Der erste Wurf. Selbst für einen Basketball-Profi hat der erste Versuch, den Ball im gegnerischen Korb unterzubringen, eine besondere Bedeutung. „Wenn der erste Wurf fällt, ist es immer gut fürs Selbstvertrauen“, sagt Justus Hollatz. Und Hollatz ist nicht irgendein professioneller Spieler aus der Basketball-Bundesliga, der 24-Jährige ist trotz seines noch jungen Alters Welt- und Europameister. Und deutscher Meister, denn Hollatz spielt seine zweite Saison für den FC Bayern.
Am Montagabend im Pokal-Achtelfinale gegen die Löwen Braunschweig jedenfalls fiel sein erster Wurf, und weitere neun hinterher, Hollatz war mit 21 Punkten bester Werfer der Münchner, bei exakt null Fehlversuchen. Das ist selbst für einen wie ihn eine außergewöhnlich gute Quote. „Ich hatte ein geiles Training, hatte ein gutes Gefühl und habe den Rhythmus ins Spiel mitgenommen“, erklärte Hollatz. Angeführt vom Münchner Spielmacher erteilten die Bayern den bemitleidenswerten Gästen eine üble Lektion, der 99:64-Sieg hätte auch noch höher ausfallen können. Bei 35 Punkten Unterschied kann man im Basketball nicht mehr von Chancengleichheit reden, auch über die Partie, die den immerhin 5225 Zuschauern trotz – oder gerade wegen – ihrer Eindeutigkeit hörbare Freude bescherte, muss man nicht viele Worte verlieren.
Die Braunschweiger, im Besitz keines Geringeren als Deutschlands Vorzeigebasketballer und NBA-Export Dennis Schröder, starteten frech, führten 5:2 und bekamen umgehend mit einem 16:0-Lauf der Gastgeber einen bitteren Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Abends. Schon zur Münchner 46:27-Halbzeitführung war die Frage nach dem Sieger geklärt, für den es das größte Problem war, den Rest der Partie „seriös zu Ende zu bringen“, wie Hollatz erklärte, „und nicht anzufangen herumzualbern“, sprich die Konzentration hochzuhalten. Das sei passabel gelungen, fand auch Trainer Gordon Herbert, dem die Arbeit der Seinen in der Defense gut gefallen hatte, auch offensiv „ist uns das teilweise recht gut gelungen“. Hin und wieder ging der Ball verloren, als seine Akteure sich in Kunststückchen versuchten, darüber aber sah der Trainer generös hinweg, schließlich „hatten wir viel Druck, in eigener Halle zu gewinnen. Es war das erste K.-o.-Spiel der Saison“.
„Es ist noch eine Achterbahnfahrt, das gebe ich offen zu, ich muss weiter hart arbeiten, dann kommen auch die Ergebnisse.“
Man muss allerdings anmerken, dass sich der Hauptrundendritte der Vorsaison nach diversen Weggängen – neben anderen wanderten die drei besten Schützen ab – in einem beklagenswerten Zustand präsentierte. In dieser Form sind die Löwen Abstiegskandidat Nummer eins, sollte der nicht schlecht betuchte Klubeigner davon absehen, nochmals in den Kader des Tabellenschlusslichts zu investieren. Die Bayern jedenfalls brachten die Partie weitgehend seriös ins Ziel, wie vom Trainer gefordert. Ob die Liga im Vergleich zur Vorsaison schwächer geworden ist, wollte Münchens Topscorer nicht bestätigen, noch habe man nicht gegen jedes Team gespielt. „Aber viele gute Spieler haben die Liga verlassen“, so Hollatz, der den größten Vorteil seines Teams auf den deutschen Positionen sieht: „Wir haben viele gute deutsche Spieler, die seit Jahren zusammenspielen“, sagte Hollatz, diese Qualität und das Spielverständnis seien ein großer Bonus: „Da sind wir schon deutlich besser aufgestellt als die anderen.“
Man könnte auch sagen, alle fünf Weltmeister, die in der Bundesliga ihr Geld verdienen, tun dies in München. Wie Hollatz, der im Nationalteam so etwas wie der Erbprinz im Kader ist. Dennis Schröder ist unangefochten auf der Spielmacher-Position, Maodo Lo ist ebenfalls noch einen Tick vor Hollatz einzuordnen, aber beide sind mit 32 in die Jahre gekommen. Hollatz gilt vielen als der natürliche Nachfolger, der sich im Schatten der beiden entwickeln kann. Ähnlich ist das in München, dort ist der Litauer Rokas Jokubaitis die Nummer eins, der allerdings mit einem Kreuzbandriss noch lange fehlen wird. Dann kommt Stefan Jovic, Spielmacher der serbischen Nationalmannschaft, derzeit am Sprunggelenk verletzt.
Und schon steht Hollatz an vorderster Stelle, der die Verantwortung gegen Braunschweig vorbildlich trug. Und das, obwohl er von der EM mit einer Verletzung heimkehrte und erst seit zwei Wochen in den Kader zurückgekehrt ist. Dass er drei Wochen verletzt war und erst spät ins Teamtraining eingestiegen sei, dürfe man nicht vergessen, sagt der Trainer, Herbert sieht aber auch, wie gut Hollatz trainiert und welche Fortschritte er macht. „Es war nicht einfach“, sagt der Gelobte, schließlich wurde die halbe Mannschaft ausgetauscht, viele Schlüsselpositionen neu besetzt. Die Kollegen hätten ihm bei der Rückkehr geholfen, auch wenn er noch immer nicht genau wisse, „was mein Mitspieler denkt, wohin er läuft“.

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Kein Wunder in einer so frühen Saisonphase, die zudem ohne reguläre Vorbereitung begonnen hat. Die Nationalspieler kamen kurz vor dem Saisonstart zum Team, wie auch einige Neuzugänge, zudem begleiten die Münchner ständige Absenzen wegen Verletzungen. Die Mannschaft befinde sich folglich „in einem Prozess“, sagt Hollatz, was für ihn selbst natürlich ebenso gelte. „Wir sind längst nicht oben angekommen“, sagt der Spielmacher, immer mal wieder würde die Klasse der Mannschaft aufblitzen, aber: „Unser Manko ist noch, das 40 Minuten oder konstant abzuliefern, in Phasen sieht man aber schon, wozu wir in der Lage sind.“
Hollatz bewies seine Klasse bisher vornehmlich in der Spielführung und dem Einsetzen der Mitspieler, darüber hinaus ist er ein erstklassiger Abwehrspieler. Am Abschluss müsse er noch arbeiten, gibt er selbst zu: „Ich brauche meinen Rhythmus und muss einfach an mich glauben. Im Training werfe ich gut, im Spiel konnte ich das bisher noch nicht so zeigen.“
Bis zu seinem makellosen Auftritt am Montagabend, in dieser Form wird Herbert kaum an seinem Juwel vorbeikommen. Das Jahr in München habe ihn weitergebracht, sagt er, „ich bin erwachsener geworden“. Aber noch müsse er lernen, etwa mit Rückschlägen umzugehen, immer bereit zu sein: „Es ist noch eine Achterbahnfahrt, das gebe ich offen zu, ich muss weiter hart arbeiten, dann kommen auch die Ergebnisse“. Bemerkenswerte Aussagen für einen Welt- und Europameister.

