannte". Da lässt sich nachlesen, dass er 2012 mal 16 Tage in Serie betrunken gewesen ist. Nachdem ihn der Prinz von Bahrain zu einer Party eingeladen hatte, war er mit einem Kumpel, dem Eishockeyprofi Kimmo Pikkarainen, bis zum nächsten Rennen in Barcelona alkoholisiert. Dort wurde er Dritter.

"Ich hatte Spaß", sagte Räikkönen nun in Zandvoort. "Ich habe es auf meine Weise gemacht. Und ich würde alles noch mal genauso machen." Eine Abschiedsrede in drei Sätzen. Und jetzt möchte Kimi Räikkönen wirklich in Ruhe gelassen werden!

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