Der Kampf von Oleksandra Olijnykowa gegen den russischen Angriffskrieg ging am Samstag auf Court 7 weiter. Die 25-Jährige aus der Ukraine sieht sich auf einer Mission, das hat sie bei den French Open bei jeder ihrer Pressekonferenzen verdeutlicht. Dass ihr Duell in der dritten Runde gegen die Russin Diana Schnaider kein normales war, zeigte sich beim Blick hinter die Sitzplätze der beiden Kontrahentinnen, als sie spielten. Für die Partie wurde das Sicherheitspersonal aufgestockt. Später erklärte Olijnykowa, die als einzige Tennisprofispielerin noch in Kiew lebt, aus ihrer Sicht hätte es keines zusätzlichen Schutzes bedurft. „Es gibt hier so viel Sicherheit, und ich habe das Gefühl, dass niemand darüber spricht, dass ich, sobald ich wieder nach Hause komme, mit Drohnen und Raketen angegriffen werden werde“, sagte sie. „Dieser Kontrast – er kommt mir wirklich seltsam vor.“
Nach ihrer 5:7, 1:6-Niederlage gegen die Nummer 23 der Weltrangliste ist Olijnykowas Mission zumindest in Paris vorerst beendet. Sie nutzte aber noch einmal die Bühne, die ihr vor internationalen Medien geboten wurde. Olijnykowa las zunächst eine Erklärung von ihrem Handy ab. In den Tagen zuvor hatte sie immer wieder auf die Kriegsverbrechen des benachbarten Aggressors verwiesen, verglich Russland mit Nazi-Deutschland und griff ihre bevorstehende Gegnerin Schnaider scharf an: „Diana Schnaider ist eine Person, die am Gazprom-Turnier teilgenommen hat“, hatte sie am Donnerstag vorgetragen. „Das wird von einem Unternehmen ausgerichtet, das Kriegsverbrechen finanziert. Die Teilnahme an diesem Turnier bedeutet also, für eine Organisation zu spielen, die Lager für Kinder finanziert.“ Russland hat bekanntlich seit Beginn des Krieges systematisch Kinder aus der Ukraine entführt und in spezielle Umerziehungslager gebracht.
Am Samstag rechtfertigte sich Olijnykowa in ihrem Statement für ihr Engagement: „Ich weiß, dass manche es vorziehen würden, wenn ich schweige. Aber bei dem, was ich tue, geht es nicht um Politik, sondern um Menschlichkeit.“ Sie erinnerte an die Anfänge der Frauen-Profitour: „Unsere Organisation wurde nicht von Pionierinnen wie Billie Jean King aufgebaut, damit Geld und Luxus zu den einzigen Werten im Damentennis werden könnten. Sie strebten nach etwas Größerem als dem. Sie wollten, dass wir eine Stimme haben, andere dazu inspirieren, die Welt zu verbessern und Vorbilder für junge Athletinnen sind.“ Und sie sagte: „Meine Zukunft liegt in der Ukraine. Mein Vater kehrt zur Armee zurück. Mein Freund ist Soldat. Alles in meinem Leben wird vom Krieg bestimmt.“ Ihre Stimme wirkte manches Mal brüchig. Als sie auf Kommentare von Schnaider angesprochen wurde, reagierte sie erst recht aufgewühlt. Und doch saß sie da, aufrecht, entschlossen.

Vor Olijnykowa hatte Schnaider, die von dem Deutschen Sascha Bajin trainiert wird, im Presseraum 2 gesessen, und bis auf zwei, drei Fragen ging es auch bei ihr um den Krieg. Wie sie zu diesem Thema stehe, was sie zu den Vorwürfen sage. Sie hatte sich vorbereitet, was angesichts so schwerer Themen nahe lag. Ihr Kurs wurde schnell deutlich. Sie ging auf Tauchstation. Sie habe nichts mitbekommen von Olijnykowas Auftritten, sagte Schnaider ruhig und freundlich. Bemerkenswert, denn die sozialen Tennismedien waren voll davon, seit Tagen, seit Wochen. Sie wolle nur über Tennis reden, das sei ihr Job. Einerseits hatte sie damit sogar recht. Andererseits lässt sich die Politik nicht vom Sport trennen, wenn es um Krieg geht. Das ist zu oft Wunschdenken des Sports.
Der politische Kampf zehrt an den ukrainischen Spielerinnen
Ihre Teilnahme beim Gazprom-Turnier? „Ich betrachte es als eine Gelegenheit, meiner Familie einfach gutes Tennis zu bieten. Ich meine, es ist die einzige Gelegenheit, also muss ich sie nutzen.“ Angeblich hatte sie Putin-freundliche Posts mit Herzchen versehen. Ob ihr bewusst sei, was sie so im Internet mit einem „Like“ versehe? „Ich schätze, ich werde auf Instagram wohl keine Kommentare oder Videos mehr liken.“ Ob sie die Gelegenheit nutzen wolle, um ihre Haltung zum Krieg kundzutun? Weil so viel über sie kursiere? Grundsätzlich wäre es leicht gewesen, etwa zu versichern, dass man Frieden wolle. So hatte sich einmal die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka aus Belarus geäußert und zumindest eine gewisse Haltung offenbart. Schnaider blieb beim Mauern: „Ich werde mich in keiner Weise zu dieser Situation äußern.“ Ob sie den Krieg goutiere? Oder ob sie sich nicht traute, ein Zeichen des Friedenswunsches zu senden, aufgrund Drucks aus der Heimat? Auch das ist möglich. Das alles lässt sich weiterhin nicht klar beantworten.
Für die ukrainischen Spielerinnen, die maßgeblich immer wieder den Krieg ins Bewusstsein rücken, wird der politische Kampf, den sie aufgenommen haben, indes weitergehen. Doch er zehrt auch an ihnen. Marta Kostjuk, 23, gestand in Paris, sie sei müde geworden, wieder und wieder auf die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des russischen Angriffskrieges zu verweisen. Vor ihrem ersten Match in Paris hatte eine Bombe in Kiew nur um einhundert Meter das Haus ihrer Eltern verpasst. So sieht ihr Leben aus, die Spielerinnen leben mit der Angst.
Die Weltranglisten-65. Olijnykowa ist daher nun die energischste Stimme dieser Fraktion geworden. Sie stellte klar, sie werde niemals aufgeben: „Für mich gilt: Wenn ich schweigen würde – wenn ich müde würde –, dann sähe ich keinen Sinn darin, hier zu sein. Ich glaube, die Mission des Sports besteht darin, Menschen zu vereinen und sie für die richtigen Dinge zusammenstehen zu lassen.“ Das Schweigen auf der Tour halte sie für „gefährlich, und das ist nicht richtig“. Und mit den Russinnen reden? „Die russischen Spieler – seien wir ehrlich – wollen gar nicht kommunizieren.“


