Kießlings Phantomtor:"Das darf ja nicht gelten, so ein Spiel"

Ein Fall fürs Sportgericht also. Hoffenheim ist bereits beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) vorstellig geworden, zwecks Protest. "Skandalös" sei das alles, polterte TSG-Sportdirektor Alexander Rosen am Freitagabend vor den Kameras, auf der Tribüne pfiffen die Fans. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) teilte am Samstagmittag mit, man werde in den kommenden Tagen alle Beteiligten anhören, das Verfahren werde vermutlich nicht in der kommenden Woche beginnen, sagte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig. Wenn es kein Wiederholungsspiel gebe, sagte Hoffenheims Trainer Markus Gisdol, "würde ja niemand die Fußballwelt verstehen. Das darf ja nicht gelten, so ein Spiel."

Ob das Spiel tatsächlich wiederholt wird, ist allerdings völlig ungewiss. Zwar hat der DFB 1994 die vieldiskutierte Partie zwischen Bayern München und dem 1. FC Nürnberg erneut austragen lassen, Thomas Helmer hatte den Ball am Tor vorbeigestochert, die Schiedsrichter dennoch auf Tor entschieden. Doch die Entscheidung führte zu schweren Verwerfungen zwischen dem DFB und dem Weltverband Fifa.

Letzterer dachte darüber nach, deutsche Mannschaften international zu sperren. Immerhin hatte der DFB damals eine Tatsachenentscheidung revidiert, ein Tabubruch für die Regelhüter. Nun droht ein ähnliches Szenario, in Brychs Fall handelt es sich ebenfalls um ein Tatsachenurteil. "Das ist ein hochbrisantes Thema", sagte der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Bernd Heynemann am Samstag.

Der DFB äußerte sich entsprechend defensiv: Man werde sich mit der Fifa abstimmen, "um die verbindlichen Vorgaben des Weltverbandes bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen". Rainer Koch, im DFB-Vorstand verantwortlich für Rechtsfragen, klang nicht gerade so, als verspüre er große Lust auf eine Neuansetzung: "Der reflexartige Ruf nach einer Wiederholung des Spiels ist verständlich, aber wir wissen aus der Vergangenheit auch, wie sehr die FIFA die Tatsachenentscheidung eines Schiedsrichters schützt."

Auch das Regelwerk des DFB (mit einem Bild von Felix Brych auf dem Titel) dürfte den Hoffenheimern wenig Hoffnung machen. Im "Regel 1 - Das Spielfeld" heißt es: "Der Platzverein ist für die richtige Zeichnung des Spielfeldes sowie den ordnungsgemäßen Aufbau der Tore, ihre zuverlässige Befestigung und ihren unbeschädigten Zustand verantwortlich." Zwar hatte der Linienrichter das Tornetz vor Spielbeginn geprüft, das kleine Loch allerdings nicht erspäht.

Die Reaktionen am Morgen danach fielen unterschiedlich aus. Zunächst meldete sich Kießling noch einmal, auf seiner Facebook-Seite: "Ich kann die Reaktionen von vielen von Euch hundertprozentig verstehen und bin selbst ganz aufgewühlt", schreibt Kießling, "nach den Wiederholungen im Fernsehen sehe ich es eindeutig so: es war kein reguläres Tor."

Markus Merk, ehemaliger Weltschiedsrichter, befand: "Man kann keinem der Beteiligten einen Vorwurf machen, weder dem Schiedsrichter noch Stefan Kießling. Es ist eine absolut unglückliche Situation." Derartige Vorfälle, so Merk, könne man nur mithilfe technischer Mittel lösen. Heynemann tadelte dagegen Brychs Leistung: "Man muss sehen, dass der Ball neben dem Pfosten landet", sagte Heynemann, Brych hätte also energischer beim Torschützen nachhaken müssen. Thomas Helmer, zuständig für das Phantomtor im April 1994, assistierte: "Das ist nicht nur der Fehler des Spielers, sondern auch der Fehler des Schiedsrichters. Es geht um Sekunden, und du weißt als Schütze selbst nicht so genau, ob er drin war."

Ziemlich sicher ist mittlerweile: Als ewiger Phantomtor-Experte hat Thomas Helmer seit gestern Abend einen Nachfolger.

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