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Fritz Keller:Genussmensch vom Kaiserstuhl

Fritz Keller

Fritz Keller, Chef des SC Freiburg und Winzer - und bald wohl DFB-Präsident.

(Foto: dpa)
  • Der Freiburger Klubchef Fritz Keller soll neuer DFB-Präsident werden.
  • Der vielfach ausgezeichnete Winzer könnte in vielerlei Hinsicht eine gute Besetzung sein.
  • Spannend zu beobachten wäre, ob es Keller gelingen würde, den reicheren Profiklubs im Kampf um die Verteilung der Fernsehgelder mehr Zugeständnisse abzuringen, als das bei seinen Vorgängern der Fall war.

Es dauerte nur 14 Minuten, bis die Pressestelle des SC Freiburg am Donnerstag eine Meldung verschickte. Es war der Kommentar zur gerade publik gewordenen Nominierung des Klubpräsidenten Fritz Keller - als Kandidat für das höchste Amt des Deutschen Fußball-Bundes. Keller wurde so zitiert, dass er "im Fall einer erfolgreichen Wahl" sein Amt "als Präsident des SC Freiburg niederlegen" werde, und zwar "schweren Herzens". Auch Aufsichtsrat und Vorstand des SC seien geknickt, aber man wünsche Keller, der "zum Erfolg des Vereins beigetragen" habe, "viel Erfolg".

Das Prozedere sieht vor, dass Keller am 27. September in Frankfurt/Main zum Nachfolger des zurückgetretenen DFB-Chefs Reinhard Grindel ausgerufen wird. Tatsächlich hatte in Freiburg schon vor einigen Monaten das Gerücht die Runde gemacht, dass Keller mit einem Amt in Frankfurt liebäugele. Ernstgenommen hatte dieses Gerücht nicht jeder. Zu sehr schien der gebürtige Freiburger mit seinem Verein verbunden zu sein, in dessen Vorstand er erstmals 1994 gewählt wurde.

Allerdings ist Keller, 62, seit der vergangenen Mitgliederversammlung quasi nur noch Repräsentant des Vereins. Dem bis dahin dreiköpfigen Vorstand gehört er seither nicht mehr an, sein Titel "Präsident" ist eher eine leere Hülle. Das Freiburger Machtzentrum bilden seitdem die beiden Vorstände Oliver Leki und Jochen Saier.

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Eigentlich ist Keller badisch konfliktscheu - er kann aber auch aufbrausend sein

Fritz Keller ist im Südbadischen bestens vernetzt. Er kennt Hunderte Vereinsmitglieder persönlich und hat einige der gegenwärtig 230 zumeist mittelständischen Sponsoren des SC selbst angeworben. Als informeller Außenminister hat er den Verein stets bestens vertreten. Doch der grundsätzlich harmoniebedürftige Keller kann auch sehr aufbrausend sein. Wenn ihm ein Schiedsrichterpfiff gegen den Strich geht, bekommen die Journalisten häufig Kellers Hang zum Cholerischen mit. Und nicht selten hört man danach Funktionäre oder Spieler des Vereins, die genervt die Augen verdrehen und von einer "suboptimalen Außendarstellung" sprechen.

Wer Keller auf solche Ausbrüche anspricht, erntet keine beleidigte Reaktion, er kann sich da gut selbst einschätzen: "Ich weiß, dass ich manchmal nach dem Spiel zu emotional bin und dann Dinge sage, die mir kurz darauf leidtun", gibt er zu, aber man könne ihm glauben, dass er in dieser Hinsicht an sich arbeite. Tatsächlich ist Keller oft schon eine Viertelstunde nach Abpfiff wieder ein ganz anderer Mensch.

Die meisten Granden des deutschen Fußballs kennen ihn als freundlichen, gewitzten Menschen. Sein Patenonkel ist der 54er-Weltmeister Fritz Walter, in Kellers Hotel mit Sternerestaurant in Oberbergen am Kaiserstuhl hängt auch ein Originaltrikot von Helmut Rahn, dem Finalsiegtorschützen der "Helden von Bern". Dass es beim SC Freiburg Usus ist, die Präsidien des jeweiligen Gegners am Tag vor einem Spiel in eines der vielen guten Restaurants im südbadischen Umland einzuladen, hat Kellers Beliebtheit in der Branche auch nicht geschmälert. Zumal der vielfach ausgezeichnete Topwinzer, dessen Sohn Friedrich seit einigen Jahren eine eigene Stilistik von "Keller-Weinen" prägt, ein geselliger Mensch ist und viele Anekdoten über das Leben im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich parat hat. "So ein gemeinsam verlebter Abend hat schon sehr viele Konflikte bereinigt - im Vorfeld oder im Nachgang", weiß Keller.

Der Genussmensch Fritz Keller kann ohne Mühe einen Zusammenhang zwischen durchkalkuliertem Profifußball und protestantischer Verzichts-Ethik herstellen. Als Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Aus 2018 in die Kritik rutschte und dabei auch dessen Liebe zu gutem Essen thematisiert wurde, schlug der Katholik Keller die Hände überm Kopf zusammen: "Espresso als Symbol für Larifari, auf so etwas kann nur ein Protestant kommen", klagte er. Prediger der Askese stoßen bei ihm auf taube Ohren: "Vor allem nördlich des Mains", sagt er, "wehren sich viele Menschen überraschend hartnäckig dagegen, dass Genuss etwas Wunderbares ist."