Juventus Turin Der Hotelier erzielt einen Hattrick

Jubel mit Symbolkraft: Cristiano Ronaldo nach seinem dritten Tor gegen Atlético Madrid.

(Foto: dpa)

Cristiano Ronaldo befördert Juventus mit drei Toren gegen Atletico Madrid ins Viertelfinale der Champions League - auch in seiner Heimat Portugal wird der Stürmer gefeiert.

Von Birgit Schönau

In der 86. Minute hat sich die Bar CR7-Corner in Lissabon endgültig in einen CR7-Tempel verwandelt. Die Italiener jubeln mit wilden Luftsprüngen, ein betagtes, stoisch Shorts tragendes englisches Paar prostet sich zu - ihre amerikanischen Nachbarn hatten schon nach dem 2:0 das Lokal verlassen, wohl in der irrigen Annahme, das Spiel sei gelaufen.

Ein Chor hebt an, wie im Stadion, dreimal Cristiano Ronaldo, ohoho, und draußen, auf der Rua do Comercio, fällt auch das Publikum von den Stehplätzen ein. Cristiano Ronaldo, Besitzer jenes Hotels, in dem sich die Bar CR7-Corner befindet, hat soeben Atlético Madrid erledigt und Juventus ins Viertelfinale befördert. Juventus gegen Atlético 3:0, alle Tore vom Hotelier. Der Barista lässt den Shaker stehen und greift zu einem kleinen, roten Megafon. "Liebe Gäste, Cristiano Ronaldo hat uns sagen lassen, dass er nach einem Hattrick eine kleine Überraschung für Sie hat", nuschelt er auf Portugiesisch und erklärt es gleich danach auch noch auf Englisch. "Wenden Sie sich doch an die Rezeption." Applaus im Saal, eine Runde vom Fußballgott, wie köstlich. Niemand fordert sie ein, schließlich gilt es noch vier Minuten zu überstehen, plus die fünf in der Nachspielzeit. Bis es amtlich ist.

In Madrid hatten sie ihn im Hinspiel mit dem Refrain empfangen: "Bezahl deine Steuern!" Was er übrigens getan hatte nach dem gerichtlichen Vergleich, der ihm außer einer Geldstrafe von 11 Millionen Euro auch 23 Monate auf Bewährung bescherte. Atlético hatte Juventus 2:0 abserviert, was Trainer Diego Simeone dazu hinriss, mit einer vulgären Geste auf seinen Unterleib zu deuten. Seht her, wir haben hier die Eier. Und die Juve hat einen, der sie 30 Millionen im Monat kostet und nicht trifft.

Wie dreht man eine 0:2-Niederlage aus dem Hinspiel? "Mit ein bisschen Irrsinn"

Der Kollege Massimiliano Allegri, Sohn eines Hafenarbeiters aus Livorno, sah diese Geste. Er sah auch, dass CR7 den Madridern die fünf Finger einer Hand entgegen wedelte: "Ich habe fünf Mal die Champions League gewonnen, ihr noch nie." Für Juventus ist der letzte Titelgewinn nun auch schon 22 Jahre her, eine halbe Ewigkeit. Allegri hörte dann den Choral der Kritiker in Italien. Dass ihm die Ideen ausgegangen seien nach vier Meistertiteln in Serie und zwei verlorenen Champions-League-Endspielen. Dass Ronaldo eine Nummer zu groß sei für ihn und die Mannschaft ihm sowieso nicht mehr folge. Dass Zinédine Zidane schon parat stehe, ihn zu ersetzen, oder sein Vorgänger Antonio Conte. Allegri sicherte sich schnell Meistertitel Nummer fünf (für die Juve der achte in Serie) und wusste, es würde nicht reichen. Immerhin, Zidane war vor dem Rückspiel gegen Atlético wieder bei Real Madrid unter Vertrag.

Wie dreht man eine 0:2-Niederlage aus dem Hinspiel? "Mit ein bisschen Irrsinn", hatte Allegri gesagt, dabei ist er kein bisschen verrückt, nur findig, mutig und cool. Er zog Emre Can aus dem Mittelfeld in die Abwehr, wo dieser so kaltblütig, ja gerissen agierte, als habe er nie woanders gestanden. Er beförderte Federico Bernardeschi in die Rolle des Oberkellners von CR7, auch das eine ausgezeichnete Idee angesichts der enormen Kondition des Italieners. Und er sagte dem größten Gladiator unserer Zeit, wozu er auf der Welt ist. Es hängt an dir, Cristiano. Genau dafür haben wir dich geholt. Nicht für die Liga, die wir seit so vielen Jahren dominieren, dass es uns selbst schon langweilt. Nicht für den Pokal, jenen italienischen Großvatercup, den wir jetzt nach vier Jahren mal den anderen überlassen. Sondern einzig und allein für die Champions League. Wir sind Juventus, die hochverehrte Fußball-First-Lady Italiens. Und wir wären jetzt zur Abwechslung wirklich gern mal Europas Königin. Also schaff uns diesen Simeone vom Hals, der uns schon als Spieler von Lazio und Inter fürchterlich auf die Nerven fiel, zeig dem Weltmeister Griezmann, warum wir ihn nicht geschenkt nehmen würden! Und ebne uns den Weg nach Madrid, wo wir gefälligst noch mal im Stadion von Atlético spielen möchten, diesmal das Finale. 22 Tore hast du gegen Atlético erzielt, in 32 Spielen. Drei obendrauf, und wir sind weiter!

All das tat Cristiano Ronaldo, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass er großzügig unterstützt wurde. Von der Juve, die an diesem Abend nur für ihn spielte. Und von Atlético, das kaum nennenswerten Widerstand leistete. Sein erster Treffer wurde noch annulliert, wegen eines Fouls an Torwart Jan Oblak. Beim nächsten schraubte er sich so gewaltig in die Luft, wie nur er es kann: 1:0 (27.). Beim 2:0 hatte Oblak wieder zu spät auf Ronaldos Kopfball reagiert, knapp hinter der Torlinie (49.). Und dann, nach einem Strafraumfoul von Angel Correa an Bernardeschi, kam der Elfmeter. Ein Strafstoß, den nur er schießen konnte, eiskalt und endgültig. Drei Tore für die Ewigkeit in einem Spiel, von dem Juventus-Präsident Andrea Agnelli noch seinen Enkeln erzählen dürfte.

Mit 34 ist Cristiano Ronaldo Portugals größtes Sportidol

Damals, als Nonno für 120 Millionen Euro Real Madrid den besten Spieler abluchste, und prompt flogen die im Achtelfinale raus. Damals, als Juventus für ein einziges Match fast fünf Millionen Euro an Eintrittskarten verdiente - absoluter Rekord für das klubeigene Stadion. Damals, als alle schon dachten, wir wären erledigt. Und dann kriegten dieselben Leute, die uns verhöhnt hatten, den Mund nicht mehr zu.

In der Bar CR7-Corner hängt hinter Glas das Trikot von Cristiano Ronaldo bei Sporting Lissabon. Hier fing alles an. Mit 12 Jahren verließ der Junge aus Madeira seine Heimatinsel, mit 18 zog er weiter zu Manchester United. Heute ist er 34, Europameister und Portugals größtes Sportidol.

In diesen warmen Märztagen tragen die Portugiesen sein Trikot beim Straßenfußball in Lissabon und beim Strandfußball im Badeort Cascais am Atlantik. Für die Nationalmannschaft hat der Volksheld in dieser Saison noch nicht gespielt, aber wer weiß, er kommt sicher irgendwann zurück. Auch nach Lissabon, eines Tages, in die Rua do Comercio, wo übrigens auch ein Hotel Turim (Turin) steht, nicht verwandt und nicht verschwägert.

Im Juventus-Stadion zeigt CR7 zum Abschluss auf seinen Unterleib, die Retourkutsche für Simeone. In Lissabon gibt es auch dafür Beifall. Aber wer glaubt, der Wirt gäbe eine Runde für seinen Hattrick, wird von der freundlichen jungen Dame an der Rezeption schwer enttäuscht. "Aber nein", erklärt sie, nachsichtig lächelnd. "Cristiano Ronaldo hat an etwas Anderes gedacht. Zur Feier dieses wunderbaren Fußballabends und seines einmaligen Hattricks können Sie ein handsigniertes Trikot von ihm kaufen. Sonderpreis, nur heute Abend: 300 Euro."