Karate:Moh'd, Tolga und die Präzision

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Gökay Özdemir

Viele Funktionen: Gökay Özdemir ist Kampfrichter und Prüfer, Vorsitzender des Bezirks Oberbayern - und jetzt auch Integrationsbeauftragter.

(Foto: Melanie Feldmeier/oh)

Kampfrichter und Prüfer Gökay Özdemir, 53, unterstützt als Integrationsbeauftragter des Bayerischen Karate-Bunds ausländische Athleten - auch mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

Von Daniel Böldt

Der Schwarze Gürtel von Gökay Özdemir ist grau. Ein paar dunkle Fusseln hängen hier und da noch, aber im Grunde wird sein Karateanzug von einem zerfledderten und ergrauten Band aus Baumwolle und Seide zusammengehalten. "Den habe ich schon seit 1985", erzählt Özdemir, 53, am Rande einer Karateprüfung in Waldkraiburg. Der damals noch schwarze Schwarze Gürtel wurde ihm für das Erreichen des 1. Dan vergeben - die erste von zehn Meisterstufen, die zum Tragen des Schwarzen Gürtels berechtigen. Mittlerweile hat Özdemir den 6. Dan erreicht, dennoch trägt er am liebsten seinen ersten Schwarzgurt: "Je grauer, desto besser."

Özdemir ist Kampfrichter und Prüfer beim Bayrischen Karate Bund, verleiht also seit Langem selbst Schwarze Gürtel. 2012 wurde er Vorsitzender des Bezirks Oberbayern, vor dreieinhalb Wochen außerdem Integrationsbeauftragter des Bayrischen Karate-Bunds. Ein Amt, das es laut Özdemir eigentlich nicht braucht. "Wir sind hier alle integriert", sagt er.

Karate gilt als friedfertige Kampfkunst. Neben Fitness und Präzision spielt die Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle. Nicht nur der Körper soll trainiert werden, sondern auch Geist und Charakter des Athleten. Zwar gelingt es auch anderen Sportarten, Menschen unterschiedlicher Herkunft zu vereinen und zu verbinden. Im Karate scheint dies aber auch auf die Funktionärsebene abzustrahlen. Von sieben Bezirksvorsitzenden haben drei einen Migrationshintergrund. Neben Gökay Özdemir sind das Moh'd Abu Wahib, Vorsitzender in Unterfranken, und Tolga Sarraf, Vorsitzender in Schwaben. Im Bayerischen Fußballverband klingt die Riege der Bezirksvorsitzenden so: Robert, Harald, Johann, Thomas, Thomas, Dieter, Jürgen. Im Volleyball-Verband: Anton, Jürgen, Werner, Theresa, Toni, Heinz-Wilhelm, Markus. Im Handball-Verband: Wolfgang, Klaus-Dieter, Jürgen, Gerhard, Martin, Ingrid, Werner, Pius.

"Ich habe Karate viel zu verdanken", sagt Özdemir, der im Alter von sieben Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist: "Davon will ich jetzt auch was zurückgeben." Als Kind sei er ein schwieriger Junge gewesen, "ich hab viel Mist gebaut." In der Schule boxte er mal einen Lehrer K.o. Dieser hatte den im Unterricht quatschenden Özdemir rassistisch zu Recht gewiesen: "Das kannst du in der Türkei machen." Özdemir flog von der Schule, Karate betrieb er damals noch nicht.

Dass er überhaupt bei dem Sport gelandet ist, hat er seiner Mutter zu verdanken. "Ich war im Boxverein und bin immer mit blutigen Handtüchern nach Hause gekommen, mein Bruder dagegen mit dem sauberen, weißen Karateanzug. Da meinte meine Mutter irgendwann: Du machst jetzt auch Karate."

Özdemir will Boxen nicht schlecht reden, aber zumindest für ihn gelte, dass er erst durch Karate gelernt hat, Kraft und Geist in Einklang zu bringen. Seinen Schulabschluss machte er später an der Volkshochschule nach. Heute leitet Özdemir eine Kindertagesstätte im Münchner Stadtteil Moosach.

Für Karate zeigt Özdemir von Beginn an Talent. Er gewinnt zahlreiche Junioren-Turniere, wird später einige Male deutscher Meister und 1997 Europameister in der Wettkampfform Kumite. "Ich habe im Karate noch nie Rassismus erlebt", sagt Özdemir. Er sei hier nicht "der Türke", sondern immer nur "der Gökay". Als neuer Integrationsbeauftragter will er nun dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Der Präsident des Deutschen Karate Verbands, Wolfgang Weigert, wirbt seit Jahren für die integrative Potenzial von Karate. Weigert, der gleichzeitig auch den bayrischen Verbund leitet, bezeichnet Karate gerne als "sozialen Sport Nummer eins". Damit das jeder mitbekommt, hat der Verband einen neuen Preis ins Leben gerufen. Am kommenden Samstag in Unterhaching wird zum ersten Mal der "Karate Award" vergeben. Neben Leistungen des Spitzen- und Breitensports werden hier auch Sozial- und Integrationsprojekte gewürdigt. "Wir wollen gerade auf dem sozialen Sektor eine Vorreiterrolle im deutschen Sport wahrnehmen", sagt Weigert. "Deshalb spielt bei uns gegenseitiger Respekt, Integration, Inklusion und die soziale Teilhabe eine entscheidende Rolle."

Bleibt die Frage, was die Aufgabe eines Integrationsbeauftragten ist, wenn es im Karatesport schon so durchlässig zugeht. "Es geht gar nicht so sehr um das alltägliche Miteinander", sagt Özdemir. "Das klappt bei uns auch so." Ihm sei vor allem die organisatorische Unterstützung von ausländischen Spitzenathleten wichtig. Asylanträge, Aufenthaltsgenehmigungen, Arbeitserlaubnis, solche Sachen.

Karate ist bei den Sommerspielen in Tokio 2020 erstmals olympisch. Und auf das Talent von Athleten aus Ländern, in denen Karate eine größere Tradition hat und die dann für Deutschland antreten könnten, will man dabei ungern verzichten. Sportlicher Erfolg bringt einer Sportart - bei allem sozial-integrativen Potenzial von Karate - schließlich immer noch die größte Aufmerksamkeit.

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