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Kanadas Fahnenträgerin Hughes:Die ungewöhnliche Siegerin

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Clara Hughes hat bereits bei Sommer- und Winterspielen eine Medaille gewonnen. In Vancouver ist sie auf dem Weg zur kanadischen Legende.

Michael Neudecker, Whistler

Die kanadische Eisschnellläuferin Clara Hughes aus Winnipeg, Manitoba, wohnt während der Olympischen Spiele in Vancouver in einem Appartement, zusammen mit ihrem Mann Peter, nur ein paar hundert Meter vom Olympic Oval entfernt, dem Eisstadion. Neulich, als sie vom Oval nach Hause ging, da sah sie einen kleinen Jungen mit einer Kanada-Jacke, der gerade von seiner Mutter fotografiert wurde. Da musste sie einfach hingehen, "ich musste fragen, ob ich ein Foto mit ihm haben kann", sagt sie. Jetzt gibt es ein Bild, auf dem Clara Hughes neben einem kleinen Kind steht, die beiden lächeln glücklich, und man ist nicht ganz sicher, wer auf dem Bild der Fan ist.

Es gibt nicht viele Athleten, die zu wildfremden Menschen gehen und nach einem Foto fragen, normalerweise läuft das ja umgekehrt, auch bei kleinen Kindern. Aber Clara Hughes ist eine ungewöhnliche Athletin - in jeglicher Hinsicht. Sie engagiert sich für Hilfsorganisationen, wo sie nur kann, spendet, tritt in Schulen und Kindergärten auf, und: Sie hat als einzige kanadische Sportlerin Medaillen bei olympischen Sommer- und Winterspielen gewonnen. Es gibt in der Olympischen Geschichte überhaupt nur vier Menschen, denen dieses Kunststück gelungen ist, Clara Hughes ist eine von ihnen.

Die Geschichte der Sportlerin Clara Hughes begann 1988, bei den Olympischen Spielen von Calgary. Sie war aufgewachsen in einer Familie, in der Sport keine Rolle spielte, die Mutter hasste es, wenn Sport im Fernsehen lief, und der Vater, ein Englischprofessor, las lieber Bücher, als sich mit Sport zu beschäftigen. Aber dann sah Clara Hughes in Calgary Gaétan Boucher, der 1984 als erster Kanadier Gold im Eisschnelllaufen gewonnen hatte.

"Dieser Bewegungsfluss hat mich gefesselt", sagt Clara Hughes, "und ich habe noch heute das Gefühl, dass Eisschnelllaufen die schönste Art und Weise ist, sich fortzubewegen." Sie erkannte damals, dass sie als Sportlerin geboren worden war, "im Sport kann ich kreativ sein", sagt Clara Hughes, "ich kann Wände einreißen und die Dämonen des Zweifels besiegen". Aber sie war 16, als sie mit dem Eisschnelllaufen begann, ein Teenager, und Teenager sind oft unbeständig, wankelmütig.

Mit 17 hörte sie wieder auf und wechselte zum Radfahren. Sie fuhr Bahn- und Straßenrennen, sie war gut, besser als viele andere, sie kam ins Nationalteam. Sie wurde 18 Mal kanadische Meisterin im Straßenradfahren, 1995 gewann sie Silber bei den Rad-Weltmeisterschaften, 1996 trat sie bei den Olympischen Spielen in Atlanta an. Und sie gewann zwei Medaillen: Bronze im Zeitfahren und Bronze im Einzelstraßenrennen.

Bei den Spielen 2000 in Sydney nahm sie noch einmal teil, diesmal blieb sie ohne Medaillen. Danach entschied sie sich, zum Eisschnelllauf zurückzukehren, ihrer ersten Liebe, wie sie das sieht. Das Radfahren wollte sie nicht aufgeben, also betrieb sie beide Sportarten fortan auf einem hohen Level - drei Jahre lang. Dann ging es nicht mehr, sie musste sich entscheiden. Und entschied sich für Eisschnelllauf. "Ich mag Radfahren immer noch, aber jedes Mal, wenn ich das Eis betrete, dann spüre ich, dass es das ist, was ich machen sollte", sagte sie damals. Sie gab das Radfahren auf, und es war eine gute Entscheidung, aber auch eine mutige.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Hughes Angst vor der Eröffnungsfeier hatte

Im Video: Drei Medaillen für die deutsche Olympiamannschaft, darunter sogar einmal Gold für den Rodler Felix Loch. Aber es gab nicht nur Gewinner, die Biathleten und die nordischen Kombinierer enttäuschten an diesem Wettkampftag.

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Clara Hughes ist ehrgeizig, sie trainiert normalerweise zweimal am Tag, sechsmal die Woche, aber es war ja nicht sicher, dass sie im Eisschnelllaufen die Ziele erreichen könnte, die sie sich gesteckt hatte. Sie wollte nach oben, dorthin, wo sie im Radfahren schon war. Drei Jahre später, bei den Spielen in Turin 2006, wurde sie Olympiasiegerin. Sie gewann Gold über 5000 Meter, eine Medaille von sporthistorischer Bedeutung.

Mittlerweile ist Clara Hughes 37, die Spiele von Vancouver werden ihre letzten sein, sie wird aufhören nach Olympia. Sie will die Zeit hier genießen, auch deshalb hatte sich sie gegen das olympische Dorf und für ein eigenes Appartement entschieden. Sie hat sogar ihre eigene Espressomaschine mitgebracht, sie ist ja bekennende und leidenschaftliche Kaffeegenießerin. Sie startet bei zwei Rennen im Olympic Oval, das erste, über 3000 Meter, war am Sonntagnachmittag Ortszeit. Sie wurde Fünfte, das ist okay; ihre Hauptstrecke sind die 5000 Meter, ihre Siegdistanz von Turin.

Den wichtigsten Auftritt in Vancouver, den Höhepunkt ihres bewegten Sportlerlebens, aber hatte sie gleich am ersten Abend: Clara Hughes trug die kanadische Flagge, als die 206-köpfige Mannschaft im Stadion zur Eröffnungsfeier einmarschierte.

Es war ein bewegender Moment, die fast 60.000 Zuschauer im Stadion schrien und jubelten in einer beeindruckenden Lautstärke, und 13 Millionen Kanadier saßen vor den Fernsehern, so viele wie noch nie bei einer Live-Übertragung. Und vorneweg ging Clara Hughes. Noch vor der Feier hatte sie die Befürchtung, "dämlich auszusehen, weil ich bei Eröffnungsfeiern immer weinen muss". Doch sie weinte nicht. Sie sah einfach nur sehr glücklich aus.

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