bedeckt München

Kantersieg für Werksklub:Vorbei an Horst Hrubesch und Uwe Seeler

Beim ersten Treffer nach exakt einer halben Stunde waren zwei der vier Neuen unter sich. Jantschke konnte im eigenen Fünf-Meter-Raum nach einer Flanke von Roberto Hilbert seinen Gegenspieler Kießling nicht aufhalten und sah diesen den Ball zum 1:0 über die Linie nicken. Kießling erzielte damit sein erstes Bundesliga-Tor seit fast vier Monaten. Das bis dahin letzte war ihm beim 2:1-Sieg im ersten Saisonspiel gegen Hoffenheim gelungen. Fazit der ersten Hälfte: Kießling ist mit seinen 31 Jahren noch nicht zu alt für Bundesliga-Tore, und Schmidt hatte mit seiner einen Veränderung ein besseres Händchen als Schubert mit seinen dreien. "Ich spiele gerne neben einer zweiten Spitze", sagte Kießling später. Er wirkte ein bisschen wehmütig bei seinen Worten, so als habe er sich nach zehn Jahren bei Bayer 04 innerlich schon vom Werksverein verabschiedet.

Dass Kießling mit seinem 137. Bundesliga-Tor in der ewigen Bundesliga-Torschützenliste die Legende Horst Hrubesch überholt und die Legende Uwe Seeler eingeholt hatte, war den Gladbachern zu Beginn der zweiten Halbzeit verständlicherweise egal. Schubert korrigierte seine Startelf, brachte Raffael und Elvedi für Jantschke und Traoré und stellte das abwartende 4-4-2 aufs zuletzt zwei Mal erprobte aggressive 3-5-2 um. Die Umstellung wirkte zunächst. Nun dominierte Gladbach, musste sich aber blitzschneller Leverkusener Konter erwehren. Ein Vabanquespiel, aber eines, das aus der flotten Bootsfahrt der ersten Halbzeit eine Wildwasser-Tour machte.

Raffael vergibt die Chance zum 1:1, dann brechen alle Dämme

Die ersten Leverkusener Chancen zum 2:0 vergab Karim Bellarabi, die erste zum Gladbacher Ausgleich misslang Raffael, der einen Freistoß an den Pfosten setzte (55.). Doch dann fiel das entscheidende 2:0. In der 63. Minute dribbelte sich der Mexikaner Chicharito (nach Vorlage von Kießling) durch den Gladbacher Strafraum und schob zum 2:0 ein. Dass es danach tatsächlich nicht mehr spannend werden sollte, lag wieder an Kießling, der in der 66. Minute eine Ecke von Hakan Calhanoglu zum 3:0 ins Tor wuchtete. Er verkörperte jene Wucht und Leidenschaft und Überzeugung, die fast allen Leverkusenern am Mittwoch gegen Barcelona abgegangen war.

Mit dem Bundesliga-Treffer 138 hat Kießling nun übrigens Uwe Seeler hinter sich gelassen und Mario Gomez eingeholt.

Javier Hernandez, von allen nur Chicharito genannt, hat aber offensichtlich vor, diese Marke eines Tages auch noch zu erreichen, jedenfalls konnte er am Samstagabend gar nicht genug bekommen und schoss in der 75. und 76. Minute zwei weitere Treffer zum 4:0 und 5:0. Zu dem von der Stadionregie eingespielten Lied "Die schnellste Maus von Mexiko" nahm Schmidt ihn in dann vom Feld, und Chicharito setzte sich breit grinsend auf die Bank. Zehn Tore in 16 Bundesligaspielen und insgesamt 17 seit seinem Wechsel nach Leverkusen sind eine beeindruckende Bilanz.

"Dieser Sieg tut gut", sagte der Sportdirektor Rudi Völler, "und den hat uns so sicher niemand zugetraut." Vermutlich nicht einmal die Gladbacher. "Das war eine katastrophale Leistung von uns", schimpfte der Kapitän Granit Xhaka, "die erste Halbzeit war nichts, und die zweite war noch schlechter." Die Aufregung bei den Gladbachern hielt sich dennoch in Grenzen. "Wir gehen auf dem Zahnfleisch", sagte Sportchef Eberl, hat aber keine Furcht, dass die bislang gute Bilanz der Hinrunde jetzt noch zerstört werden könnte.

© SZ vom 13.12.2015/ska

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite