Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik-WM:Niklas Kaul gewinnt Gold im Zehnkampf

  • Riesen-Überraschung bei der Leichathletik-WM: Der deutsche Zehnkämpfer Niklas Kaul wird Weltmeister.
  • Im Kugelstoßen holt Christina Schwanitz nach ihrer Babypause Bronze.

Von Saskia Aleythe, Doha

Der Körper hatte schon aufgegeben, doch der Kopf wollte noch. So ein Marathonläufer bleibt ja auch nicht einfach stehen, wenn er schon den Großteil der Strecke zurückgelegt hat, doch als Kevin Mayer auf die Stabhochsprunganlage zulief, kam der Weltrekordhalter fast nicht mehr bis zum Einstichkasten. Die Achillessehne schmerzte, der Weltmeister von 2017 stützte sich weinend auf seinen Stab.

Trotzdem unternahm er einen weiteren Versuch, der Franzose hatte in Führung gelegen nach sieben Disziplinen. Trotzig presste er Lippen zusammen, zog die Nase hoch, doch auch der nächste Versuch war nach wenigen Schritten beendet, Mayer lag weinend auf der Matte. Und plötzlich veränderte sich für den Deutschen Niklas Kaul diese WM.

So unterschiedlich wie die Disziplinen der Leichtathletik auch sind, sie haben eines gemein: Sie sind alle Ausdauersportarten, und zwar für den Kopf. Chancen können sich eröffnen, bis zum letzten Meter oder Sprung, bis zum letzten Wurf. Und so hatten am Donnerstagabend im Khalifa-Stadion von Doha aus deutscher Sicht vor allem Niklaus Kaul und Kugelstoßerin Christina Schwanitz diese Frage zu beantworten: Was können sie leisten, bis zur Ziellinie, bis zum letzten Stoß? Würden sie Chancen nutzen, Chancen vergeben?

Der letzte deutsche Weltmeister war Torsten Voss - 1987 für die DDR

Die Antwort gab Schwanitz in Deutschland-Flagge gehüllt: Sie steigerte sich im fünften von sechs Versuchen noch um 30 Zentimeter und eroberte Bronze mit 19,17 Metern. "Ich möchte einfach nur Danke sagen. Danke an alle, die mich unterstützt haben. Dass sie nicht gesagt haben: Jetzt ist sie eine Mama, jetzt ist die abgeschrieben", sagte Schwanitz im ARD-Interview und weinte Freudentränen. "Ich hab ganz viel Hilfe bekommen."

Und nur eine Stunde später war Niklas Kaul, tatsächlich: Weltmeister im Zehnkampf. 1987 war das zuletzt Torsten Voss für die DDR gelungen. "Dass es das am Ende wird - keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich bin nicht der beste Zehnkämpfer, der hier angetreten ist, aber vielleicht der konstanteste", sagte Kaul spätnachts der ARD.

Für Kaul war durch den Ausfall von Mayer die Chance auf eine Medaille nun endgültig da gewesen, weil er eben seine Stärken in den letzten Disziplinen hat. Schon im Diskuswurf, der siebten Disziplin, hatte sich das Feld vor ihm gelichtet. Der auf Rang drei liegende Lindon Victor aus Grenada blieb ohne gültigen Versuch, Kaul kam mit persönlicher Bestleistung von 49,20 Metern vor auf Rang neun. Das Drama um Mayer nahm seinen Lauf, um 20 Uhr Ortszeit begann auch der Deutsche im Stabhochsprung.

Ohne Fehlversuch überquerte er 5,00 Meter, lag jetzt schon auf dem sechsten Rang. Und weil in dem nun folgenden Speerwurf und über die abschließenden 1500 Meter niemand besser ist als Kaul, raunte im ARD-Studio nun schon Frank Busemann, WM-Dritter 1997 und Olympia-Zweiter 1996: "Wenn alles normal läuft, wird der Typ Weltmeister."

Kaul wirft den Speer auf 75,42 Meter

Um 22.35 Uhr schallte der Name Christina "Swanitsch" durchs Stadionmikrofon und diese WM war für die 33-Jährige ja eine andere als alle vier zuvor. Zum ersten Mal nahm die Weltmeisterin von 2015 als Mutter teil, 2017 hatte sie Zwillinge bekommen, ein Mädchen und einen Jungen. "Ich möchte gerne zeigen, dass man auch mit Kindern in der Weltspitze sein kann", sagte sie und genau da lag sie nach drei Versuchen ja: Im zweiten Durchgang landete die Kugel bei 18,87 Metern, zur Halbzeit Bronze.

Rechts neben ihr setzte da Niklas Kaul zum ersten Versuch mit dem Speer an - und schickte den gleich mal auf 75,42 Meter. Weiter hatte keiner seiner Konkurrenten jemals geworfen, doch der Deutsche hatte noch nicht genug. Im zweiten Versuch steigerte er seine persönliche Bestleistung um 56 Zentimeter auf 79,05 Meter. Zu diesem Moment der Bronzerang. Kaul lächelte, Schwanitz klatschte nebenan im Ring in die Hände: Im fünften Versuch eroberte sie Rang drei zurück, nachdem sie zwischenzeitlich um einen Platz nach hinten gefallen war. Hinter ihr konnte dann keine mehr kontern, sie jubelte später mit Chinas Siegerin und Titelverteidigerin Gong Lijiao (19,55) und der Jamaikanerin Danniel Thomas-Dodd (19,47).

Ihre ersten Interviews waren schon gegeben, da machte sich Kaul für den Endspurt bereit. In der Szene ist sein Name schon lange einer, den sich die Konkurrenz eingeprägt hat, weil Kaul in jungen Jahren alles gewonnen hat: Gold bei der U18- und U20-WM; Gold bei der U20- und U23-EM. Als Zweiter der Welt war er nach Doha gereist, seiner ersten bei den Großen. Und nun stand er um 0.25 Ortszeit zum Finale bereit, 1500 Meter.

Noch einmal da sein, bis zum Ziel, darum ging es jetzt, und seine Bestzeit im Vergleich zu Maicel Uibo, dem Führenden aus Estland und Damian Warner aus Kanada war über diese Strecke ja viel besser. Am Ende hatte Niklas Kaul alle Kämpfe gewonnen, im Kopf und im Körper. Mit 4:15 Minuten kam er ins Ziel, Gesamt-Punktzahl am Ende 8691, Weltmeister, vor Uibo (8604 Punkte) und Warner (8529). Niklas Kaul hatte seine Chance genutzt.

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