Das ganze Glück konnte man Federico Chiesa ansehen, an diesem einen schönen Tag in einem ansonsten recht miserablen Sommer. In der anmutigen Cattedrale di San Lorenzo in Grosseto heiratete der 26-Jährige seine langjährige Freundin Lucia Bramani, ausufernd groß wurde das Brautpaar gefeiert. Die traditionellen Reiskörner flogen nicht nur über die Piazza Dante Alighieri vor dem toskanischen Dom, wo sich sogar einige Fans eingefunden hatten, denen Chiesa auf dem Weg zur Trauung noch Autogramme schrieb, sondern auch durch die italienischen und sozialen Medien, es war ein kleiner, bunter Höhepunkt in den Gazetten.
In Vergessenheit geriet so ein wenig, dass die Hochzeit auch deswegen am 20. Juli stattfand, weil der italienische Stürmer am Wochenende zuvor gerne noch ein EM-Finale gespielt hätte. Doch die tiefen Schürfwunden, die das frühe Aus der italienischen Fußballnationalmannschaft und die wahrlich enttäuschende Leistung Chiesas beim Turnier hinterlassen hatten, wirkten verheilt und überwunden – bis der Sommer erneut eine Wendung ins Tragische nahm.

Schweiz trifft auf Italien:Die Bologna-Reform
Der FC Bologna war in der italienischen Serie A das Überraschungsteam der Saison. Die innovativen Ideen des Trainers Thiago Motta strahlen in die EM hinein – und beeinflussen vor allem die Spieler der Schweiz vor dem Duell mit Italien.
Für eine gewisse Rücksichtslosigkeit ist der Fußballtrainer Thiago Motta inzwischen branchenweit bekannt, weshalb er auch für den frisch vermählten Chiesa nichts als unmissverständliche Worte übrig hatte, als der sich wieder im Training bei Juventus Turin einfand. „Klar“ sei man in den Worten gewesen mit dem Stürmer, der in Turin in den vergangenen Jahren noch eine der prägenden Figuren gewesen war, sagte Motta. Vor Kameras folgte nach einem Testspiel gegen den französischen Erstligisten Stade Brest der sehr eindeutige Satz: „Chiesa und auch all die anderen Spieler, die nicht für dieses Spiel nominiert wurden, sind nicht mehr Teil des Projekts.“
Verheiratet mit einer jungen Frau und geschieden von einer alten Dame ist Chiesa nun, so lautet die Bilanz des Sommers.
Die 23 Punkte Rückstand auf Inter Mailand haben Eindruck hinterlassen
Das berühmteste Opfer eines beachtlichen Umbruchs ist Chiesa. Er findet sich in einer Reihe aus acht Spielern wieder, die im Projekt der neuen Juve keine Rolle mehr spielen sollen. Dazu zählen aus der Bundesliga bekannte Namen wie Filip Kostic (ehemals Frankfurt) und Weston McKennie (ehemals Schalke), der langjährige Stammtorhüter Wojciech Szczesny sowie die Spieler Mattia De Sciglio, Arthur Melo, Hans Nicolussi Caviglia und Daniele Rugani, deren Status allerdings weitaus weniger brisant ist. Der Mittelfeldspieler Arthur etwa wird seit Jahren von einem Klub zum nächsten verliehen, ohne zu überzeugen.
Für solche Spieler hat der neue Turin-Trainer Motta, 41, wenig Verwendung, der für seinen Fußball völlig andere Charaktere benötigt. Beim FC Bologna, den der ehemalige Mittelfeldregisseur in die Champions League führte, waren es nicht die Namen, die den Erfolg brachten, sondern das Konzept: Ein einzigartiges taktisches Konstrukt entwickelte Motta, ein kohärentes System, in dem Spielern flexible Rollen zukamen und nicht festgelegte Positionen. Insofern ist verständlich, dass er mit Fußballern wie Kostic und Chiesa wenig anfangen kann: Beide sind singuläre Charaktere, einsetzbar auf einer Position und in einigen Teildisziplinen des Fußballs (Ballbehandlung, Sprintgeschwindigkeit, Abschluss) absolute Weltklasse – aber eben keine flexiblen Charaktere, mit denen er anspruchsvolle Taktiken entwickeln kann.

In Turin haben sie sich nun dafür entschieden, den Ideen ihres neuen Coachs Folge zu leisten. Dass Juventus in der Vorbereitung ein Testspiel beim 1. FC Nürnberg 0:3 verlor, sollte zwar nicht überbewertet werden, verstärkte aber den Eindruck, dass eine gewisse Radikalität beim neuen Ansatz vonnöten ist: Die 23 Punkte Rückstand auf Inter Mailand, mit denen Juventus in der vergangenen Saison die Serie A auf Platz drei abschloss, haben Eindruck hinterlassen.
Beachtlich war dennoch, wie lautstark Motta nach einem erneut enttäuschenden 2:2 gegen Brest von seinem neuen Ansatz berichtete. Die Vorstellung des 4-1-4-1-Systems erklärte er, seinen für teures Geld eingekauften Starspieler im Mittelfeld, den Brasilianer Douglas Luiz, lobte er ausgiebig. Es wirkte wie eine erste Regierungserklärung eines Trainers, der reinen Tisch machen möchte, man konnte ihm zu seiner direkten Ansprache gratulieren, auch wenn sie noch gegen ihn verwendet werden könnte: Während er sich nämlich von Chiesa und den anderen in der Trainingsgruppe der Unerwünschten verabschiedete, sind die noch gar nicht weg.
Dem FC Bayern gar nicht einmal unähnlich, findet sich Turin nun in der Situation wieder, dringend Spieler abgeben zu wollen – und der Rest der Fußballwelt weiß Bescheid. Sportdirektor Cristiano Giuntoli ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden, vor allem im Hinblick auf den prominentesten Fall: Federico Chiesa hat noch ein Jahr Vertrag in Turin, eine Ablöse in Höhe von 15 bis 20 Millionen Euro könnte der Klub nur noch in diesem Sommer kassieren. Man bräuchte das Geld auch dringend, um andere Kandidaten für das Projekt Motta zu holen. Auch damit wird Giuntoli beschäftigt sein im August, der auf dem bislang so ruhigen europäischen Transfermarkt noch zu einigen Umbrüchen führen dürfte.
Chiesa ist jetzt einer der wichtigsten Spieler, die Teil dieses Geschehens sind; er selbst äußerte sich bisher nicht zu Mottas Aussagen. Sein Agent ist derzeit im In- und Ausland dabei, Optionen zu finden, in Turin hofft man laut Medienberichten auf einen finanzstarken Verein aus England, doch auch in Italien gibt es Interesse, aus Neapel, und aus Rom. Dort könnten sie immerhin mit einer gewissen Nähe zum schönen Grosseto werben, dem Ort, wo man Chiesa zuletzt öffentlich glücklich sah.

