Denis Kaliberda hat sich inzwischen gut eingerichtet in seinem Appartement in Herrsching, zweite Reihe am Ammersee. Am Sonntag wollte er auch endlich mal in den See springen, der gerade mit rund elf Grad noch wärmer ist als die Außentemperatur. Eine willkommene Abkühlung wäre es in jedem Fall gewesen für den 35-Jährigen, der tags zuvor mit Herrschings Volleyballern in Friedrichshafen eine eher ernüchternde 0:3 (21:25, 21:25, 20:25)-Niederlage hinnehmen musste. „Ich würde gerne besser spielen, fühle mich aber körperlich noch nicht ganz so gut. Und unsere Mannschaft ist auch noch relativ jung. Wir müssen noch besser trainieren, es ist einfach ein Prozess“, sagte Kaliberda.
Ein Prozess, in dem der in Poltawa in der Ukraine geborene und in Berlin aufgewachsene Außenangreifer als Herrschinger Königstransfer eine Schlüsselrolle einnimmt. Allein das ist eigentlich eine kleine Sensation.
Denn Kaliberda ist immerhin 202-maliger deutscher Nationalspieler, Olympia-Fünfter von 2012, WM-Dritter von 2014 und EM-Zweiter von 2017. Im vergangenen Jahrzehnt war er einer der prägenden deutschen Außenangreifer, auf Klubebene hat er mit Generali Haching zweimal den DVV-Pokal gewonnen, mit den Berlin Recycling Volleys wurde er deutscher Meister. Außerdem spielte Kaliberda viele Jahre im Ausland, darunter sieben Saisons in Italien, wo er ebenfalls Meister und Pokalsieger wurde, eine Spielzeit in Polen und zuletzt in Abu Dhabi.
Was sucht einer wie Kaliberda, der so ziemlich alles in der Volleyballwelt gesehen hat, also im beschaulichen Städtchen am See?
Als der mit 1,93 Metern für Volleyballverhältnisse gar nicht mal so große, aber mit einer beeindruckenden Sprungkraft und feiner Technik ausgestattete Kaliberda Mitte September beim zünftigen Saisoneröffnungsabend im örtlichen Brauhaus unter großem Beifall vorgestellt wurde, da gab er eine so kurze wie einleuchtende Antwort: „Das ist relativ simpel“, sagte Kaliberda, angesprochen auf den Grund seiner Vertragsunterschrift: „Der eine ist Bob, der andere die tolle Region hier.“
Kaliberda kennt die Region aus Hachinger Zeiten, er hat Oberbayern damals auch schätzen gelernt. Und Bob, gemeint ist Herrschings Trainer Thomas Ranner, ist ein langjähriger Wegbegleiter Kaliberdas. Ranner hat Kaliberda in seiner Nationalmannschaftszeit einige Jahre als Teammanager und Co-Trainer begleitet, die beiden kennen und schätzen sich sehr. „Bob ist für mich mit Stefan Hübner einer der besten jungen Trainer in Deutschland. Er hat einfach eine klare Idee davon, was für ein Trainer er sein will, wie er Volleyball spielen will. Und er ist sehr gut in der Kommunikation mit den Spielern.“ Ranner sieht Kaliberda zugleich als verlängerten Arm auf dem Feld, als Führungsfigur, die die jungen Spieler anleitet und zugleich für Ruhe und den nötigen Druck sorgt.
Dass Kaliberda außerdem noch immer ein begnadeter Außen-Annahmespieler ist, konnte man am Dienstag im Derby gegen den ASV Dachau vor fast 2500 Zuschauern im BMW Park sehen. Im Angriff war er Herrschings Topscorer mit zwölf Punkten und einer Erfolgsquote von 60 Prozent, in der Annahme bester Spieler auf dem Feld.
Allerdings lief es in Friedrichshafen, gegen einen niveauvolleren Gegner, den die Herrschinger aber öfter mal ärgern konnten, bei weitem nicht so gut, auch nicht für Kaliberda. Dies führt direkt zum von ihm selbst angesprochenen „Prozess“, den die Mannschaft und auch er selbst durchlaufen – und zum dritten und vielleicht wichtigsten Punkt, warum dieser weit gereiste Profi tatsächlich in Herrsching gelandet ist: Er möchte es sich selbst nochmal beweisen, in seiner vielleicht letzten Profisaison, nach eher holprigen Jahren.
„Die Liga ist recht unprofessionell, sportlich war das nicht so cool“, sagt er über seine Zeit in Abu Dhabi
2020 legte Kaliberda in der Corona-Zeit auch wegen der Geburt seines ersten Kindes ein Sabbatjahr ein, heuerte dann im Dezember beim späteren Meister Berlin an. Nach einer weiteren längeren Pause spielte er dann wieder nur drei, vier Monate bei den Netzhoppers aus Königs Wusterhausen. Über Italien – Kaliberda spicht die Sprache inzwischen fließend – ging es dann im vergangenen Jahr nach Abu Dhabi, zu Baniyas VC. „Die Stadt ist toll, meine Wohnung lag super, im Dezember haben wir mit den Kindern dort Urlaub am Meer machen können. Und selbst wenn man sonntags einen Arzttermin braucht, dann sitzt man 20 Minuten später im Wartezimmer“, erzählt Kaliberda, skizziert aber auch die Schattenseiten: „Die Liga ist recht unprofessionell, sportlich war das nicht so cool. Die Mannschaften haben drei, vier ausländische Profis, sonst Einheimische. Im Nachhinein hätte ich diesen Schritt nicht unbedingt gehen müssen.“
Denn Kaliberda war dann zwar mit der Nationalmannschaft bei der Olympiavorbereitung, schaffte es letztlich aber nicht in den endgültigen Kader für die Sommerspiele in Paris, was ihn schon schmerzte. „Die Jahre im Nationalteam waren trotzdem meine beste Zeit. Nicht wegen der Medaillen, sondern wegen der Beziehungen, die man mit den Menschen knüpft, ob nun mit Georg Grozer, Tobias Krick, Ruben Schott, Florian Krage, Moritz Richert oder anderen.“ Ein weiteres Mal heuerte Kaliberda danach in der vergangenen Saison bei Königs Wusterhausen an, nun in Herrsching findet er allerdings bessere Bedingungen vor, um noch einmal anzugreifen.
Es geht ihm nicht ums Geld, „dafür bin ich nicht hergekommen“. Kaliberda hat einiges in den Kryptomarkt investiert und kann länger davon zehren. Er möchte nach unruhigen Jahren einfach nochmal einen sicheren Hafen haben, um jenes Spiel zu spielen, das ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat. Und etwas weiterzugeben von jenem Wissen, das er in all der Zeit aufgesaugt hat.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass ich danach aufhöre, ist relativ groß“, sagt Kaliberda. Seine Freundin, mit der er seit 18 Jahren zusammen ist, die beiden Kinder und seine Mutter, die jetzt in Rente ist, warten in Mehrow, östlich von Berlin, auf ihn. Und hoffen, dass ihr immer selbstkritischer Freund, Vater und Sohn mit einem Lächeln nach Hause kommt. Weil er die wohl letzte Mission glücklich beendet hat.


