Von A wie Achse bis W wie Worker:Das kleine Nagelsmann-Wörterbuch

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Schwere Zeiten für Spione: Julian Nagelsmann hält seine personellen Pläne und seine Spielidee einsehbar für jedermann. (Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Der Bundestrainer pflegt eine eigene Art der Kommunikation. Ein Glossar zur Hilfe vor dem Eröffnungsspiel.

Von Philipp Selldorf

Jeder Bundestrainer bringt sein eigenes Vokabular mit in den Dienst, das im besten Fall dauerhaft in den Sprachfundus des Deutschen Fußball-Bundes eingeht und den Urheber verewigt. Jürgen Klinsmann hat dafür ein Beispiel gegeben, als er vor der WM 2006 den harten Prozess der Kaderwahl rhetorisch verniedlichte: Mike Hanke war vor seinem Konkurrenten Kevin Kuranyi „ein Näschen vorn“, während Oliver Kahn gegenüber Jens Lehmann „einen Tick hinten“ war. Mit der Maßeinheit „Tick“ haben auch Klinsmanns Nachfolger gern gearbeitet, um einfühlsam zu beschreiben, warum der eine Spieler mitfahren darf und der andere zuhause bleiben muss.

Aktuell amtiert nun ein Cheftrainer, der über einen gewaltigen Wortschatz verfügt und seine Erläuterungen manchmal so schnell vorträgt wie eine doppelt beschleunigte Sprachnachricht im Telefon. Die markantesten Begriffe ließen sich dennoch dingfest machen, sie geben schlüsselhaft Auskunft über Julian Nagelsmanns Gedanken und Theorien sowie die Dispositionen, die er für das Turnier getroffen hat. Zum allgemeinen Verständnis des Bundestrainers nachfolgend ein Auszug aus seinem Wörterbuch.

Rolle/Rollenverteilung: Das Leitmotiv bei der Wahl und Gestaltung des EM-Teams, daher ein ständig wiederkehrender Terminus. Nachdem Nagelsmann zu den beiden Testspielen im März einen umfangreich veränderten Kader einberufen hatte, erhielten sämtliche Spieler zur Orientierung eine Grundsatzansprache. Mit jedem Profi hat Nagelsmann über dessen designierte Rolle gesprochen und wie in einem Kastensystem den Stellenwert definiert. Dafür wendete der Coach jeweils – laut eigener Zeitangabe – 20 bis 25 Minuten auf.

Startelf: Dem Rollenprinzip folgend umfasst sie nach Nagelsmanns Verständnis 14 Personen – einen Torwart und 13 Feldspieler. Diese Spieler sind der erklärte Kern des Kaders, wobei die für das erste Turnierspiel vorgesehene Wunschelf bereits im März von Nagelsmann nominiert worden ist. Die geplante Anordnung bestätigte er bei der Generalprobe am vorigen Freitag. Pascal Groß, Leroy Sané und Niclas Füllkrug zählen zwar ebenfalls zur Startelf, haben aber keinen Zugang zum Rasen, sondern ihren Platz vorerst in der Reserve. Nagelsmanns transparentes Vorgehen macht somit ausländische Spione arbeitslos. Seine personellen Pläne und seine Spielidee sind einsehbar für jedermann.

Achse: Ihr gehören Spieler an, die für das Gleichgewicht der Mannschaft besonders wichtig sind. Im deutschen Team besteht die Achse mehr oder weniger exklusiv aus Toni Kroos. Das Fürsorgeangebot an die Mitspieler, das er anfangs der Woche formuliert hat, beschreibt sein Selbstverständnis als Soloachse und klingt wie ein Wahlkampfspruch: „Wenn ihr nicht mehr weiterwisst, gebt mir den Ball.“ Aus psychologischen Gründen rechnet Nagelsmann auch Antonio Rüdiger zur Achse: „Weil er dann einfach an Wert gewinnt – fußballerisch und als Leader-Typ.“

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Back-Ups: Spieler, die nicht zur ersten Wahl des Bundestrainers gehören, etwa die Innenverteidiger Nico Schlotterbeck, Waldemar Anton und Robin Koch. Solange das Turnier wunschgemäß verläuft, besteht ihre Rolle darin, als Aushilfen einzugreifen, um zum Beispiel einen Vorsprung zu verteidigen oder Mitspielern Entlastung zu verschaffen. Solange sie gesund und bei Kräften bleiben, werden Jonathan Tah und Antonio Rüdiger die Plätze der Innenverteidiger belegen.

Herausforderer: Eine Gruppe von Spielern, die dafür sorgen soll, dass sich kein Angehöriger der Startelf auf seinem Status ausruht. Linksaußen Chris Führich könnte ein Herausforderer in der Offensive sein und in die Startelf aufrücken. Vorerst hat er als bevorzugter Einwechselspieler die Rolle einer Einsatzkommandokraft: Er ist imstande, offensiv sofort in Aktion zu treten. Auch Maximilian Beier hat sich durch seinen Auftritt im Ukraine-Spiel diesen Ruf verschafft. Marc-André ter Stegen hingegen stünde gern im Rang des Herausforderers, muss sich aber mit dem Status des Edel-Backup begnügen.

Pärchenbildung: Eine besonders beliebte Figur in Nagelsmanns Vorstellungswelt. Strategische Paarbildung schafft Vertrauen und Verständnis, deshalb hat sich Nagelsmann frühzeitig auf das Innenverteidiger-Duett Tah/Rüdiger festgelegt. Sie sollen als Partner zueinander finden. Als Paradefall von Pärchenbildung sieht der Coach die Kombination des Linksverteidigers Maximilian Mittelstädt mit Linksaußen Führich. In Stuttgart hatte ihre hervorragende Zusammenarbeit während der Saison so viel Effekt, dass der VfB jetzt vom FC Bayern und Borussia Dortmund geplündert wird.

Momentum: Apropos Stuttgart: Auch Nagelsmann würdigte die hervorragende Saison, indem er fünf VfB-Spieler nominierte. Auch vom Momentum, das Bayer Leverkusen zum deutschen Meister machte, will er profitieren: Außer den Meisterspielern Tah, Florian Wirtz und Robert Andrich importierte er auch die meisterliche Spielidee von Xabi Alonso in seinen Kader.

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Worker: Ein Nagelsmann-Begriff, der ein wenig von der Zeit überholt wurde. Nach dem schlimmen Auftritt seiner Mannschaft beim Test in Österreich im November verlangte er im Affekt nach Spielern, die er als Arbeiter einsetzen könnte. Im März berief er deshalb Robert Andrich, der sich in Leverkusen vom Arbeiter längst zu einem spielerisch wertvollen Mitarbeiter gewandelt hat. Eine gewisse „Drecksackmentalität“ habe er sich aber, so Nagelsmann, zum Glück erhalten.

Durchschnaufen: Lautmalerisches Wort aus der Jogi-Löw-Ära, das Nagelsmann gern übernommen hat. Bezeichnet jede Art von Erholungsphase. Dient auch der Rechtfertigung für abgesagte Trainingseinheiten.

Lagerkoller: Gab es schon zu Helmut Schöns und Jupp Derwalls Zeiten und taucht als potenzielle Klimabedrohung auch in Nagelsmanns Überlegungen auf. Unter anderem deshalb hat er die Rollengespräche geführt: Damit sich keiner falsche Hoffnungen macht über seinen Status. „Aber die Wahrheit“, ob wirklich jeder die Rolle akzeptiert habe, werde sich „erst nachher zeigen“.

Bahnhof Weimar: Ort, den Nagelsmann zur Verabschiedung aus dem Trainingslager in Thüringen bestimmt hatte – als Drohung für jene Spieler, die mit ihrer Rolle doch nicht zufrieden sein sollten. Doch niemand reiste ab.

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