Kim Kulig im ZDF:Dringend nötige Lässigkeit

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Kim Kulig: TV-Expertin bei der WM

(Foto: imago/foto2press)

Von Saskia Aleythe

Natürlich spielt Kim Kulig noch Fußball. Im offiziellen ZDF-Trailer zur Fußball-WM der Frauen tritt sie im Sommerkleidchen und goldenen Römersandalen gegen den Ball, die Zielscheibe ist eine Torwand, die Hobbybastler nur mit einem Loch unten rechts versehen haben. Kein Problem für die 25-Jährige: Der Ball kracht in die linke obere Ecke der Holzwand - und die hat plötzlich ein Loch mehr.

Tatsächlich ist Kulig dieser Tage nicht für sportliche Auftritte zu haben, sondern für Analysen rund um den Ball, als TV-Expertin steht sie bei deutschen WM-Spielen parat - und wird an der Seite von Moderator Sven Voss auch dringend benötigt. Die Berichterstattung driftet oft in eine Angestrengtheit ab, unbedingt Seriösität erzeugen zu wollen - so wird auch schon mal nach einem 10:0-Sieg minutenlang über die Stärken des Gegners schwadroniert.

Kuligs Lässigkeit kommt da sehr gelegen. "Man braucht Thailand nicht stärker zu reden als sie sind", sagt sie vorm letzten Gruppenspiel, Deutschland gewinnt 4:0. Dass sie überhaupt so locker auftreten kann, ist schon an sich eine Stärke: Normalerweise wäre sie selbst als Spielerin bei der WM dabei gewesen.

Die größten Versprechen im Frauenfußball - dazu gehörte einmal Kim Kulig. Auch für die öffentliche Wahrnehmung des Sports war sie ein Segen. Sie hätte bei der WM in Kanada vielleicht dieses Versprechen erfüllt, hätte sie in den vergangenen vier Jahren auch mal vernünftig Fußballspielen können.

Kulig war 19 Jahre alt, als sie von der Bundesliga zur "Aufsteigerin der Saison" gewählt wurde. Im gleichen Jahr gewann sie mit dem Nationalteam den EM-Titel, wurde 2010 U20-Weltmeisterin. Die WM 2011 im eigenen Land sollte alles verändern: Kulig wurde auch einem größeren Publikum bekannt, war eine perfekte Botschafterin in eigener Sache. Tattoos, auffälliges Make-Up, Selbstbewusstsein als Frau und als Sportlerin - Kulig hob sich ab von der blassen Szene um sie herum. Auch weil sie mit ihren technischen Fähigkeiten, der Kopfballstärke und dem Spielverständnis im Mittelfeld herausragte.

Der 9. Juli 2011 wurde dann zu ihrem Schicksalstag: Im Viertelfinale gegen Japan verletzte sich das junge Talent schwer am Knie. Aus der vielversprechenden Fußballkarriere wurde eine lange schwere Prüfung. Vor allem für die Psyche.

Immer folgte ein neuer Rückschlag

Kreuzbandriss, Riss im Innenmeniskus, Knorpelschaden, Riss im Außenmeniskus - vier Operationen hat Kulig in den vergangenen vier Jahren mitgemacht. Wenn sie gerade wieder nach monatelanger Reha ihr Comeback gab, kam der nächste Rückschlag, musste das nächste Turnier abgesagt werden. Die Hoffnungen auf einen Neustart der Sportlerkarriere erfüllten sich nicht. Ob sie noch einmal zurückkehren wird auf den Rasen? "Das weiß ich selber nicht", sagt sie. Schon Treppensteigen fällt ihr schwer.

Dass Kulig nun trotzdem bei der WM dabei ist, wenn auch nicht als Spielerin, sei für sie selbst eine "tolle Möglichkeit". Es ist vor allem das Ergebnis eines Reifeprozesses. Nicht mehr tun zu können, was man am meisten liebt, hat Kulig natürlich belastet. Fußballspiele ihres Teams 1. FFC Frankfurt verfolgte sie in ihrer langen Pause auf der Tribüne mit - als Zeichen für die Mannschaft, aber für sie selbst war es oft quälend, zuschauen zu müssen.

Wer nun als Expertin auftritt bei einem Turnier, bei dem man mit mehr Glück im Leben auch als Fußballerin dabei gewesen wäre, der muss innerlich gewachsen sein. Mut und Leidenschaft, das steht in arabischen Buchstaben auf ihrem linken Unterarm.

Durch so eine Krise kommt man besser, wenn man anderen Sachen als Fußball einen Platz im eigenen Leben gestattet. Nach ihrem Abitur begann Kulig ein Fernstudium in Sportmanagement, die Abschlussprüfungen stehen bald an. Zusätzlich studiert Kulig Innenarchitektur an der Uni Darmstadt. Für das Leben nach dem Fußball. Wobei das ja nicht zwingend ohne Fußball ablaufen muss - beim ZDF macht sie schließlich auch einen ordentlichen Job. Auch wenn das mit dem Loch in der Torwand gemogelt war - das hat eine präparierte Ballmaschine reingedonnert.

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