Rassismus gegen Moise Kean Bonucci befördert eine unselige Debatte

Neuer Hoffnungsträger für Juventus Turin und die Squadra Azzurra: der 19-jährige Moise Kean.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)
  • Moise Kean von Juventus Turin feiert sein Tor gegen Cagliari vor der Kurve der gegnerischen Fans.
  • Die gegnerischen Anhänger buhen ihn daraufhin aus, ahmen Affenlaute nach, beleidigen ihn. Keans Mitspieler Leonardo Bonucci findet: selber schuld.
  • Von vielen Fußballern aus Europa bekommt der 19-jährige Angreifer dagegen Solidaritätsbekundungen.
Von Birgit Schönau

Ein Spieler macht ein Tor und stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor die Kurve der gegnerischen Fans. Die buhen und pfeifen ihn aus, sie ahmen Affenlaute nach und schreien Beleidigungen. Wie sie es das ganze Spiel über getan haben, auch lange bevor Moise Kean in der 85. Minute für Juventus das 2:0 gegen Cagliari schoss. Es war Keans fünftes Saisontor für Juve, der 19-Jährige ist eines der ganz großen Talente für Juventus und die italienische Nationalmannschaft. Im Mai wird er mit dem Turiner Klub wieder Meister werden - bei 18 Punkten Vorsprung vor dem Zweiten Neapel wird der Juve der achte Titel in Serie nicht mehr zu nehmen sein.

Aber darüber spricht niemand in Italien. Das Land debattiert über Moise Kean. Indirekt geht es aber um etwas anderes: um die Frage, ob Rassismus gerechtfertigt sein kann. Diese Diskussion ist nicht neu in Italien, sie drehte sich in der Vergangenheit um Mario Balotelli. Der war ebenfalls Nationalspieler und als einziger in der Squadra Azzurra dunkelhäutig - wie jetzt Kean. Balotellis Eltern stammen aus Ghana, Keans Familie ist aus der Elfenbeinküste eingewandert. Über Balotelli, der in seiner Zeit in der Serie A und im Nationalteam immer wieder rassistischen Beleidigungen ausgesetzt war, urteilte eine Mehrheit der Italiener, dass er das selbst provoziert habe - durch sein ungezogenes Verhalten. Ganz so, als sei Rassismus eine Reaktion.

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Kean wird nun ähnlich attackiert, was wenig überraschend ist angesichts der Tatsache, dass Italien derzeit von der ultrarechten Lega-Partei regiert wird, deren "Leader" (Selbstbezeichnung), Innenminister Matteo Salvini, über die sozialen Netzwerke im Zweistundentakt die rassistische Stimmung anheizt. Neu ist, dass die unselige Debatte ausgerechnet von einem Teamgefährten des jungen Offensivspielers befördert wird. Verteidiger Leonardo Bonucci sagte nach dem Schlusspfiff in eine Kamera, Kean habe sich genauso falsch verhalten wie die Cagliari-Fans, die ihn beleidigten: "Die Schuld liegt jeweils bei 50 Prozent."

Am Tag danach musste Bonucci zurückrudern

50 Prozent für einen Spieler, der seinen besiegten Beleidigern entgegentritt. Und 50 Prozent für jene Rassisten, die einen ihrer Nationalspieler als Affen verhöhnen. "Kean weiß, dass er nach einem Tor mit seiner Mannschaft jubeln darf und basta", sagte Bonucci. Und ansonsten bitte nicht weiter auffallen?

Am Tag danach musste Bonucci zurückrudern. Man kann sich vorstellen, wie sein Vorstoß von einer Klubführung aufgenommen wurde, die seit Jahren auf allen möglichen Ebenen jede Form von Rassismus bekämpft. Er sei natürlich gegen jede Form von Rassismus, gab der Verteidiger kleinlaut bekannt, und im Übrigen falsch interpretiert worden. Da war aus dem Fall Cagliari schon ein Fall Bonucci geworden, was klubintern ein disziplinarisches Nachspiel haben dürfte. Ein Spieler, der einen Kollegen im Fernsehen zurechtweist, so etwas ist bei den Preußen Italiens ohnehin undenkbar. Erst recht, wenn es um ein derart sensibles Anliegen geht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Bonucci durch Exzentrik auffällt, vor ein paar Jahren hatte er sich mit Trainer Massimiliano Allegri derart angelegt, dass er aus dem Kader flog. Stocksauer zog Bonucci damals zum AC Milan, nur um eine Saison später reumütig nach Turin zurückzukehren. Jetzt dürfte man ihn daran erinnern, dass er mit seinen 5,5 Millionen netto zwar noch zehnmal so viel verdient wie Kean, aber 15 Jahre weniger Karriere vor sich hat.

Kean bekommt Solidaritätsbekundungen von Spielern aus ganz Europa

Juventus-Kapitän Giorgio Chiellini fand beruhigende Worte. "Moise ist ein Symbol der Wiedergeburt des italienischen Fußballs, ein durch und durch anständiger Junge. Ich habe jetzt nur Angst davor, dass er in eine Ecke getrieben wird, in die er überhaupt nicht gehört." Nämlich in jene Ecke, die in Italien offenbar immer noch für dunkelhäutige Spieler vorgesehen ist. Eine Nische für angeblich auffälliges Verhalten.

Während Moise Kean und der ebenfalls beleidigte französische Weltmeister Blaise Matuidi von Spielern aus ganz Europa Solidaritätsbekundungen bekamen - auch der französische Fußballverband verdammte, anders als die italienischen Kollegen, das rassistische Szenario in Cagliari -, empörten sich prominente Spieler öffentlich über Bonucci. Dessen Äußerungen seien lächerlich, schrieb der englische Nationalspieler Raheem Sterling. Paul Pogba, früher selbst bei Juve, erklärte, "die guten Italiener müssen aufwachen und laut werden" gegenüber dem Rassismus in ihrem Land. "Bonucci kann froh sein, dass ich nicht auf dem Platz stand", sagte Mario Balotelli. Und Lilian Thuram, Frankreichs Weltmeister von 1998, der ebenfalls lange für Juventus gespielt hatte, wurde auch sehr deutlich. Bonucci solle sich schämen, sagte Thuram der Zeitung Le Parisien: "Er hat ausgesprochen, was viele denken, nämlich dass die Schwarzen sich den Rassismus selbst eingebrockt haben. Das aber ist eine Reaktion, die ebenso brutal ist wie die Buhrufe gegen Moise Kean. Aus genau diesem Denken werden junge Frauen nach einer Vergewaltigung gefragt, ob sie zu leicht bekleidet gewesen seien."

Und Moise Kean? Der besuchte am Tag nach dem Spiel in Turin eine Einrichtung für behinderte Kinder und zitierte in den sozialen Netzwerken die jamaikanische Reggae-Legende Bob Marley: "Ich liebe die Nacht, denn sie macht alle Farben gleich." Außer im Stadion von Cagliari.

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