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Juventus Turin:Nur Küssen ist verboten

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Gianluigi Buffon: Spielt mit in Villar Perosa

(Foto: imago/Gribaudi/ImagePhoto)
  • In einer schlossähnlichen Rokoko-Villa hoch über Villar Perosa residieren seit 1850 die Agnelli, der Familie gehört Juventus Turin seit 1923.
  • Seit den 1960er-Jahren wird die "Partitella" (kleines Match) vor Publikum in Villar Perosa veranstaltet. Das soll eine Geste der Agnelli für ihre Nachbarn sein.
  • Es geht im Mannschaftsbus von der Villa in den Hügeln nach unten, zum Juve-Volk, das die Spieler so hautnah erleben darf wie nirgends sonst.

Von Birgit Schönau, Villar Perosa

In der 52. Minute ist auf einmal Schluss. "Invasione", tönt es von der Tribüne, umgehend wird der Schlachtruf Wirklichkeit, und das Spielfeld ist voller Fans, die Jagd auf ihre Idole machen. Wer das hier schon kennt, es gar zum 17. Mal mitmacht wie Gianluigi Buffon oder zum 13. Mal wie Giorgio Chiellini, hat beizeiten das Weite gesucht. Auch Massimiliano Allegri flüchtet, sobald die erste Silbe des I-Wortes verklungen ist, denn was nun passiert, wäre der Autorität eines Juventus-Meistertrainers doch ziemlich abträglich. Man kann sich nur kampflos ergeben wie Gonzalo Higuaín und Andrea Barzagli, beide offenbar bestens vorbereitet auf den Höhepunkt dieses weltweit wohl einmaligen Fußballfestes, denn sie tragen tadellose Unterwäsche.

Higuaín hat sich, vielleicht für genau diesen ebenso rauschhaften wie rituellen Zwangsstriptease, sein Bäuchlein abtrainiert. Barzagli gibt in klassischem Feinripp sogar noch stoisch Autogramme, was soll's, mit 36 Jahren macht er das wahrscheinlich ja zum letzten oder vorletzten Mal, bevor unwiderruflich die Rente kommt. Nur Küsse werden von den Ordnern gerade noch abgewehrt, aber Anfassen ist selbstverständlich erlaubt. Am Samstag, wenn im Turiner Juve-Stadion gegen Cagliari die Serie-A-Saison offiziell eröffnet wird, dürfen die Spieler dann wieder Distanz wahren.

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Aber dieser Sportplatz in einem Dorf 64 Kilometer südwestlich von Turin kennt keine Barrieren. Die ganze absurde Abschottung des Profibetriebs, die Globalisierung der Unterhaltungsindustrie Fußball, mögen jenseits der grünen Hügel des Piemonteser Alpenvorlandes Realität sein, hier gehört einer der berühmtesten und erfolgreichsten Klubs der Welt noch vielen Fans und einer Familie. In einer schlossähnlichen Rokoko-Villa hoch über Villar Perosa residieren seit 1850 die Agnelli. Als Seidenraupenzüchter fingen sie an, bevor sie aufstiegen zum reichsten und mächtigsten Industriellenclan des Landes. Giovanni Agnelli gründete 1899 den Autokonzern Fiat, da war der von Turiner Gymnasiasten gegründete Fußballklub Juventus zwei Jahre alt. Seit 1923 gehört Juve der Familie Agnelli: Weltrekord. Und seit den 1960er-Jahren wird die "Partitella" (kleines Match) vor Publikum in Villar Perosa veranstaltet. Die Profis müssen dabei gegen die eigene Jugendmannschaft antreten, Juventus A gegen Juventus B, ein Riesenspaß für alle, abgesehen vermutlich von den Protagonisten. Aber drücken darf sich hier keiner.

Juventus A v Juventus B - Pre-Season Friendly

Aus ganz Italien und dem Ausland reisen sie an, 5000 Fans drängen sich im winzigen Stadion: In Turin hat der Anhang ein Recht auf sein Fußballfest.

(Foto: Getty Images)

Es handelt sich um eine kleine Gutsherren-Geste der Agnelli für ihre Nachbarn in dem 4000-Einwohner-Ort. Oder soll man sagen: Ex-Untertanen? Lange besaß die Familie auch die im Ort ansässige Kugellagerfabrik und war damit größter Arbeitgeber von Villar Perosa. Nebenbei amtierte Fiat-Chef Gianni Agnelli auch noch 30 Jahre lang als Bürgermeister. Seine Frau Marella Caracciolo, eine Prinzessin aus altem neapolitanischen Geschlecht, hat den Schlosspark von Villar Perosa zu einem der schönsten Gärten Europas gestaltet. Man wähnt sich in einem Zaubergarten.

Dort wird am Mittag vor dem Spiel die erste Mannschaft empfangen, zu einem kleinen Buffet und einer Ansprache des Präsidenten Andrea Agnelli, einem Urenkel des Fiat-Gründers. Die Stimmung ist verhalten. Sicher, Juventus hat gerade den sechsten Meistertitel und den dritten Pokal in Serie gewonnen - ein Rekord der Vereinsgeschichte. Aber die wichtigste Trophäe ist an Real Madrid gegangen, die Champions League. Das Finale in Cardiff verlor Juventus 1:4, und bis heute ist, wie der Argentinier Paulo Dybala freimütig gesteht, "der Albtraum noch nicht überwunden".

Neben der Champions League fehlt auch der Ligapokal, den am vergangenen Sonntag Lazio Rom gewann. Beim 2:3 wirkte Juve fahrig und uninspiriert wie lange nicht. In der Abwehr fehlt schmerzlich Leonardo Bonucci, der in diesem Sommer, offenbar im Streit mit dem Trainer, für 40 Millionen Euro zum AC Mailand gewechselt ist. Die Zugänge, allen voran Douglas Costa (Leihgabe vom FC Bayern) und Blaise Matuidi (erworben von Paris St. Germain) müssen noch integriert werden. Juventus ist jedes Jahr eine Baustelle, die Fluktuation erheblich. Aber diesmal betrifft sie zum ersten Mal eine Abwehr, die von jeher die Säule der Mannschaft war.

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