Süddeutsche Zeitung

Kai Havertz:Für Havertz lohnt es sich, ins Stadion zu pilgern

  • Kai Havertz zeigt zum Saisonauftakt, dass er ein ganz besonderer Bundesligaspieler ist.
  • Es gilt als ausgemacht, dass er den Verein im Sommer 2020 verlässt - und dann vermutlich nach München geht.
  • Offensiv sorgt die gesamte Leverkusener Mannschaft für atemberaubende Momente.

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Kai Havertz trug grellgelbe Fußballschuhe, die zu fluoreszieren schienen, als es dunkler wurde; als ob man ihn hätte übersehen können. Der 20-Jährige war in der vergangenen Rückrunde an der Seite von Julian Brandt die überragende Kraft bei Bayer Leverkusen. Und zum Start dieser Saison, beim 3:2 (2:2) gegen Paderborn, machte er einfach so weiter, selbst wenn Brandt im Frühsommer nach Dortmund weitergezogen ist.

Es ist eine ausgemachte Sache, dass auch Havertz den Verein verlassen wird, nach Absprache mit Klub-Legende Rudi Völler erst nach dem Ende dieser Saison, sehr wahrscheinlich Richtung München, vermutlich für eine Ablösesumme (anderes Wort für Schmerzensgeld) im neunstelligen Euro-Bereich. Vor dem Komma. Das klingt nach typisch überhitztem Transfermarktirrsinn, ist in diesem Fall aber echt angemessen.

Man muss Havertz im Stadion gesehen habe, um zu ermessen, warum er so gut ist. Im Fernsehen und in den Statistiken werden Tore und Vorlagen gezeigt bzw. aufgeführt, so wie Havertz' fantastisch gelupftes 2:1 gegen Paderborn oder der öffnende Pass, der das Siegtor zum 3:2 ermöglichte. Aber was nicht auftaucht, sind die kleinen Dinge, die unbedingt Teil seines Talentes sind: der feine Fuß, die Tempoverlagerungen, das Auge, die Präzision, die langen Wege, die Abwesenheit von Eitelkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der er Abwehraufgaben übernimmt.

Mit Spielern wie Havertz ist Hochrisiko-Fußball möglich

Gegen Paderborn klärte er mehrfach per Kopf nach Ecken des Gegners. Und war meistens sogleich wieder der Motor der Spektakelmaschine, die Bayer 04 seit der vergangenen Winterpause unter der Führung von Peter Bosz ist.

Nur mit Spielern wie Havertz kann der Trainer seinen Hochrisiko-Fußball versuchen, alles andere wäre Harakiri. Obwohl, es sieht schon jetzt oft nach Harakiri aus, was Leverkusen praktiziert. Der niederländische Übungsleiter kennt nur einen Weg: den nach vorne. Diese Kompromisslosigkeit sorgt dafür, dass es keine Geheimnisse um Leverkusens Ausrichtung gibt, dafür aber viele gute Ideen von offensiv ausgerichteten Spielern. Gegen Paderborn wirbelten vorne Havertz, Bailey, Volland und Demirbay, aber auch nominelle Defensivakteure, später stieß Bellarabi noch hinzu.

Offensiv sorgt die Werkself für atemberaubende Momente; in der Defensive auch, und das war alles andere als abgesprochen. Vor allem vor der Pause kam Bayer mit dem giftigen Ballabluchsfußball der Gäste und pfeilschnellen Unbekannten wie Antwi-Adjei, Michel, Mamba, Pröger und Vasiliadis gerade auch bei Umschaltmomenten nicht zurecht. "Das war ein offener Schlagabtausch - und damit genau das, was wir nicht wollten", klagte Bosz, der mitansehen musste, wie Jonathan Tah zweimal stehen gelassen wurde und Julian Baumgartlinger ein Gegentor einleitete.

Jeder sieht: Havertz macht den Unterschied

Paderborns Coach Steffen Baumgart klang ein wenig stolz, als er sagte: "Den offenen Schlagabtausch haben wir provoziert. Das werden wir immer wieder tun und damit hoffentlich den einen oder anderen Gegner knacken. Wer uns kennt, der weiß, dass wir die Eier dazu haben." Ähnlich sahen das auch seine Spieler, etwa Kapitän Christian Strohdiek, der etwas weniger drastisch formuliert: "Wir haben gezeigt, dass wir nicht das Kanonenfutter der Liga sind."

Während Baumgart sich dafür entschied, vor allem das Positive zu sehen ("Leistungstechnisch haben wir bestanden, nur ergebnistechnisch haben wir Nachholbedarf"), war Bosz auch nach dem Abpfiff nicht zufrieden. "Das Auftaktspiel zu gewinnen, ist immer gut", sagte er. "Aber wie wir gespielt haben, damit bin ich nicht zufrieden. Meine Erfahrung ist, dass man drei-, viermal pro Saison richtig schlecht spielt. Wenn man dann drei Punkte holt, muss man zufrieden sein."

Es war ein harsches Resümee, aber manchmal ist offenbar selbst Bosz der Spektakelgehalt seines Teams zu hoch. Erst nach dem Wechsel hatte der Favorit die Partie besser im Griff, Leverkusen ließ nur noch eine echte Chance zu. "Die zweite Halbzeit war, glaube ich, ein bisschen besser als die erste", sagte Bosz. Trotzdem warte "viel Arbeit auf uns. Kein Problem, machen wir gerne".

Baumgart brachte die Dinge anders auf den Punkt: "Wenn man das Ergebnis wegnimmt, kann man zufrieden sein. Wir haben viel von dem umgesetzt, wie wir uns unseren Fußball vorstellen. Bei den Toren hat Leverkusen seine ganze Klasse gezeigt." Der wortgewaltige und -gewandte Trainer nannte keine Namen, aber das musste er gar nicht. Jeder hatte gesehen: Kai Havertz war der Spieler, der den Unterschied ausmachte. Umso unerklärlicher, warum die Zuschauer in Leverkusen das nicht angemessen würdigen; wie so oft in letzter Zeit blieben Tausende Ränge frei. Werksklub und Monsanto hin oder her: Für Kai Havertz lohnt es sich, ins Stadion zu pilgern. In jedes Stadion.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4567556
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.08.2019/ebc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.