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Julia Görges:Liebes Tennis, auf Wiedersehen

BAU// 22.04.2018 Stuttgart Tennis Fed Cup GER vs. CZE, Schlussjubel von Julia Görges (GER) nach ihrem Sieg *** BAU 22 0

Sie jubelte häufig - gemessen an ihren Fähigkeiten aber vielleicht trotzdem ein bisschen zu selten: Julia Görges. .

(Foto: Julia Rahn/Imago)

Eine der talentiertesten deutschen Spielerinnen hört auf: Der Abschied von Julia Görges kommt überraschend - passt aber ins Bild einer selbstbestimmten Sportlerin.

Von Lisa Sonnabend

Es ist erst ein paar Monate her, da sprach Julia Görges über ihre Zukunft im Tennis. Sie wolle noch eine Weile spielen, kündigte sie im Winter an, "Richtung zwei, drei Jahre". Doch nun hat die 31-Jährige es sich anders überlegt. Am Mittwochabend veröffentlichte sie überraschend ein Statement. "Liebes Tennis", heißt es darin, "ich schreibe dir diese Zeilen, weil ich bereit bin, mich von dir zu verabschieden." Es sind emotionale und persönliche, aber auch leise Sätze. Görges hat für ihr Karriereende keine Abschiedstournee geplant, sie ist nun plötzlich weg. Die Anteilnahme fällt dennoch groß aus - die Internetseite der Spielerin brach zusammen. Angelique Kerber gratulierte ihr "zu einer großartigen Karriere", Andrea Petkovic richtete aus: "Ich werde dich so vermissen." Und Sabine Lisicki schrieb in den sozialen Medien: "Neeeeein Jule!" Doch.

Görges gehörte der sogenannten goldenen Generation an. In den vergangenen 15 Jahren prägte sie mit Kerber, Petkovic und Lisicki das deutsche Tennis, meistens war zumindest eine der vier Spielerinnen unter den Top Ten der Weltrangliste, die dreimalige Grand-Slam-Siegerin Kerber schaffte es sogar bis ganz an die Spitze. Görges war nicht die erfolgreichste von ihnen, aber die wohl talentierteste.

Die 1,80 Meter große Sportlerin spielt offensiv und intelligent. Ihr Aufschlag gilt als einer der stärksten auf der Tour, Volleys platziert sie mit Gefühl, Grundlinienschläge mit Power. Das Einzige, was ihr fehlte, um ganz nach oben zu kommen war die Konstanz. Nach einem starken Match unterliefen ihr oft im nächsten zu viele Fehler, manchmal dachte sie auch einfach zu viel nach auf dem Platz.

Ihre Karrierebilanz ist dennoch beachtlich: Sieben Turniere im Einzel gewann sie, elf im Doppel. 2011 eroberte die damals 22-Jährige den Titel in Stuttgart, ihre bedeutendste Trophäe. 2014 erreichte sie mit dem Fed-Cup-Team das Endspiel, die Mannschaft verlor gegen Tschechien. Ihr größter Erfolg: Vor zwei Jahren stürmte Görges in Wimbledon bis ins Halbfinale; dort scheiterte sie an Serena Williams, auch weil sie etwas zu aufgeregt agierte. Es waren ihre glanzvollsten Monate, sie kletterte auf Rang neun der Weltrangliste.

Zuletzt hatte Görges immer wieder Neuanfänge gewagt. Vor einem Jahr trennte sie sich von ihrem Team um den langjährigen Trainer Michael Geserer und den Physiotherapeut Florian Zitzelsberger, mit dem sie auch privat liiert gewesen war. Die Spielerin, die aus Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein stammt, verlegte ihren Mittelpunkt zunächst von Regensburg nach Oberhaching bei München, wo sie mit Jens Gerlach trainierte. Im Sommer heuerte sie dann Raemon Sluiter an, der derzeit als einer der besten Trainer gilt, sie verbrachte nun viel Zeit in den Niederlanden, feilte noch einmal an Details. Bis auf Platz 45 der Weltrangliste war sie abgerutscht, sie wollte wieder angreifen, doch es gelang ihr nicht recht. Bei lediglich zwei Turnieren nahm sie nach der Corona-Pause teil: In Rom verlor sie in der ersten Runde deutlich mit 1:6 und 0:6 gegen Danka Kovinic, beim Grand-Slam-Turnier von Roland Garros in der zweiten Runde in einer umkämpften Partie gegen Laura Siegemund. Was damals noch niemand ahnte, womöglich nicht einmal sie selbst: An jenem 1. Oktober bestritt sie ihr letztes Match.

Die deutsche Teamchefin Barbara Rittner sagte nun, der Rücktritt löse bei ihr "eine gewisse Wehmut aus". Görges ist die erste aus einem erfolgreichen deutschen Quartett, die aufhört. Doch die Kolleginnen sind ebenfalls über 30, ein mögliches Karriereende ist auch bei ihnen Thema. Kerber kommt seit einiger Zeit schon nicht mehr an ihre großen Erfolge heran, Petkovic arbeitet inzwischen nebenher als TV-Moderatorin und schreibt Bücher, Lisicki plagen Verletzungen, sie ist auf Ranglistenplatz 689 abgestürzt. Bei den French Open schlug sich nun Siegemund bis ins Viertelfinale vor, sie ist aber auch schon 32 Jahre alt. Potentielle Nachfolgerinnen sind nicht auszumachen. Rittner sorgt sich zu Recht.

Während der Coronavirus-Pandemie hatte Görges zuletzt mehrmals darüber gesprochen, wie sie gemerkt habe, dass es Wichtigeres als Tennis gebe. Wie sie es genoss, endlich einmal nicht so viel zu reisen, Zeit für andere Dinge zu haben. Sie entfernte sich in dieser Zeit sicherlich bereits ein wenig von ihrem Sport.

Julia Görges ist ein strukturierter und aufgeräumter Mensch, sie hat klare Vorstellungen, trifft Entscheidungen selbstbestimmt. Wenn sie zu einem Turnier reiste, plante sie vieles selbst: die Anfahrt, die Unterkunft. Sie entschied, ob sie nach einer Niederlage noch ein paar Tage vor Ort blieb, um sich die Stadt anzuschauen, oder ob es gleich wieder heimgehen sollte. Während der Pandemie ist dies nicht mehr möglich. Die Spieler werden in einem vorgegebenen Hotel untergebracht, sie dürfen die Anlage oft nicht einmal verlassen.

Es ist anzunehmen, dass Görges gerne noch ein paar Matches bestritten hätte. Doch im Gegensatz zur ATP-Tour der Männer, bei der in den kommenden Wochen weitergespielt wird, ist die Saison auf der WTA-Tour bereits beendet. "Es ist auf jeden Fall interessant zu sehen, was die Männer im Vergleich zu uns noch so haben", beschwerte sich Görges vor kurzem. "Unser Kalender ist schon recht nackt."

Erst 2021 geht es für die Tennisspielerinnen weiter - wie, das vermag derzeit niemand zu sagen. Görges hätte nun erneut für einen Neubeginn trainieren müssen, dafür sah sie nicht mehr bereit. In ihrer Rücktrittserklärung schreibt sie: "Ich habe immer gewusst, dass ich es fühlen werde, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, Tschüss zu sagen - der Moment ist da." Julia Görges hat einmal mehr selbstbestimmt entschieden.

Was sie nun machen will? Wer weiß. Neulich sagte sie einmal: Sie interessiere sich sehr für Buchhaltung.

© SZ vom 23.10.2020

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