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Kampfsport:Geisterkampf vor Geisterkulisse

Dreimal wurden Duelle von Tony Ferguson und Khabib Nurmagomedov abgesagt. Der Ultimate-Fighting-Verband will trotz Pandemie einen Pay-TV-Kampf inszenieren. Nur wo?

Dana White ist starrsinnig. Der Chef des Kampfsportverbandes Ultimate Fighting Championship (UFC) ist wild entschlossen, den WM-Kampf im Leichtgewicht zwischen Tony Ferguson und Khabib Nurmagomedov trotz Pandemie zu veranstalten - und er ist starrsinnig genug, anzunehmen, dass es klappen könnte. "Der Kampf wird am 18. April irgendwo auf diesem verdammten Planeten stattfinden", sagte White am Montag. Als mögliche Austragungsorte werden eine Arena in Abu Dhabi, die Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco und ein Flugzeugträger diskutiert. White dazu: "Ich werde es verraten, wenn ich denke, dass die Leute es wissen sollten."

Ob UFC unter die Kategorie Sport fällt, sei jetzt mal dahingestellt in Zeiten, in denen alles durcheinander gerät. Im Käfig verhandelt jedenfalls wird eine eher existenzielle Frage: Welcher Kampfsportler würde eine Straßenprügelei gewinnen; einen Zweikampf ohne Waffen und ohne viele Regeln? In "Once Upon a Time ... in Hollywood", dem 2019 erschienenen Film von Quentin Tarantino, behauptet zum Beispiel der Kampfkünstler Bruce Lee, dass er den Boxer Muhammad Ali besiegen würde - und wird deshalb von Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) erst verlacht und dann gegen ein Auto geschleudert. UFC verhandelt seit 25 Jahren dieses Frage. Für viele sind die Wettkämpfe eine barbarische Prügelei, weil aufgrund der Einbeziehung vieler Disziplinen (Jiu-Jitsu, Ringen, etc.) das uralte Gesetz bei Raufereien verletzt wird: Wer am Boden liegt, wird in Ruhe gelassen!

Es lässt sich nicht leugnen, dass UFC sein Publikum findet. Der TV-Sender ESPN sicherte sich vor eineinhalb Jahren die Übertragungsrechte in den USA bis Ende 2023 - für 1,5 Milliarden Dollar. Der Kanal verlangt im Gegenzug aufregende Duelle, und Dana White liefert. Im Januar feierte Conor McGregor sein Comeback, mehr als eine Million US-Amerikaner zahlten jeweils 65 Dollar, nach nur 40 Sekunden schickte der Ire seinen Gegner Donald Cerrone in den Staub des Achteck-Käfigs. Im Februar gab es das Gefecht zwischen Jon Jones und Dominick Reyes, die Fan-Gemeinde diskutierte über die Entscheidung, Jones zum Punktsieger zu erklären.

So vermarktet sich die UFC: Über brutale Bilder und das Versprechen, beim nächsten Mal noch mehr Spektakel zu liefern, weil sich im Hauptkampf tatsächlich meist die Besten einer Gewichtsklasse treffen - das Duell Ferguson, 36, - Nurmagomedov, 31, soll genau das sein. Der Russe ist in 28 Kämpfen unbesiegt, Rekord im Mixed Martial Arts. Er ist Weltmeister im Leichtgewicht, er gilt als Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, um ihn ranken sich Mythen; so soll er als Kind mit Bären gerauft haben. Der US-Amerikaner Ferguson, 36, kämpfte sich 2020 in der Reality-TV-Show "The Ultimate Fighter" nach oben, er war Interims-Weltmeister und ist der Herausforderer.

Vier Mal hätten die beiden seit 2016 gegeneinander antreten sollen, die Kämpfe wurden jedoch abgesagt, drei Mal wegen Verletzung, ein Mal, weil Nurmagomedov beim Versuch, Gewicht zu verlieren, so schwach wurde, dass er ins Krankenhaus kam. Es ist der Fight, den das Kampfsport-Volk sehen will, White ist entschlossen, das Spektakel zu liefern - ohne Zuschauer. In Abwandlung des Fußballbegriffs "Geisterspiele" wird hier ein "Geisterkampf" vor "Geisterkulisse" vorbereitet. Die Zuschauer sind eh nicht so wichtig, wenn über Pay-TV-Käufe ein dreistelliger Millionenbetrag umgesetzt werden kann.

UFC reguliert sich als Verband weitgehend selbst. Er kann seine Veranstaltungen dort abhalten, wo es gestattet wird (in Deutschland waren Fernseh-Übertragungen von 2010 bis 2015 verboten). White sieht den Kampfabend, den New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo am 18. März wegen Corona aus der Arena in Brooklyn verbannt hat, offenbar als Chance, seinen Sport massentauglich werden zu lassen. Er will die Lücke schließen, die Gier der Zuschauer nach Live-Sport bedienen, da alle anderen Publikumssportarten ihre Stadiontore verschlossen haben. 13 Kämpfe sind insgesamt angesetzt, vor dem WM-Duell der Männer sollen Jéssica Andrade (Brasilien) und Rose Namajunas (USA) im Strohgewicht darum kämpfen, wer Weltmeisterin Zhang Weili (China) herausfordern darf.

Experten vermuten, dass der Rekord für die meisten Pay-per-View-Käufe gebrochen wird. Der liegt bei 2,4 Millionen und stammt aus dem Jahr 2018, als Nurmagomedov den Iren McGregor in der vierten Runde zur Aufgabe zwang. White will den Kampf auch deshalb am 18. April durchziehen, weil Nurmagomedov nicht während des Fastenmonats Ramadan kämpfen will, der in diesem Jahr vom 23. April bis 23. Mai dauert. Der Muslim hat angekündigt, nach dem Ramadan mindestens 45 Tage zu brauchen, um in Kampfform zu kommen - also frühestens Anfang Juli.

"Ich trainiere jeden Tag", schrieb Nurmagomedov am Montag auf Instagram. Er sei aus San José/Kalifornien nach Abu Dhabi gereist, und wegen der dortigen Quarantäne-Regeln weiter in seine Heimat nach Dagestan/Russland. "Wir haben gehört, dass die Grenzen geschlossen werden. Ich weiß nicht, ob ich wieder ausreisen darf", sagt Nurmagomedov. Es könnte sein, dass Putin hilft, er selbst sagt: "Ich habe keine Ahnung, was los ist - wir Kämpfer bekommen nur Geld, wenn wir antreten." Wer weiß, was los ist? Dana White! "Wir arbeiten Tag und Nacht daran, dass es klappt", sagt der: "Ich verrate nichts, weil die Pläne dann nur schlecht geredet werden."

Es heißt, dass beide Kämpfer mehr als zehn Millionen Dollar bekämen, sollte der Kampf am 18. April steigen, wo auch immer. Es geht jedoch um noch mehr: Der Sieger dürfte im Herbst gegen McGregor antreten. Zudem heißt es, dass Ex-Weltmeister Floyd Mayweather für eine Kampfbörse von 500 Millionen Dollar gegen den boxen wolle, der anschließend UFC-Weltmeister im Leichtgewicht ist. Es geht also um sehr viel Geld. Ziemlich zynisch wäre es nun, White in dieser Zeit als einen der cleversten Sportmanager des Planeten zu präsentieren.

© SZ vom 02.04.2020

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