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Julian Brandt im DFB-Team:Wohin mit ihm?

09.10.2019, Fussball, Testspiel, Freundschaftsspiel, Saison 2019 2020, Herren, deutsche Nationalmannschaft, Deutschland,

Dynamik in der Box: der deutsche Angreifer Julian Brandt beim Testländerspiel im Oktober gegen Argentinien (2:2).

(Foto: Bernd Müller/imago)
  • Julian Brandt von Borussia Dortmund sucht noch seinen festen Platz im Nationalteam.
  • Er kann auf vielen Positionen spielen - doch wo genau kommen seine Fähigkeiten am besten zum Zug?

In dem Lied "Wir sind Leverkusen" wird die Faszination der rheinischen Stadt und ihres führenden Fußballvereins in einem einzigen Reim prägnant zusammengefasst:

"Zwischen Bayer-Werk und Wasserturm, Wupper, Dhünn und Rhein / da schlägt unser Herz für unseren Verein."

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Julian Brandt hat dieses Lied oft gehört, es läuft bei jedem Heimspiel in der Bayarena. Dennoch kommen ihm nicht die Gestade von Wupper, Dhünn und Rhein in den Sinn, wenn er über die Leverkusener Vorzüge spricht. Womöglich weiß er nicht mal, dass die Dhünn in die Wupper mündet und dann die Wupper in den Rhein, aber dafür fallen ihm vier Monate nach dem Verlassen der Stadt viele andere Attraktionen ein, an die er gern zurückdenkt. Zum Beispiel sagt Brandt, dass er die Leverkusener Mannschaft vermisse: "Das waren gute Jungs, mit denen ich jahrelang zusammengespielt habe."

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In bester Erinnerung verbleiben ihm außerdem das wohlorganisierte Klubleben ("immer sehr, sehr angenehm") und der charismatische Coach Peter Bosz ("war für mich ein super Trainer"). Ferner fand er es in Leverkusen auch deshalb gut, weil er in Köln gewohnt hat ("wo die Menschen sehr locker sind").

Im Grunde war Julian Brandt in Leverkusen also hervorragend aufgehoben, zumal der gebürtige Bremer nach Lebens- und Gemütsart wie ein Einheimischer in diesen Landstrich passt, in dem die Leute dazu neigen, im Zweifel an das Gute oder ans gute Ende zu glauben. Auch Brandt braucht sich zum Optimismus nicht zu zwingen, dieser kommt aus der Tiefe seines wohlwollenden Denkens und Meinens. Und so steht am Schluss der Erörterungen, bevor sich Brandt im Hotel der Nationalmannschaft für den Gang zum Mittagessen erhebt, folgender, gelassen ausgesprochener Satz: "Ich bin sicher, dass sich meine Karriere genauso weiterentwickeln wird, wie ich es mir erhoffe."

Nach Dortmund ist er im Sommer nämlich freiwillig gegangen ("Ich wollte etwas Neues machen und mich durchbeißen - nur so werde ich besser"), und weil er vom Gelingen seiner Mission bei der Borussia so überzeugt ist, schlägt er einen TÜV-Termin zum Saisonende vor: "Dann können wir uns ja noch mal zusammensetzen und zurückblicken, wie das Jahr so war."

Blickt man auf die Saison, wie sie bisher war, fällt es einem nicht leicht, Prognosen zu stellen. Julian Brandt hat sich sowohl in Dortmund als auch in der Nationalelf um leuchtende Momente verdient gemacht, obendrein fiel er als Schütze entscheidender Tore auf. Zwischendurch lieferte er aber auch gegenteilige Eindrücke, zuletzt beim 0:4 in München, wo er fast 13 Kilometer hin und her, aber immer am Spiel vorbeilief; oder in Mailand (0:2), wo ihm die Inter-Profis jedes Mal derart leicht den Ball entwendeten, dass sich der ehemalige Borusse und Gelegenheitsexperte Michael Rummenigge ausnahmsweise zur Einzelkritik aufgerufen fühlte: Körperlosen "C-Jugend-Fußball" prangerte er an.

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Dieses Urteil hallte weit in den öffentlichen Raum, doch weder Manager Michael Zorc noch Klubchef Hans-Joachim Watzke polterten zum Schutz des Spielers zurück. Brauchten sie auch nicht, meint Brandt: "Ich bin nicht böse deswegen. Wenn meine Trainer so was sagen würden, müsste ich mir Gedanken machen."

BVB-Coach Lucien Favre und DFB-Trainer Joachim Löw scheinen es mit dem flinken Techniker Brandt allerdings nicht immer leicht zu haben. Beide begleitet die gleiche Frage: Wohin mit ihm? Während des letzten halben Jahres in Leverkusen hatte ihn Trainer Bosz ins zentrale offensive Mittelfeld beordert und dort belassen, das zeigte exzellente Wirkung: Bayer sah den besten und beständigsten Brandt seit dessen Ankunft im Januar 2014.

In Dortmund habe er "gefühlt schon überall gespielt", sagt Brandt nun: "Auf der Sechs, im Zentrum, vorne links, rechts, im Sturm - ist ja schön, dass der Trainer mir das alles zutraut. Aber dann gibt es auch Unsicherheiten, weil das alles nicht top eingespielt ist." Er äußert das nicht im Beschwerdeton, sondern im Bemühen um Verständnis: "Bosz war gewillt, den Hang zum Risiko zu wählen. Den haben wir in Dortmund noch nicht so richtig im Programm."

Über den Fußballer Brandt gibt es einige Gewissheiten, aber eben auch manche Unklarheiten. Gewiss ist, dass er stattliche Talente besitzt, die ihn in die Nähe von internationalen Berühmtheiten rücken - nur weiß man nicht so genau, von welchen. Gibt es Ähnlichkeiten mit variablen Linksaußen wie Marco Asensio (Real Madrid) oder Lorenzo Insigne (AC Neapel)? Oder sollte man sich an Spielgestaltern wie Dele Alli (Tottenham Hotspur) und Saul Niguez (Atlético Madrid) orientieren?