Jugendfußball:Erbitterter Kampf um die Talente

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Vereine, die sich in der Jugendarbeit engagieren, können wieder mit Zuschüssen des Landkreises Erding rechnen. (Foto: Deutzmann/imago images)

Kommerzielle Angebote wie die Bayerische Fußball-Akademie oder die FT Freiham werben Münchner Breitensportvereinen Spieler und Jugendtrainer ab. Diese wehren sich, etwa in Form eines Aktionsbündnisses. Eine friedliche Koexistenz scheint dennoch nicht ausgeschlossen zu sein.

Von Stefan Galler

Michael Hofmann lebt den Fußball noch immer so wie während seiner Profikarriere. Der 50-Jährige postet oft Erinnerungen an seine Zeit als Torwart des TSV 1860 München oder zeigt in seinen Profilen Fotos mit den in der Bundesliga erfolgreichen Löwen der Neunziger- und Nullerjahre. Er ist nach dem Ende der aktiven Laufbahn 2017 dem Sport treu geblieben, gehörte unter anderem fünf Jahre lang dem Trainerstab von Türkgücü München an. Seit zwei Monaten ist Hofmann nun Sportlicher Leiter der Bayerischen Fußball-Akademie (BFA). Das klingt nach einem Beamtenjob in einer staatlichen Einrichtung, doch in Wirklichkeit geht es dabei um eine private Schule für besonders ambitionierte Sportler.

Die BFA ist - wie die Fußball-Talente (FT) Freiham - eine jener Ausbildungsstätten, die sich zuletzt harscher Kritik von Seiten der Breitensportvereine ausgesetzt sahen: Hier werde mit Träumen von Kindern und deren Familien vom Profifußball gespielt, es würden falsche Versprechungen gemacht, die sich die Anbieter teuer bezahlen ließen. Ganz nebenbei würden die Amateurvereine, die eine wichtige soziale Aufgabe erfüllen, indem sie den Kindern in deren Freizeit Beschäftigung geben, ausgehöhlt. Dass es oft nicht die Nachwuchskicker selbst sind, deren Ambitionen über das Normalmaß hinausgehen, sondern deren Eltern, ist ein weiteres Ärgernis für die Kritiker an der BFA und ähnlichen kommerziellen Angeboten vor allem im Großraum München.

Der frühere Löwen-Torwart Michael Hofmann ist neuer Sportlicher Leiter der Bayerischen Fußball-Akademie (BFA). (Foto: Goldberg/Beautiful Sports/Imago)

Hofmann kennt diese Vorbehalte und macht deutlich, welche Prioritäten er selbst setzen will: "Entscheidend ist die Entwicklung der Kinder. Und nicht die Träumereien und Erzählungen einiger Trainer und Eltern." Er stehe "für Werte, nicht für Luftschlösser". Gleiches gelte für seinen früheren Mannschaftskollegen beim TSV 1860, Horst Heldt, der mit seiner Frau Bettina die Akademie im Frühjahr 2022 gekauft hat. Der Sohn der Heldts spielte damals für eines der BFA-Nachwuchsteams. "Horst steht voll hinter unserer Arbeit, auch er will, dass wir mit guten Trainern die Kinder weiterentwickeln", sagt Hofmann.

Heldt selbst hält sich lieber im Hintergrund. Zwar sieht man ihn dann und wann bei Jugendspielen am Fußballplatz, das Reden aber überlässt er seinem Sportlichen Leiter. Derzeit ist Heldt als Sportdirektor beim Drittligisten TSV 1860 München im Gespräch. Sollte er den Posten bekommen, ist eine Kooperation mit der BFA denkbar. Er lässt ausrichten, dass es ihm bei seinem BFA-Engagement keineswegs ums Geldverdienen gehe, vielmehr müsse draufgezahlt werden.

Eine These, die David Schneider stützt. Der 34-Jährige ist Sportlicher Leiter bei den FT Freiham. Während die BFA mit dem Breitensportklub SV Waldperlach im Münchner Südosten kooperiert, sind die FT selbst ein Verein. "Bei uns geht es nicht um einen kommerziellen Hintergedanken", sagt Schneider, "wir haben derzeit eine jährliche Deckungslücke von rund 100 000 Euro." Das hänge auch damit zusammen, dass man noch an der Infrastruktur arbeite und den Trainern gutes Geld zahle. "Keiner von denen kann sich von unseren Gagen einen goldenen Rolls Royce kaufen, aber die Arbeit mit den Talenten soll sich schon lohnen."

Selbst wenn die Aufbauarbeit abgeschlossen sei, werde es voraussichtlich noch eine Unterdeckung geben, die aber könne von Sponsoren und Zusatzeinnahmen durch Trainingscamps verringert werden. "Wenn wir auf Gewinne aus wären, würden wir uns einen Partnerverein suchen und exklusiv mit diesem arbeiten. Dann wäre jedoch die Tür zu den anderen Klubs zu", sagt Schneider. Das Konzept sehe aber vor, dass man den besten Kickern bei der Suche nach einem Platz in einem Nachwuchsleistungszentrum helfen wolle und dazu guten Kontakt mit mehreren Profivereinen halte. Dass das aufgehe, zeige die aktuelle Quote: Laut Schneider haben die FT Freiham in diesem Sommer acht Spieler vermitteln können, davon je einen an den FC Bayern, den TSV 1860 und den FC Augsburg, zwei an die SpVgg Unterhaching und vier an den FC Ingolstadt.

David Schneider, Sportlicher Leiter der Fußball-Talente Freiham. (Foto: Bruno Haelke/privat)

Natürlich wünsche man sich, mal einen Fußballer in den Profibereich zu bringen, das aber sei nicht planbar: "Von mir wird es solche Versprechungen nie zu hören geben." Schneider verweist auf seine eigenen Erfahrungen als Ausbilder: Je vier Jahre lang hat er als Jugendtrainer beim 1. FC Nürnberg und bei der SpVgg Unterhaching gearbeitet, ehe er 2019 mit dem Gründer der FT Freiham, dem Online-Unternehmer Robert Wuttke, zusammentraf. Beide hatten ähnliche Ideen, um die Nische zwischen den Nachwuchsleistungszentren und dem lokalen Amateursport zu besetzen. Vier Jahre später trainieren über 100 Kinder bei den Fußballtalenten, sieben Mannschaften sind im Spielbetrieb.

Die FT haben es sich zum Prinzip gemacht, dass nur junge Kicker genommen werden, deren Anfahrtsweg nicht zu weit ist. "Es macht keinen Sinn, Kids aus Gersthofen oder Landsberg bei uns aufzunehmen, auch wenn es solche Anfragen gibt", sagt Schneider. Um den Osten Münchens abdecken zu können, gründet sich in Riem gerade der erste Ableger, die Fußball-Talente München. Im Herbst startet die Filiale mit drei Mannschaften in den Spielbetrieb.

Sowohl die BFA als auch die FT Freiham sind um eine gute Reputation bemüht. Die Breitensportvereine sind dennoch genervt. Halbe Nachwuchsmannschaften seien "im Handstreich gekapert" worden, betont Michael Franke. Er ist Vorsitzender der FT Gern, des Heimatklubs von Weltmeister Philipp Lahm. Im vergangenen Winter hat er das Aktionsbündnis "Fairer Jugendfußball München" mit sieben weiteren Vereinen gegründet und qualifizierte in einem SZ-Interview damals explizit die BFA und die FT Freiham als "Pseudovereine" ab.

Derzeit sei das Bündnis allerdings "ein schwieriges Thema", sagt Franke. Das liege daran, dass sein Verein eine Partnerschaft mit dem FC-Bayern-Campus eingegangen ist.

Michael Franke, Vorsitzender der FT Gern und Gründer des Aktionsbündnisses "Fairer Jugendfußball München". (Foto: privat/oh)

Das kam wiederum bei einigen Vereinen gar nicht gut an, etwa beim SV Waldperlach, dem Kooperationspartner der BFA. Dessen Jugendleiter Sebastian Feder beklagt eine "Doppelmoral" im Vorgehen von Gern, schließlich werde sein Klub aus den Reihen des Aktionsbündnisses ständig dafür kritisiert, dass er mit einer kommerziellen Schule zusammenarbeite. "Da wird Wasser gepredigt und Wein getrunken, da könnte ich durch die Decke gehen."

Franke rechtfertigt sich: "Es geht vor allem darum, unsere Trainer zum Hospitieren zu den Bayern zu schicken und unseren Kids ein regelmäßiges Förderkader-Training zu ermöglichen." Zudem habe der FCB ja auch unterhalb der U11 keine Nachwuchsmannschaften mehr, Wechsel im frühen Alter seien dadurch ausgeschlossen. Er bleibt bei seiner Kritik und betont, dass durch die "Akademien" zu viele Spieler zu früh aus ihren Heimatklubs herausgerissen würden - ohne Aussicht auf eine echte Leistungskarriere. Und dass die Breitensportklubs darüber hinaus immer wieder ihre mühevoll ausgebildeten Trainer verlieren.

Das treibt auch Niko Ludwig, Jugendleiter des FC Teutonia München, um: "Ich habe bereits vier Jugendtrainer an Freiham abgeben müssen. Die finden das natürlich toll: Bei uns waren sie ehrenamtlich, dort verdienen sie richtig Geld." Die Rede ist von bis zu 400 Euro, die ein Coach monatlich erhält.

Auch mit der Rekrutierung von Spielern durch kommerzielle Fußballschulen war Ludwig bislang alles andere als einverstanden: "Die sind dann zu Jugendturnieren mit sechs, sieben Scouts gekommen, das war eine richtige Fleischbeschau." Dabei sei es Aufgabe eines Vereins, den Nachwuchs aus der Umgebung abzuholen. "Aber wenn man zum Beispiel in Freiham beim Training zuschaut, dann steht dort kein einziges Fahrrad. Man sieht dort nur jede Menge Autos mit den wartenden Eltern am Parkplatz."

"Ich war teilweise schockiert, wie Eltern auf den Schiedsrichter und auf gegnerische Spieler losgegangen sind", sagt Michael Hofmann

Die BFA hatte in der Vergangenheit aus mehreren Gründen keinen guten Ruf. Das lag auch am öffentlichen Auftreten von Eltern und Spielern. "Ich war teilweise schockiert, wie Eltern auf den Schiedsrichter und auf gegnerische Spieler losgegangen sind", sagt der neue Sportchef Hofmann. Ein solches Verhalten werde er in Zukunft nicht mehr dulden. Sebastian Feder, der Jugendleiter des Kooperationsvereins Waldperlach, relativiert: Bei ihm seien zwar Beschwerden auf dem Schreibtisch gelandet, aber es seien nicht nur BFA-Eltern gewesen, die sich danebenbenommen hätten, sondern auch "welche von unseren Waldperlachern".

Zudem war der frühere BFA-Sportchef nach Meinung der Ehrenamtlichen in den Breitensportvereinen bei seinen Abwerbeversuchen ziemlich aggressiv vorgegangen. Sein Nachfolger Hofmann setzt auf Dialog: "Ich habe bereits einige Vereine angesprochen. Mir ist wichtig, dass wir bei der Nachwuchsförderung nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten."

Bei den FT Freiham haben sie ebenfalls aus früheren Konfrontationen gelernt. Mittlerweile übernehmen sie "maximal zwei Spieler aus einem Jahrgang eines Vereins", sagt Sportchef Schneider. "Natürlich ist es immer doof, wenn ein Klub Spieler verliert, aber es gehört auch zum Fußball und ist ganz normal, wenn man stil- und respektvoll miteinander umgeht."

Der Verband räumt ein, dass es Nachholbedarf bei gut ausgebildeten Jugendtrainern gibt

"Das hören wir natürlich gerne", sagt Teutonia-Funktionär Ludwig. "Aber sie müssen wirklich etwas für ihr Image tun." Und Gern-Boss Franke meint: "Wir werden das Rad nicht mehr zurückdrehen, aber es würde mich freuen, wenn sich ein anderer Ansatz bei den Fußballschulen durchsetzt."

Bleibt die Frage, wie sich der Bayerische Fußball-Verband (BFV) in dieser Thematik positioniert. "Alle Eltern sehen in ihrem Sohn den neuen Thomas Müller", sagt BFV-Präsident Christoph Kern. Vor allem die Vereine in den Ballungszentren aber hätten "absoluten Nachholbedarf an qualitativ gut ausgebildeten Trainern". Es fehlten die Ehrenamtlichen, und wenn es solche gebe, "dann haben sie nicht die Zeit, sich fortzubilden".

Einen anderen Punkt spricht Fabian Frühwirth, Pressesprecher des BFV, an: Viele Vereine verlangten sehr geringe Mitgliedsbeiträge, die kaum ausreichten, um den Kindern vernünftige Trainingsbedingungen zu bieten: Ein Mitgliedsbeitrag von 35 Euro im Jahr etwa sei "ein Scherz". Teutonia-Jugendleiter Niko Ludwig nimmt den Faden auf: "In Freiham zahlen die Eltern 180 Euro im Monat für ihre Kinder, bei uns sind es 168 Euro - im Jahr. Dass wir mit diesem Geld niemals leisten können, was die anderen leisten, ist offensichtlich."

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