Krise bei Juventus:Trübe Vorwürfe plagen die Alte Dame

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Krise bei Juventus: Andrea Agnelli (2. v. li.) und seine Mitstreiter bei Juventus: Diese Führung gibt es nun nicht mehr beim italienischen Traditionsklub.

Andrea Agnelli (2. v. li.) und seine Mitstreiter bei Juventus: Diese Führung gibt es nun nicht mehr beim italienischen Traditionsklub.

(Foto: Massimo Pinco/Reuters)

Mit einem großen Knall sind in Turin Präsident Agnelli und der gesamte Vorstand zurückgetreten - belastet vom Vorwurf, sie hätten bei Transfers getrickst und Bilanzen gefälscht. Fans sehnen sich nach einem alten Helden als neuem Chef.

Von Oliver Meiler, Rom

Wenn bei Juventus Turin der gesamte Vorstand zurücktritt, ohne jede Vorankündigung an einem normalen Novemberabend, dann ist das für den italienischen Fußball ungefähr so bedeutsam wie für die nationale Politik der überraschende Sturz der Regierung. Letzteres kommt allerdings viel öfter vor. Für die Gazzetta dello Sport ist es sogar eine "Rivoluzione", so schrieb sie es nun groß über ihre ganze erste Seite.

Andrea Agnelli, Sprössling einer Turiner Dynastie mit historisch gereiftem Namen, hat nach zwölf Jahren an der Spitze des Vereins hingeworfen. Nicht ganz freiwillig, muss man dazusagen. Mit ihm gehen auch sein Vize Pavel Nedvěd, eine alte Spielerglorie des Klubs, und Geschäftsführer Maurizio Arrivabene, der schon bei Ferrari in gleicher Rolle nicht sehr glücklich agierte. Alle Zeitungen sind sich einig, dass da eine "Epoche", eine "Ära" zu Ende gehe, eine zwischen Glorie und Tumult.

Agnelli setzte einen dreiseitigen Brief auf für sein Addio, in dem er in aller Länge seine Erfolge Revue passieren lässt: neun Meistertitel in Serie, zwei Finalspiele in der Champions League, etliche nationale Pokale und Supercups, der Bau eines vereinseigenen Stadions. Als Andrea Agnelli, Sohn Umbertos, 2010 übernahm, hatte Juve gerade zwei siebte Plätze in der Meisterschaft hinter sich, und der Skandal "Calciopoli" war noch in allen Köpfen. So gesehen ist seine Bilanz ganz ansehnlich. Nur, das ist es nicht, was bleiben wird.

Juves Aufsichtsrat geht geschlossen, weil er keine andere Wahl mehr hatte: Die Fülle an trüben Vorwürfen und juristischen Ermittlungen zum Geschäftsgebaren des Vereins in den vergangenen Jahren ist so prall, dass gleich 16 Verantwortliche aus dieser Zeit einen Strafprozess riskieren. Wegen Bilanzfälschung, Kommunikation falscher Zahlen an die Börse, Ausstellung falscher Rechnungen für fiktive Operationen, Verhinderung von Kontrollen.

Agnelli gesteht in seinem Brief ein, dass das Unternehmen einen "delikaten Moment" erlebt. In der jüngsten Vereinsbilanz, datiert Ende Juni 2022, stehen Passiva von 254 Millionen Euro - das ist italienischer Rekord. Und wenn man den Ermittlern glauben darf, dann waren die vorherigen Bücher nur deshalb besser, weil die Führung systematisch getrickst hatte, weil sie den Wert von Spielern künstlich aufgeblasen und Verkaufserlöse für transferierte Angestellte verbucht hat. In Wahrheit waren alles nur Scheinmanöver.

Die Justizakte "Prisma" ist prallvoll, auch von Cristiano Ronaldo ist da die Rede

Die Turiner Staatsanwaltschaft hat die Phase der Ermittlungen nun abgeschlossen, es ist ein Haufen Material zusammengekommen. In der Akte "Prisma" soll es auch viele kompromittierende Protokolle abgehörter Telefongespräche geben. In einem davon spricht der juristische Verantwortliche des Vereins mit dem Sportdirektor über eine heimliche Abmachung mit Cristiano Ronaldo, der von 2018 bis 2021 in Juves Diensten gestanden hatte: "Es gibt da ein Blatt Papier, das es nicht geben dürfte."

Was da genau draufsteht, wird wohl im Prozess verhandelt werden, sobald das Turiner Gericht in ein paar Wochen über die Ansetzung eines Strafverfahrens entschieden hat. Mit der unüblich galaktischen Verpflichtung Ronaldos, so sieht es im Nachhinein aus, begann der schnelle Absturz von Agnelli. CR7 brachte zwar viel Strahlkraft mit, förderte die Trikotverkäufe, befeuerte die Hoffnungen auf einen Sieg in der Champions League, auf den man schon so lange wartet in Turin. In der Pandemie aber sprengte der Portugiese die Finanzen des Vereins mit seinem hohen Jahressalär, offenbar 30 Millionen Euro. Sportlich? Ein Flop.

Agnelli machte sich dann in den Augen vieler Juventini auch unbeliebt, weil er ein besonders umtriebiger Befürworter einer europäischen Superliga war. Nur der Boss von Real Madrid, Florentino Pérez, war noch umtriebiger als er. Seinen Abschiedsbrief schloss Andrea Agnelli mit einem Spruch, der Friedrich Nietzsche zugeschrieben wird: "Die Tanzenden wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten." Was er mit dem Zitat genau sagen wollte, wird er ja vielleicht demnächst auflösen.

Neuer Präsident wird wohl ein Wirtschaftsprüfer - ein ganz passendes Profil

Juventus kann den "delikaten Moment" nun schlecht schwelen lassen, zumal in acht Monaten ein großes Fest ansteht: Dann wird der Verein seit hundert Jahren im Besitz der Agnellis sein. Das Sagen hat nun ab sofort ein anderer Zweig der Familie und da vor allem John Elkann, Enkel des legendären Gianni Agnelli und Chef von Exor, der Familienholding. Unter diesem Firmendach sind alle Aktivitäten vereint - auch Juve, mit einem Kapitalanteil von 64 Prozent. Immerhin soll Massimiliano Allegri Trainer bleiben, eine Entlassung würde viel Geld kosten. Als neuen Vereinspräsidenten schlägt Exor seinen Mitaktionären Gianluca Ferrero vor, der ist von Beruf Steuerberater und Wirtschaftsprüfer - kein unpassendes Profil für einen, der die Buchhaltung in Ordnung bringen soll.

Den Fans wären natürlich andere Namen lieber gewesen. Kaum hatte die Nachricht von Agnellis Rücktritt die Runde gemacht, mit Eilmeldungen der Zeitungen auf die Handys der Italiener, da wurde in den sozialen Medien der Ruf laut, es möge doch eine Vereinsikone Präsident werden, einer aus der absoluten Topkategorie, am liebsten Alessandro Del Piero. Der lebt gerade mehrheitlich in Kalifornien, gibt aber aus der Ferne den Fernsehkommentator, elegant wie ehedem als Spieler. Del Piero wäre eine romantische Wahl. Doch wahrscheinlich hat Juve gerade keinen Hang zu Romantik.

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