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Kehrtwende bei der Fifa:Daten, die plötzlich verschwanden

Die Ethik-Kommission ermittelt unter Leitung des nach Garcias Rücktritt aufgerückten Schweizers Cornel Borbely gegen Einzelpersonen. Daneben prüft die Berner Bundesanwaltschaft eine Strafanzeige. Diese hatte die Fifa im November selbst eingereicht: Wegen "möglichen Fehlverhaltens von Einzelpersonen", wie es nebulös hieß, aber nicht gegen konkrete Personen, sondern gegen Unbekannt. Es wird dauern, bis all die Untersuchungen beendet sind. Blatter wird bis dahin als Präsident bestätigt sein - diese Wahl ist im Mai.

"Blatter war immer ein gewiefter Taktiker. Für solche Zeitverzögerungen kriegt man auf dem Spielfeld die gelbe Karte", sagte dazu der Schweizer Nationalrat Roland Büchel am Freitag der SZ. Zudem hat Blatter nun den Garcia-Report mit dem Begriff "Wahrheit" gleichgesetzt. Die Veröffentlichung des Reports wäre nach Einschätzung aller Beobachter zwar richtig und könnte neue Fakten liefern; die "Wahrheit" wäre damit aber noch lange nicht publik. Garcias Team war eifrig, hatte aber im Vergleich zu staatlichen Stellen begrenzte Möglichkeiten bei den Ermittlungen. Von Russlands Bewerbern musste es sich anhören, dass viele Daten zur WM-Arbeit vernichtet seien, weil sie bei der Kandidatur mit Leihcomputern gearbeitet hätten - die der Besitzer nach Rückgabe zerstört habe.

Fifa Richter Eckert sollte abtreten
Kommentar
Fifa-Affäre zur WM-Vergabe

Richter Eckert sollte abtreten

Michael Garcia ist längst nicht der einzige, der am fehlenden Reformwillen des Fußball-Weltverbands Fifa gescheitert ist. Nach dem Rücktritt des Chefermittlers richten sich die Blicke mehr denn je auf den Münchner Richter Hans-Joachim Eckert.   Ein Kommentar von Thomas Kistner

Trotzdem war Blatters Stellungnahme zum Kern der Untersuchung, den WM-Vergaben 2018 und 2022, eindeutig: "Wir werden die Abstimmung nicht revidieren", es gebe "keine rechtlichen Gründe". Die Argumente lieferte ihm ein neues Gutachten. Eckert hatte in einem 43-seitigen Papier zu Garcias Ermittlungen festgestellt, es habe im Bewerbungsverfahren "keine gravierenden Verstöße" gegeben. Nach Garcias heftigem Protest gegen dieses Verdikt war Domenico Scala, Compliance-Chef der Fifa, beauftragt worden, sich den Eckert-Bericht noch einmal anzusehen. Scala schaltete den Kölner Sportrechtler Martin Nolte sowie einen nicht genannten Züricher Juristen ein. Diese kamen zu dem Schluss, die vorliegenden Unregelmäßigkeiten genügten nicht, um die WM-Vergabe als "gesetzes- oder statutenwidrig zu qualifizieren".

Dabei blieben wohl viele Aspekte unberücksichtigt. Von der Frage, warum man Russland den Verlust zentraler Daten so umstandslos abnimmt, bis hin zur Frage, ob auch Garcia in seinem Report jene Lobreden auf Blatter hielt, die Eckerts Bericht abrundeten. Auf die Antworten wird man weiter warten müssen. Sepp Blatter weiß, wie im Fußball auf Zeit gespielt wird.