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Angelique Kerber bei den French Open:Kettenreaktion auf Sand

2020 French Open - Day Two

Aus in Runde eins: Angelique Kerber

(Foto: Getty Images)

Angelique Kerber geht in Paris in der ersten Runde unter. Das Erschreckende: Sie bewegt sich spielerisch nicht auf der Stelle, sondern entwickelt sich zurück.

Von Gerald Kleffmann

Es ist erst ein paar Monate her, da sprach Angelique Kerber davon, dass Paris "ein Traum" von ihr sei. Sie traute sich zu, auch dieses Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, das letzte, das ihr fehlt. 2016 gewann sie die Australian und die US Open, 2018 warf sie sich in den staubigen Rasen von Wimbledon als Champion im All England Club. Mehr geht nicht im Tennis. Erst vor ein paar Tagen versicherte Kerber, sie sei fit, bereit, habe gut trainiert. Ihre Gegnerin in der ersten Runde der French Open? Eine 19 Jahre alte Slowenin, Kaja Juvan. Ein Talent, das schon, Orange-Bowl-Siegerin: Viele Stars gewannen dieses renommierte Jugendturnier in Florida, Steffi Graf etwa. Kerber war trotzdem Favoritin, eiffelturmhoch. Als sie spät am Montagabend aber zur Pressekonferenz erschien, war das ein fast schon bekanntes Bild, auch wenn die Tennisprofis in Roland Garros derzeit über Internetkanäle mit den Medien kommunizieren. Kerber hatte diesen kerberesken glasigen Blick, saß schluffig da. "Natürlich kann ich jetzt nach Ausreden suchen", sagte sie, "aber das bin nicht ich."

Als würde ein Geiger in der New Yorker Metropolitan Opera plötzlich daneben fiedeln

Das wäre auch kaum glaubwürdig gewesen. Das eklige Wetter zum Beispiel betraf ja auch Juvan. Am Ende hatte es nur 67 Minuten gedauert, bis Kerber 3:6, 3:6 unterging, was zeitlich betrachtet eine zusätzliche bittere Pointe bot. Um überhaupt dieses Match bestreiten zu können, hatten Kerber und Juvan zehnmal so lange warten müssen. Auf Court 14, auf dem sie dran waren, rangen zuvor der Franzose Corentin Moutet und Lorenzo Giustino 6:05 Stunden miteinander. Kurzfristig hatten die Organisatoren diese Partie dort noch angesetzt. "Dieses Jahr ist eh verrückt und anders. Damit muss man umgehen. Mir geht's okay", sagte Kerber schablonenhaft. Vielleicht half ihr: Sie kennt ja das Gefühl, am Bois de Boulogne zu scheitern. In den vergangenen fünf Jahren erging es ihr dort viermal so.

Wie kann so etwas einer erfahrenen Spitzenspielerin passieren? Als würde ein Geiger in der New Yorker Metropolitan Opera plötzlich daneben fiedeln. Sie erklärte, sie hätte Probleme mit der Bewegung gehabt. Mehrmals sagte sie: "Ich konnte meinen Rhythmus nicht finden." Das konnte jeder sehen am Bildschirm, und sicher auch die paar Zuschauer, die in der Kälte und Dunkelheit ausgeharrt hatten; aufgrund der Hygienemaßnahmen sind nur 1000 Besucher auf der Anlage erlaubt, durch die sonst täglich 35 000 strömen.

Kerber mag sich auf dem exakt acht Millimeter hohen Gras von Wimbledon wohl fühlen, sobald sie aber die Terre Battue von Paris betritt - die zu einer dichten Schicht gepressten, zermahlenen Ziegelsteine -, passiert in ihr etwas, das sie selbst nicht beschreiben kann. Das ist fast schon spannend zu betrachten, diese Kettenreaktion. Sie kann ja auf Sand spielen, sie gewann dort Turniere, etwa in Stuttgart. In Paris stand sie zweimal im Viertelfinale. Aber sie flog eben auch siebenmal raus in Runde eins bei ihren 13 Starts seit 2007. Ihr häufiges frühes Aus auf den Belag zu schieben, wäre sicher zu einfach; das will Kerber auch nicht. "Das ganze Jahr Revue passieren zu lassen, ist noch zu früh", fand sie und wagte sich doch an eine Bilanz 2020: "Es ist ein ganz komisches Jahr, ein ganz anderes Jahr. Und man kann das Jahr auf keinen Fall mit all den Jahren vergleichen, die ich bisher in meiner Karriere gespielt habe. Deshalb weiß ich noch nicht so genau, wo ich dieses Jahr hinsetzen soll." Andrea Petkovic wusste immerhin bereits, wohin mit diesem Jahr. Für die langjährige Kollegin (die am Montag auch verlor) ist es "ein Jahr für die Tonne". Kerber und Petkovic sollten sich bald mal treffen, ein schönes Feuer in einer Tonne machen - und 2020 verbrennen. Zumindest aus sportlicher Sicht gab es für beide wenig Erfolgsmeldungen, wenngleich Petkovic lange verletzt und deshalb nicht einsatzfähig war. Sie bereitet zudem ihr zweites Leben vor, beim Fernsehen und als Autorin. Kerber hingegen ist immer noch eine ehrgeizige, professionelle Tennisspielerin. Sie kann keine halbe Sachen machen oder parallel einer anderen Beschäftigung nachgehen, gab sie mal zu. Umso mehr überrascht, dass sie sich spielerisch nicht vom Fleck bewegt, sich eher zurückentwickelt.

Natürlich muss Kerber niemandem mehr etwas beweisen. Außer sich selbst. Und genau das wollte sie in dieser Saison wieder. Sie holte Dieter Kindlmann als Trainer, der Maria Scharapowa drei Jahre als Hitting Partner begleitet und als Coach Spielerinnen wie Madison Keys und Elise Mertens erfolgreich betreut hat. Sie erreichte bei den Australian Open trotz körperlicher Beschwerden das Achtelfinale. Das war eine Basis. Nur gingen die Oberschenkelprobleme, wie sie später verriet, nicht weg. Just als sie Turnierstarts absagen musste, kam Corona, Tennis pausierte - und Kerber gewann unverhofft Zeit. Sie zog sich, wie sie das stets macht, nach Polen zurück, ihre Großeltern besitzen in Puszczykowo eine Tennisakademie, die den Namen ihrer Enkelin trägt. Die Monate vergingen, man hörte wenig von Kerber. Als der Trainer Torben Beltz im Sommer frei wurde, weil sich die Kroatin Donna Vekic von ihm trennte, verabschiedete sich Kerber von Kindlmann und gab die Wiedervereinigung bekannt: Mit Beltz hatte sie zwei ihrer drei Grand-Slam-Titel geholt.

Ein genervter Blick, den Menschen haben, wenn sie in der übervollen U-Bahn stehen

Es ist nun der dritte Versuch der beiden, der Beginn war passabel, wie in Melbourne erreichte sie bei den US Open die Runde der letzten 16. In der Euphorie, dass Kerber zurück war, verklärte sie mancher im Tenniskosmos gar zur Turnierfavoritin. Ein vorschnelles Urteil, bei dem vielleicht die alten Bilder der zähen Comebackerin eine Rolle spielten. Übersehen wurde, dass Kerber ihre Auftaktspiele gegen die Nummer 59, 109 und 128 der Welt gewonnen hatte. Die dann bessere Amerikanerin Jennifer Brady zeigte ihr gleich Grenzen auf: 1:6, 4:6 im Achtelfinale. Bei Kerbers einzigem Match vor Paris sah es ähnlich aus: Die Tschechin Katerina Siniakova, bislang eher im Doppel stärker, fegte sie in Rom 6:3, 6:1 vom Platz. Am Montag auf Court 14 das nächste Déjà-Vu: Juvan dominierte die Ballwechsel, Kerber schaute oft nur hinterher. Früh hatte sie diesen genervten Blick, den Menschen haben, wenn sie in der übervollen U-Bahn stehen. Man will nur raus. Auch Kerber schien nur weg zu wollen.

Taktisch wirkte ihr Spiel ebenfalls nicht zeitgemäß. "Sie hat überhaupt kein Konzept, wie sie zum Punktgewinn kommen soll", sagte die Bundestrainerin Barbara Rittner in ihrer Rolle als Eurosport-Kommentatorin. Das klang hart, aber war die Realität. Auch Beltz kann ja nicht zaubern. Er hat Kerber in Melbourne und New York zwar zu Titeln geführt, aber das letzte Jahr der beiden damals war eine Qual. Am Ende musste Beltz hinnehmen, dass Kerber in Benjamin Ebrahimzadeh einen zweiten Coach holte und ihn wie einen Lehrling aussehen ließ. So was wird manchmal vergessen bei verklärenden Rückblicken. Wie es nun in ihrer Murks-Saison weitergeht, wusste Kerber nicht. "Ich kann noch nicht beantworten, wie die nächsten Wochen bei mir aussehen werden", sagte sie. Noch ist unklar, ob die WTA Tour nicht noch mehr Turniere zustande bringt als bislang. "Die Herren haben auch nach Paris einige Turniere geplant, bei uns sieht das ein bisschen anders aus", sagte Kerber: "Ich nehme, was sie uns geben, und das ist im Moment nicht so viel." Wie sie wirklich über ihre Situation und ihre stagnierende Entwicklung denkt, ist schwer zu beurteilen. Sie lässt selten tief in sich blicken, sie ist nicht wie die Kollegin Petkovic. Kerber sagt das Übliche: Dass es solche Tage gebe; dass es nicht lief, wie sie sich das vorgestellt hat. Nur einen Satz sagte sie diesmal nicht: dass sie ihr Bestes gegeben habe. Sie wusste wohl selbst: Das hätte wahrlich nicht gestimmt.

© SZ vom 30.09.2020/sonn
FILE PHOTO: French Open

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