Juventus vor dem Rückspiel gegen den FCB Wachgerüttelt vom Schlafwandler

Andrea Pirlo, die Schaltzentrale der Turiner Mannschaft, hat nach dem 0:2-Hinspiel gegen die Bayern etwas gut zu machen. Seine Genialität kam gegen die bissige Münchner Defensive kaum zum Vorschein. Es sind die Worte des bärtigen Strategen, die den Juve-Spielern nun Mut machen.

Von Birgit Schönau, Rom

Zu den wenigen Gewissheiten im Fußball gehört diese: Juventus dreht sich um Andrea Pirlo wie die Erde um die Sonne. Auch an Schlechtwettertagen wie vor einer Woche in München, als Pirlo seine Strahlen erst gar nicht aussenden konnte, weil er ausgebremst wurde, ausgetrickst, verdunkelt.

Nichts ging da mehr bei Juve, weil Pirlo sehr viel falsch machte und fast gar nichts richtig. Das Spiel hatte kaum begonnen, da führte sein Fehlpass schon zum ersten Bayern-Tor.

Wer weiß, wie lange er darüber gegrübelt hat. Immer wieder diese Szene. Schweinsteiger fängt den Ball ab, bedient Alaba: Tor. Danach fanden Pirlo und Juve nicht wieder ins Spiel. Er hatte versagt, ausgerechnet er, der Regisseur, das Hirn der Mannschaft, wie ihn Jupp Heynckes nennt. So sieht er sich auch selbst, und deshalb war Andrea Pirlo nach der Niederlage in München untröstlich.

Als "Schlafwandler" wurde er zu Hause verspottet, in der Demontage ihrer Helden sind die Italiener Dauerweltmeister. In der Krisenbewältigung aber auch. Alles ist möglich, sagt Pirlo jetzt. "Es ist noch alles drin für uns."

Der Bart, die Genialität, die Hoffnung: Andrea Pirlo will mit Juve die Bayern überraschen.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Er sei schließlich dabei gewesen, als der AC Mailand im Champions-League-Finale 2005 gegen den FC Liverpool zur Halbzeit 3:0 führte, bis zum Schlusspfiff drei Gegentore kassierte und dann im Elfmeterspielen unterlag. "Ganz zu schweigen von La Coruña. Nach dem 4:1 in San Siro haben wir in Spanien 0:4 verloren. Und wir waren Milan, nicht irgendeine Dorfmannschaft."

2004 war das, im Viertelfinale. Der AC Mailand war Titelverteidiger. Zwei Mal hat Andrea Pirlo in seinen zehn Jahren bei Milan die Champions League gewonnen.

Überhaupt gibt es nicht viel, was Pirlo nicht gewonnen hätte, Weltmeister wurde er ja auch. Er hat auf der anderen Seite natürlich jede Menge Klatschen kassiert, vor allem aber eine beeindruckende Anzahl inoffizieller Titel. Sie nennen ihn "Architekt" oder "stiller Anführer", für viele ist er einfach nur genial.

Und für Gigi Buffon, seinen alten Weggefährten in der Squadra Azzurra, ist Andrea Pirlo sogar ein Beweis für die Existenz Gottes. So hat es Buffon einmal flapsig gesagt, um dann ziemlich ernst hinzuzufügen: "Sein Können macht uns verlegen."

Treffender kann man jene Aura, die Pirlo auf dem Platz umgibt, kaum beschreiben: Er gehört tatsächlich zu den ganz wenigen Spielern, die nicht nur diese Art von verlegenem Staunen auslösen, sondern auch einen Heidenrespekt. Vermutlich wird Lionel Messi öfter gefoult als der Italiener Pirlo. Weil Pirlo zu foulen ein noch größeres Sakrileg wäre. Der Mann ist nicht nur eine Klasse für sich, er scheint überhaupt über den Wassern zu schweben.

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Im Bann des Inzaghi

Er ist nicht schnell, er ist nicht groß, er ist nicht schön. Er hat noch nicht mal gerade Beine. Aber er schafft es, etwas zu sein, was alle so gern wären. Rätselhaft. Geheimnisvoll. Cool. Er hatte nie eine Frisur, nur Haare, und doch wirkt sein Vollbart wie ein Fanal. Zwischen Räuber Hotzenplotz und dem Christus von Mantegna, so einen Typen kann man vielleicht mit zwei, drei Toren mehr schlagen. Aber fassen kann man ihn nicht.