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KFC Uerdingen:Gestrandet in der Grauzone

Spruchbänder / Banner der KFC Uerdingen Fans am 24.01.2021 vor der Grotenburg in Krefeld *** Banners of the KFC Uerdinge

Symbole der Wut und Hilflosigkeit: Fans des KFC Uerdingen verabschieden ihren scheidenden Investor Michail Ponomarew.

(Foto: Revierfoto/Imago)

Erzürnte Fans, abwandernde Spieler und ein Investor, der den nächsten Insolvenzantrag stellt: Drittligist KFC Uerdingen steht exemplarisch für den Niedergang ehemaliger Bundesligisten.

Von Ulrich Hartmann

Der Zaun vor der Stadionruine namens Grotenburg ist zu einer Pinnwand umfunktioniert worden. Die Fans haben massenhaft Banner mit frechen Sprüchen und Karikaturen aufgehängt. Darin kommt der scheidende Investor Michail Ponomarew erwartungsgemäß nicht allzu gut weg. "Lügen haben dicke Bäuche", steht auf einem der Plakate, ein geflügeltes Wort, das sie im niederrheinischen Krefeld am westlichen Rand des Ruhrgebiets exklusiv haben.

Die Fans sind aufgebracht darüber, dass sich der Russe aus dem Nachbarstädtchen Meerbusch den Fußball-Drittligisten KFC Uerdingen trotz seiner Treuebekenntnisse nun plötzlich doch nicht mehr leisten will. In die zweite Liga wollte er den Traditionsklub führen. Nun, da der Verein sein Dasein im grauen Mittelfeld der dritten Liga fristet, mag er sich in Corona-Zeiten die Kosten nicht mehr leisten. Als Geschäftsführer hat er beim Amtsgericht Krefeld einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt.

Es wäre bereits das vierte Mal binnen zwei Jahrzehnten, dass auf diese Art in Krefeld ein Neuanfang gestaltet werden soll. Bereits 2002, 2005 und 2007 hatte der KFC Uerdingen Insolvenzanträge vorgebracht und sich dadurch jedes Mal aus der Bredouille gerettet. Man kennt das so oder so ähnlich von vielen Klubs, die sich mit dem KFC in der dritten Liga tummeln, TSV 1860 München, Kaiserslautern, Duisburg, Viktoria Köln. Auch in Krefeld ist es stets weitergegangen mit neuen Geldgebern. Denke bloß niemand, Planinsolvenzen könnten missbraucht werden, um Schulden und unliebsame Altverträge loszuwerden.

174 000 Euro Stadionmiete sollen nicht bezahlt worden sein

Die ohnehin eher träge Zahlungsmoral des KFC ist in den vergangenen Wochen zum Erliegen gekommen. Ende vergangener Woche hatte der Düsseldorfer Stadionbetreiber D.Live, der dem KFC die große Düsseldorfer Arena für seine Drittliga-Heimspiele vermietet, die Austragung der Partie gegen Ingolstadt am vorigen Sonntag untersagt, weil 174 000 Euro Stadionmiete nicht bezahlt worden seien. Tags darauf vermeldete der KFC, das Krefelder Gesundheitsamt habe wegen zweier Corona-Fälle den gesamten Kader in Quarantäne geschickt - auch die Partien an diesem Mittwoch in Meppen und am Samstag gegen Rostock fallen aus. Da kamen die positiven Tests womöglich gar nicht so ungelegen. Die Bild will in einer mannschaftsinternen Chatgruppe mitgelesen haben, dass sogar Uerdinger Profis die Aktion für Mauschelei halten.

In Krefeld wird viel für den örtlichen Profiklub getan. Der KFC ist ein Aushängeschild, auch überregional. Trotzdem gab es zuletzt Streit zwischen dem Klub und der Stadt, weil der Stadtrat sich nicht durchrang, einen Umbau der Grotenburg abzusegnen, der statt der ursprünglich avisierten 10,5 Millionen Euro plötzlich 17,8 Millionen Euro kosten sollte. Das Projekt mit dem Namen "Ertüchtigung Grotenburg zur Drittliga-Tauglichkeit" wurde in geheimer Abstimmung abgelehnt. Jetzt steht der KFC vor der gewaltigen Herausforderung, einen rettenden Investor zu finden, der zusätzlich zu den Kosten eines Drittliga-Fußballbetriebs die Stadionmiete für eine Ausweichstätte übernehmen müsste.

Da verwundert es kaum, dass einige Spieler ihre Zukunftsplanungen gerade umgestalten. Heinz Mörschel ist bereits zum Drittliga-Tabellenführer Dynamo Dresden gewechselt, Stefan Velkov hat sich dem Abstiegskandidaten MSV Duisburg angeschlossen. Auch Muhammed Kiprit und Dave Gnaase hegen Fluchtgedanken. In einer möglichen Eigenverwaltung gäbe es noch maximal 6900 Euro brutto Insolvenzgeld als Gehalt. Um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden, hat Geschäftsführer Nikolas Weinhart allerdings betont, dass der Klub keinen Spieler mehr abgeben wolle. Der Abstand zur Abstiegszone beträgt nur drei Punkte. Schwierige Voraussetzungen für eine noch vollständig zu absolvierende Rückrunde, für die der Klub ja noch eine neue Spielstätte sucht. Die nächste Heimpartie ist erst für den 13. Februar angesetzt, gegen den FSV Zwickau.

Den Klubverantwortlichen fällt es schwer, tröstliche Worte zu finden

Derweil hat sich der Verwaltungsrat mit einem offenen Brief an Fans und Mitglieder gewendet. "Verbalinjurien bringen niemandem etwas!", wird im Brief behauptet, dabei ist es für erzürnte Fans durchaus erleichternd, sich mit Bannern am Stadionzaun Luft zu verschaffen. Man ist ja hilflos.

"Wenn die Sanierung im Eigenverwaltungsverfahren nicht gelingt, dann ist unser Ziel, den Verein mit den Jugendmannschaften zu erhalten", schreibt der Verwaltungsrat. "Daneben ist zu prüfen, ob der eingetragene Verein in der Saison 2021/2022 am Spielbetrieb der Regionalliga West teilnehmen kann." Dass es schwerfällt, tröstliche Worte zu finden, zeigt das Schlusswort: "Selbst, wenn der KFC sich im nächsten Jahr in der Regionalliga wiederfinden sollte, wäre das sportlich ein Fortschritt gegenüber der Situation bei Amtsantritt des scheidenden Präsidenten im Jahr 2016. Seinerzeit spielte der KFC in der Oberliga Niederrhein."

© SZ/jkn/bkl/ska
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