Jürgen Klopp:Eines Tages durfte Klopp nicht mitspielen

Lesezeit: 12 min

Klopp: Die meiste Kritik funktioniert nur in der Gruppe, vor allen anderen. Aber wenn ich jemandem ansehe, dass der Stress wegen seiner Nicht-Aufstellung extrem zu sein scheint, muss man das eher unter vier Augen ansprechen.

SZ: Woher wissen Sie, welcher Spieler in welcher Situation eher auf Einzelkritik reagiert?

Klopp: Ich unterhalte mich gerade am Anfang mit meinen Spielern sehr lange und intensiv. Mich interessiert: Was ist das für ein Mensch? Aus was für einer Familie kommt er, hat er Geschwister, hat er schon Kinder? Schule zu Ende gemacht, Schule abgebrochen? Studium? Ich bin interessiert, aber nicht neugierig.

SZ: Mischen Sie sich bei Spielern auch ins Private ein, wenn Sie sehen, dass da etwas schiefläuft?

Klopp: Ich hatte von einem Spieler gehört, dass er sich einen Riesen-Audi bestellt hatte, den er sich mit seinem Anfängergehalt noch längst nicht leisten konnte. Und sollte. Ich bin dann zum Autohaus gegangen und habe gesagt: Vertrag sofort canceln . . .

SZ: ... gut, da ging es ums Finanzielle. Mischen Sie sich ins Private auch ein?

Klopp: Natürlich nicht. Aber ich erinnere mich, dass Neven Subotic, als er vor eineinhalb Jahren in Dortmund ankam, mit so Rasta-Löckchen dastand. Neven ist sonst einer der erwachsensten 21-Jährigen, die ich je getroffen habe. Aber diese Löckchen ... Jedenfalls habe ich ihm gesagt: Du willst hier durch Leistung auffallen, nicht durch deinen Hut. Am nächsten Tag war der Rasta-Look weg. Im Fußball muss man aufpassen, dass man in diesem Bereich keine Fehler macht.

SZ: Sie sind im Kern also doch ein autoritärer Trainer?

Klopp: Ich glaube: Autorität kommt nur von Überzeugung. Die Spieler müssen sowieso machen, was ich sage. Ich mache mich auch mal über eine Frisur lustig, okay. Aber das Spiel selbst stellt die meisten Regeln von allein auf. Nur ein paar kommen von mir dazu. Ich denke, die Spieler müssen machen, was ich sage, weil das richtig ist - und nicht, weil ich es halt sage. Über die meisten Dinge, um die es im Mannschaftsbetrieb geht, habe ich acht Mal so lange nachgedacht wie die Spieler. Dabei muss doch etwas herauskommen.

SZ: Die Mannschaftsaufstellung ist das, was die Autorität eines Trainers auf den Punkt bringt. Wie geben Sie Ihre erste Elf bekannt?

Klopp: Ich erzähle Ihnen mal was: Ich war bei Mainz immer Stammspieler. Eines Tages, Rene Vandereycken war zu der Zeit unser Trainer, hing der übliche Zettel mit der Mannschaftsaufstellung an der Kabinentür. Wir spielten gegen Reutlingen. Ich habe gar nicht drauf geschaut, aber andere Spieler sprachen mich an: Warum spielst du nicht? Ich bin zum Trainer: Was ist los? Er hatte keine Begründung, keine Erklärung, nichts. Ich war so aufgewühlt, ich hätte ihm am liebsten eine reingehauen.

SZ: Und deshalb nageln Sie jetzt nicht einfach die Besetzungsliste an die Tür?

Klopp: Natürlich nicht. Aber der unangenehmste Moment für einen Trainer ist doch der, in dem die perfekte Situation da ist: Alle gesund, alle richtig gut drauf. Und du musst entscheiden: Du nicht! Du auch nicht! Wir machen es so, dass sich aus dem Spiel im Abschlusstraining schon eindeutig ergibt, welche erste Elf spielen wird. Am Ende des Trainings sage ich, noch auf dem Spielfeld, im Mannschaftskreis, wer außerdem im Kader ist, wer zur zweiten Mannschaft abgestellt wird, wer auf die Tribüne geht. Auf dem Platz ist dazu dann von den Spielern keine Reaktion mehr erlaubt.

SZ: Warum keine Reaktion?

Klopp: Weil das zeigen würde, dass dem Spieler die eigene Situation wichtiger ist als der Respekt vor dem Mannschaftserfolg. Wenn es etwas zu besprechen gibt, stehe ich dafür am Sonntag nach dem Spiel zur Verfügung. Wenn jemand nicht spielt, heißt Nicht-Spielen nur, dass es welche gibt, die noch ein bisschen besser sind. Das wissen Spieler aber in der Regel heutzutage auch einzuschätzen, dass sie sich in einem dichten Leistungsfeld bewegen.

SZ: Wie reagieren die, die nicht spielen dürfen?

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